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Kinokritik
Donnerstag, 24. Mai 2018 23° 4

Was werden die Leute sagen

Zwischen zwei Welten
von Gabriele Summen

  • "Was werden die Leute sagen" ist ein schockierender Film darüber, wie patriarchale Traditionen und ein falscher Ehrbegriff eine Familie zerstören. Foto: Pandora Film Verleih
  • In Pakistan soll Nisha (Maria Mozhdah) lernen, sich unterzuordnen. Foto: Pandora Film Verleih
  • In Pakistan wird Nisha (Maria Mozhdah), der ihr beschädigter Ruf vorauseilt, von ihren Mitschülerinnen nach ihren vermeintlichen sexuellen Erfahrungen gefragt. Foto: Pandora Film Verleih
  • Der verzweifelte Vater Mirza (Adil Hussain) drängt seine Tochter Nisha (Maria Mozhdah), sich umzubringen. Foto: Pandora Film Verleih
  • Gegen ihren Willen verschleppt Nishas Vater (Adil Hussain, Mitte) seine Tochter (Maria Mozhdah, Mitte links) zu seinen Verwandten nach Pakistan. Foto: Pandora Film Verleih
  • Nishas Vater (Adil Hussain) ist seit dem lächerlichen Vorfall wie ausgewechselt: brutal und kaltherzig. Foto: Pandora Film Verleih
  • Bei ihrem Cousin Amir (Rohit Saraf) verspürt Nisha (Maria Mozhdah, Mitte) ein klein wenig Geborgenheit. Foto: Pandora Film Verleih
  • Nach dem Gespräch bei der Jugendfürsorge beschließt Nishas Mutter Najma (Ekavali Khanna) ihre entehrte Tochter (Maria Mozhdah) zwangsverheiraten zu lassen. Foto: Pandora Film Verleih
  • Nishas Onkel (Lalit Parimoo) verbrennt den Reisepass seiner Nichte Nisha (Maria Mozhdah). Foto: Pandora Film Verleih
  • Motiv aus "Was werden die Leute sagen" Foto: Pandora Film Verleih
  • Motiv aus "Was werden die Leute sagen" Foto: Pandora Film Verleih

"Spring!", befiehlt der seine Tochter eigentlich über alles liebende pakistanische Vater dem zutiefst verstörten jungen Mädchen vor einem Abgrund. Selten hat man in einem Film eine so schockierende Vater-Tochter-Szene erlebt, wie in dem Familiendrama "Was werden die Leute sagen". Der zweite Film der vielversprechenden iranisch-norwegischen Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Iram Haq ("I Am Yours") erzählt auf kluge Weise von dem grauenvollen Dilemma einer pakistanischen Migrantenfamilie, die die Kluft zwischen ihrer neuen Kultur in Norwegen und den patriarchalen Traditionen ihres Herkunftslandes nicht zu überwinden vermag und deshalb sehenden Auges das Leben ihrer Tochter zerstört.

Nisha (gespielt von der fantastischen, 17-jährigen Schauspieldebütantin Maria Mozhdah) lebt ein Doppelleben: Außerhalb ihres Zuhauses in Oslo benimmt sie sich wie ein ganz normaler norwegischer Teenager, tanzt, flirtet, trinkt Alkohol. Doch daheim muss sie sich den Regeln der strengen Traditionen ihrer Eltern beugen, die sehr darauf achten, was die Leute in ihrer pakistanischen Gemeinde von ihnen halten. Dennoch bekommt Nisha diesen Spagat ganz gut hin, hat ein liebevolles Verhältnis zu ihrem hart arbeitenden Vater Mirza (großartig: Adil Hussain, bekannt aus "Schiffbruch mit Tiger"), der sehr stolz auf die ausgezeichnete Schülerin ist.

Eines Tages erwischt er Nisha mit ihrem Freund in einer missverständlichen Situation in ihrem Zimmer und rastet aus. Der Vater schlägt die Tochter und ihren Freund zusammen. Ein Nachbar ruft die Polizei. Damit ist der Ruf der Familie beschädigt - die pakistanische Gemeinde verlangt eine strenge Strafe zur Abschreckung. Bis dahin ist man der sympathischen Protagonistin schon sehr nahe gekommen und bangt um jede weitere Eskalation in dieser komplizierten Familiendynamik. Die vollkommen unschuldige Nisha bekommt keine Gelegenheit, sich zu rechtfertigen, denn für die fundamentalistischen Eltern zählt sowieso nicht die Wahrheit, sondern allein Nishas Ruf.

Man spürt in jeder tiefgründigen Einstellung, dass die Regisseurin weiß, wovon sie erzählt. Sie wurde im Alter von 14 Jahren von ihren eigenen Eltern verschleppt und musste für eineinhalb Jahre in Pakistan bei ihren Verwandten leben. So ergeht es auch der völlig verstörten Nisha, die vom Vater bei dessen Familie, in einem weit von Islamabad entfernten Dorf, abgeliefert wird. Dort soll sie lernen, sich unterzuordnen. Nach einigen Fluchtversuchen, woraufhin der Onkel schließlich ihren Pass verbrennt und sie einsperrt, fügt sie sich so gut es geht in ihre neue Situation - in einem Land, in dem Frauen traditionsgemäß unterdrückt werden.

Als das einsame Mädchen mit ihrem Cousin einen heimlichen Kuss austauscht, wird sie von der korrupten pakistanischen Polizei erwischt und unvorstellbar gedemütigt. Nun hat sie auch noch Schande über das Haus ihrer Verwandten gebracht und darf dort nicht mehr bleiben. Zurück in Norwegen geht das Martyrium des Mädchens, dass sich nichts sehnlicher wünscht, als sich mit den Eltern zu versöhnen, weiter. Und sie sieht sich gezwungen, eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen.

Haqs schonungsloses Drama, das mutig darauf pfeift, was wohl einige ihrer Landsmänner dazu sagen werden, verkommt dank ihrer persönlichen Betroffenheit nie zu einer plumpen und gefährlichen Verurteilung einer anderen Kultur. Stattdessen zeigt es unverblümt, was patriarchale Traditionen für verheerende Schäden anrichten können - sowohl bei den Opfern als auch den Tätern.

teleschau - der mediendienst

Filmname: Was werden die Leute sagen
Studio: Pandora Film Verleih
Starttermin: 10.05.2018
Regisseur: Iram Haq
Schauspieler: Maria Mozhdah, Adil Hussain, Ekavali Khanna
Land: N / D / S
Genre: Drama
Bewertung: ausgezeichnet

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