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"Freies Land"

Blühende Tristesse

Christian Alvart adaptiert den spanischen Post-Franco-Thriller "La Isla Mínima - Mörderland" und verpflanzt die Geschichte in die Zeit kurz nach dem Untergang der DDR. Herausgekommen ist eine grimmige Serienkillerjagd, die sich ruhig etwas stärker von ihrer Vorlage hätte lösen können.

  • Ein westdeutscher Polizist und sein ostdeutscher Kollege suchen im Kriminalthriller "Freies Land" tief im Osten der vor kurzem wiedervereinten Republik nach zwei vermissten Schwestern. Foto: Telepool
  • Patrick Stein (Trystan Pütter, rechts) und Markus Bach (Felix Kramer) verschaffen sich nur langsam ein Bild von den Verhältnissen und Konflikten in der ländlichen Region. Foto: Telepool
  • Katharina (Nora von Waldstätten), die Mutter der beiden vermissten jungen Frauen, ist die Einzige, die an der Aufklärung des Falls Interesse zeigt. Foto: Telepool
  • Auf der Suche nach den beiden vermissten Schwestern quartieren sich die ungleichen Ermittler Patrick Stein (Trystan Pütter, links) und Markus Bach (Felix Kramer) in einem Provinzhotel mit einem hoffnungsfrohen Namen ein. Foto: Telepool
  • Bei ihren Ermittlungen treffen die Kommissare Patrick Stein (Trystan Pütter, vorne rechts) und Markus Bach (Felix Kramer, vorne links) auf einen verdächtigen Wilderer (Ben Hartmann, kniend). Foto: Telepool
  • Kommissar Patrick Stein (Trystan Pütter) begutachtet ein wichtiges Beweisstück. Foto: Telepool
  • Stößt die Mutter der toten Mädchen (Nora von Waldstätten) hier auf eine neue Spur? Foto: Telepool
  • Katharina (Nora von Waldstätten) ist von Trauer zerfressen, unterstützt die Kommissare aber mit kleinen Hinweisen. Foto: Telepool
  • Nicht immer einer Meinung: Patrick Stein (Trystan Pütter, rechts) hat sich eine Prügelei mit seinem ostdeutschen Kollegen Markus Bach (Felix Kramer) geliefert. Foto: Telepool
  • Kommissar Stein (Trystan Pütter) wird in einen trostlosen Landstrich beordert, wo sich der Zahn der Zeit überall bemerkbar macht. Foto: Telepool

Denkt man an den Zusammenbruch der DDR, hat man sofort Bilder des Freudentaumels vor Augen: jubelnde Massen in den Straßen und wildfremde Menschen, die sich weinend vor Glück in den Armen liegen. Der ausgelassenen, hoffnungsfrohen Stimmung folgte allerdings sehr bald ein handfester Kater, da sich die im ersten Überschwang versprochenen blühenden Landschaften nicht einfach aus dem Boden stampfen ließen. Regisseur Christian Alvart (verantwortlich für mehrere Til-Schweiger-"Tatorte"), der unermüdlich versucht, deutsches Spannungskino salonfähig zu machen, legt den Finger mit seinem neuen Film in die Wunde namens Wiedervereinigung.

"Freies Land" spielt im Jahr 1992 und handelt von zwei denkbar gegensätzlichen Polizisten, die im Oder-Delta das Verschwinden eines Schwesternpaares untersuchen sollen. Der beherrschte, aus Westdeutschland kommende Patrick Stein (Trystan Pütter, "Toni Erdmann") und sein ruppiger ostdeutscher Kollege Markus Bach (Felix Kramer, "Dogs of Berlin") stoßen zunächst auf eine Mauer des Schweigens. Abgesehen von der Mutter der Vermissten (Nora von Waldstätten) scheint niemand an einer Aufklärung interessiert zu sein. Bewegung kommt erst dann in den mysteriösen Fall, als die übel zugerichteten Leichen der jungen Frauen auftauchen und ein schrecklicher Verdacht Gestalt annimmt. Offenbar treibt in der abgeschiedenen Region ein Serientäter sein Unwesen.

Trostlosigkeit, wohin man schaut

Mit seinen matschig-farblosen Winterimpressionen erzeugt Regisseur Alvart, der auch für die Kameraarbeit verantwortlich zeichnet, von Anfang an ein beklemmend-frostiges Klima. Die Ermittler Stein und Bach werden in ein trostloses Provinzsetting beordert, in dem von den Verheißungen des Mauerfalls nicht mehr viel geblieben ist. Immer wieder geraten heruntergewirtschaftete Schauplätze in den Blick. Orte, die das unterstreichen, was im Drehbuch ständig zur Sprache kommt: Gerade für junge Menschen gibt es hier keine Perspektiven. Die einzige Chance auf ein besseres Leben ist die Flucht, von der auch die beiden Schwestern geträumt haben sollen.

"Freies Land" versteht es, die bedrückende Atmosphäre auf den Zuschauer zu übertragen, wartet in den Hauptrollen mit überzeugenden Darbietungen auf und hat einige gelungene Spannungsmomente in petto. Wer allerdings die spanische Vorlage für Alvarts Postwende-Thriller kennt, dürfte sich verwundert die Augen reiben, wie eng sich die Adaption an den preisgekrönten Film "La Isla Mínima - Mörderland" klammert. Nicht nur die Figurenkonstellation und der Großteil der Handlung werden fast eins zu eins übernommen. Auch die markanten Vogelperspektiven aus Alberto Rodríguez' grandios fotografiertem Hinterland-Krimi, der die Nachwehen der Franco-Diktatur seziert, finden sich in der deutschen Version wieder.

Etwas mehr Eigenständigkeit hätte der Neuverfilmung sicher nicht geschadet. Die Idee, den düsteren Serienkiller-Plot auf die hiesigen Verhältnisse nach dem Ende der DDR zu projizieren, ist durchaus reizvoll. Manchmal bleibt Alvarts Bestandsaufnahme der konfliktbehafteten Zusammenführung aber zu sehr an der Oberfläche. Und das, obwohl der Riss zwischen alten und neuen Bundesländern gerade in diesen Tagen immer stärker spürbar wird. Spannend sind im Film vor allem die kleinen Hinweise darauf, wie rücksichtslos und raubtierhaft der Westen nach dem Zusammenbruch des Unterdrückungssystems bisweilen über den Osten hergefallen ist. Schade nur, dass der finster-pessimistische Polizeithriller hier nicht noch ein bisschen tiefer gräbt.

Christopher Diekhaus

Trailer "Freies Land"

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