MyMz

Bei ihr sind Frauen nicht nur Sidekicks

Ihre Protagonistinnen sind stark, verletzlich und unangepasst. Jennifer Reeder sieht das als Ausgleich zum Mainstream an.
Von Katharina Kellner

Musik ist besonders wichtig für die Amerikanerin Jennifer Reeder. In ihren Filmen verwendet sie sie als erzählerisches Mittel. Foto: Jennifer Reeder
Musik ist besonders wichtig für die Amerikanerin Jennifer Reeder. In ihren Filmen verwendet sie sie als erzählerisches Mittel. Foto: Jennifer Reeder

Regensburg.In einem Interview haben Sie einmal gesagt, es gäbe in Amerika nicht genügend Filme über schwierige Frauen. Warum wollen sie den Schwierigen in Ihren Filmen eine Stimme geben?

Es geht um Gleichheit. Viele Filme geben schwierigen Männern eine Stimme, während ihre weiblichen Pendants eindimensionale Nebendarstellerinnen bleiben. Das ist abwertend. Menschen sind komplexe Wesen. Es geht weniger darum, dass ich schwierigen Frauen eine Stimme geben will – ich präsentiere Frauen authentisch.

In ihrer Arbeit als Filmemacherin bezeichnen Sie sich selbst als Aktivistin. Welche Botschaft wollen Sie dem Publikum mitgeben?

Ich betrachte meine Filme als eine Form von sozialer Gerechtigkeit, vor allem in Hinblick darauf, wen sie darstellen. Oberflächlich betrachtet scheinen meine Filme keine kraftvolle politische Agenda zu haben. Sie sind als Drehbücher geschriebene Erzählungen, die Humor und Musik dazu nutzen, die Handlung voranzutreiben. Aber es gibt eine Botschaft. Ihr Kern ist: Es gibt unzählige Geschichten von Bedeutung, in denen es nicht um heterosexuelle, weiße, körperlich unversehrte Cis-Männer geht. In meiner politischen Zielsetzung geht es um das Sichtbar machen.

In unserer Map haben wir das Programm der Kurzfilmwoche zusammengestellt:

Ihr Film „All small bodies“ ist inspiriert von „Hänsel und Gretel“. In Ihrer Version treffen zwei kleine Mädchen auf eine böse männliche Hexe. Die böse Stiefmutter gibt es bei Ihnen nicht. Warum?

Ich liebe den ganzen Katalog der Märchen der Brüder Grimm. Aber sie tendieren dazu, zu Mädchen und Frauen ganz schön grausam zu sein. Deshalb habe ich es als zwingend angesehen, bei den Kindern und der „Hexe“ die Geschlechter neu zu sortieren und die „böse Stiefmutter“ durch eine Figur zu ersetzen, die gefangen ist in einer von Missbrauch und Lieblosigkeit geprägten Beziehung. Das Skelett des Originals ist vorhanden, aber meine Version der Geschichte hat eine interessantere Haut. Meine Geschichte ist außerdem in einer weit entfernten und ziemlich düsteren Zukunft angesiedelt.

Musik spielt in Ihren Filmen eine wichtige Rolle. Warum?

Musik hat etwas wirklich Magisches. Sie ist so etwas wie ein heilendes Gegengift, das einen Moment verwandeln kann – im Film wie im echten Leben. Ich nutze Musik als erzählerisches Mittel, um die emotionale Temperatur der Geschichte weiterzudrehen oder einen Wandel in der Charakterentwicklung zu zeigen. Außerdem nutze ich Musik, die ich liebe oder die mir aktuell gefällt, um ein kleines autobiographisches Element in meine Geschichten einzuspeisen.

Die Kurzfilmwoche zeigt Ihr Musikvideo „One thousand ways to skin it“. Da machen zwei Mädchen, gekleidet als Black-Metal- Bräute, eine Playback-Performance. Was hat Sie da inspiriert?

Die Mädchen, die vor der Kamera auftauchen, haben mich dazu inspiriert. Sie haben früher immer diese kleinen Musikvideos mit dem Computer ihrer Eltern gemacht, wenn die nicht zuhause waren. Sie hatten unter anderem eine ausgefeilte Choreographie und Kostümwechsel. Gerade ihre Energie und Kreativität war es, die ich wirklich liebte. Und ihren Willen, der alleine zuhause verbrachten Nacht ihre ganz eigene Bedeutung zu geben. Ich liebe auch diesen Song wirklich – ein Mash-Up aus „Bootylicious“ von Destiny’s Child und „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana. 1999 habe ich ein Video gemacht, indem ich „Smells Like Teen Spirit“ lippensynchronisiert habe. Das neue Video ist nun wie eine Begleitung des Originals – eine Wiederholung. Es wäre nett, beide einmal zusammen zu sehen.

Jennifer Reeder bei der Kurzfilmwoche

  • Bekannt wurde sie

    durch ihren Film White Trash Girl, dessen dritter Teil im Programm „Midnight Movies 1“ zu sehen ist. Reeder selbst spielt darin einen weiblichen Outcast. Sie wurde 1971 in Ohio geboren. 1995 schloss sie ihre Ausbildung an der School of the Art Institute in Chicago ab.

  • In ihren Arbeiten

    setzt sie sich mit den Themen Adoleszenz, Sexualität und Gender auseinander. Die Regensburger Kurzfilmwoche zeigt Jennifer Reeders Programm am Samstag, 17. März, 21 Uhr, im Kino Wintergarten. Reeder ist beim Festival außerdem Mitglied der Internationalen Jury. (kk)

Alle Artikel zur Regensburger Kurzfilmwoche lesen Sie hier.

Weitere Nachrichten aus der Kultur lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht