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Kleine Filme aus Lust und Leidenschaft

Im Sonderprogramm „Herzensangelegenheiten“ der Regensburger Kurzfilmwoche stellen langjährige Mitstreiter ihre persönlichen Lieblingsstreifen vor.
Von Fred Filkorn, MZ

Herzensangelegenheit von Claudia Gladziejewski: „Business as usual – Der Prophet fliegt mit“. Eva (Esther Schweins) weigert sich, neben einem Araber Platz zu nehmen.Foto: Lenn Kudrjawizki

Regensburg.Insa Wiese hat ihren Herzensfilm beim Zwergwerk-Festival in Oldenburg kennen gelernt. „,Fliegenpflicht für Quadratköpfe’ hat mich begeistert, weil er mit einfachen Mitteln eine riesige Wirkung erzielt“, erklärt die Leiterin der Regensburger Kurzfilmwoche. Regisseur Stephan Müller nimmt das, was er im öffentlichen Raum vorfindet – Verkehrsschilder, Hinweistafeln, Plakatwände – und verleiht ihnen mit kleinen handgebastelten Änderungen und einer filmischen Perspektivverschiebung eine grandiose neue Bedeutung. „Er zeigt das ungeheure Potential auf, das im Medium Film steckt“, so Wiese.

Neben ihrem eigenen Team hat Wiese zum 20. Geburtstag der Kurzfilmwoche sechs langjährigen Weggefährten und Mitstreitern eine eigene Lieblingskurzfilmrolle gegönnt. Die durfte nach Lust und Laune zusammengestellt werden. Axel Behrens von Deutschlands größtem Kurzfilmverleih, der Kurzfilmagentur Hamburg, und sein österreichischer Kollege Gerald Weber von sixpackfilm hatten allerdings ihre liebe Not mit der zeitlichen Begrenzung. „Als ich eine Vorauswahl traf, wurde die Liste länger und länger“, erinnert sich Behrens. Auch der erste Leiter der Regensburger Kurzfilmwoche, Medard Kammermeier, spürte die Qual der Wahl: „Es ist anstrengend, sich bei der Auswahl selbst zensieren zu müssen.“ Neben den drei Herren setzt auch Jing Haase von der skandinavischen Promotionplattform „Filmkontakt Nord“ ganz auf die kreative Vielfalt des Kurzfilms. Roger Gonin hingegen hat sich ein Thema gesetzt. Der Festivaldirektor des weltweit größten Kurzfilmfestivals in Clermont-Ferrand möchte mit seiner Auswahl die zunehmende Entfremdung des Menschen von seiner natürlichen Umwelt thematisieren.

Dystopie mit Gummi-Maulwürfen

Im mexikanischen „Para armar un Helicóptero“ entwickeln Menschen angesichts der Klima- und Wirtschaftskrise neue Selbstversorgerinstinkte. Im japanischen Sci-Fi-Streifen „Junk Head 1“ bewegen sich Stop-Motion-animierte Gummi-Maulwürfe durch eine computergenerierte Dystopie voller furchterregender Zwischenwesen. Symptomatisch für das Kurzfilmgenre heißt es im Abspann: „Ich hatte kein großes Budget – diesen Film habe ich aus einer Idee heraus gemacht und mit der Leidenschaft, ihn bis zum Ende durchzuziehen.“

Auch Claudia Gladziejewski von der BR-Redaktion „Kurzfilm und Debüt“ hat sich einen thematischen Schwerpunkt gesetzt. Die Filme ihrer Auswahl sind in gesellschaftlichen Problemzonen angesiedelt. Wie gehen wir mit anti-islamischen Reflexen um? Welche Folgen hat die restriktive Einwanderungspolitik? Soll die Staatengemeinschaft in humanitären Krisensituationen militärisch eingreifen? Interessant an Gladziejewskis Selektion ist, dass sie aus hochwertig produzierten Mini-Spielfilmen besteht, die zahlreiche bekannte Schauspieler featuren. So dürfen sich die Zuschauer auf Esther Schweins, Susanne Lothar, Maximilian Brückner, den ehemaligen VIVA-Moderator Tyron Ricketts und Til Schweiger-Spezi Fahri Yardim freuen.

In den sieben Programmen steht der knackige Einminüter neben halbstündigen Mini-Epen, die Animation neben dem Realfilm, Dokumentarisches trifft auf Inszeniertes. Auffällig ist auch, welch bedeutende Rolle die Musik in vielen Kurzfilmen spielt. D kürzlich verstorbene kroatische Experimentalfilmer Ivan Ladislav Galeta lässt in „Wal(l)zen“ einen Chopin-Walzer vorwärts und rückwärts einspielen. Die schräg versetzte Wiederholung der Klaviermelodie klingt wie ein früher Vorläufer elektronischer Tanzmusik. Auch Jeroen Offerman dreht den Spieß um: Der Niederländer steht auf der Treppe der Londoner St-Pauls-Cathedral und singt „Stairway to Heaven“ von hinten her. Die satanische Botschaft, die dem Led-Zeppelin-Hit nachgesagt wurde, stellt sich allerdings nicht ein.

Eine Wohnung als Resonanzkörper

„Le p’tit bal“ ist ein französisches Liebeslied, das sich in Gebärdensprache artikuliert. Das britische Elektronikduo Orbital lässt in seinem Musikvideo „The Box“ die junge Tilda Swinton durch ein gefühlskaltes, postapokalyptisches London wandeln. „The Feast“ und „Human Radio“ bringen die Freuden des Tanzes zum Ausdruck. Wie ein abgehackter Robotertanz wirken auch die abrupten Bewegungen der nordkoreanischen Verkehrspolizistin in „Pyongyang Robogirl“.

Ein echter Kurzfilmklassiker ist der schwedische „Music For One Apartment and Six Drummers“. Sechs wild gewordene Reinigungskräfte entern eine Wohnung und nutzen das gesamte Inventar als Resonanzkörper: „Die fetten Jahre sind vorbei“ für Rhythmusverrückte. In „Love You More“ von Sam Taylor-Wood bildet ein spritziger New-Wave-Soundtrack die musikalische Kulisse für die erste große Liebe. 100 Prozent Rock’n’Roll ist auch Jim Jarmuschs Episodenfilm „Coffee and Cigarettes“, in dessen drittem Teil „Somewhere in California“ die Underground-Ikonen Iggy Pop und Tom Waits aufeinander treffen – und sich eigentlich nichts zu sagen haben.

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