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Starke Frauen als roter Faden

Bei der Regensburger Kurzfilmwoche stehen Regisseurinnen im Rampenlicht. Hartnäckig und humorvoll hinterfragen sie Klischees.
Von Katharina Kellner

Im Film „The Knits“ erzählt Künstlerin Lisa Birke vom Ablösen von den Eltern. Sie durchquert ihre Heimat Kanada in einem von ihrer Mutter gestrickten Ganzkörper-Wollpullover – von der Westküste bis nach Ontario im Osten. Dabei löst sich der Pulli auf, den Faden hält die Mutter in der Hand. Foto: Lisa Birke
Im Film „The Knits“ erzählt Künstlerin Lisa Birke vom Ablösen von den Eltern. Sie durchquert ihre Heimat Kanada in einem von ihrer Mutter gestrickten Ganzkörper-Wollpullover – von der Westküste bis nach Ontario im Osten. Dabei löst sich der Pulli auf, den Faden hält die Mutter in der Hand. Foto: Lisa Birke

Regensburg.Als das Team der Internationalen Kurzfilmwoche Regensburg ein Thema für das diesjährige Festivals suchte, gab es die #MeToo-Debatte noch nicht. Doch wenn in zwei Wochen viele Filme mit weiblicher Handschrift über die Leinwand flimmern, wird das Festival damit am Puls der Zeit sein. Diese diskutiert über Machtverhältnisse – besonders intensiv in der Filmbranche.

„Starke Frauen“ ist das Thema der aktuellen 24. Ausgabe der Kurzfilmwoche. Dabei gehe es weniger darum, Filme über Frauen zu zeigen, sagt Festivalchefin Insa Wiese. Vielmehr will sie und ihr Team die Arbeit von Regisseurinnen in den Mittelpunkt stellen. Die sind immer noch unterrepräsentiert. Die Filme befassen sich mit dem Status von Frauen und Männern in der Gesellschaft. Sie seien aber keineswegs humorfrei, merkt Wiese an und natürlich auch für Männer sehenswert. Und unterhaltsam, denn die Regisseurinnen bewiesen Humor und Hintersinn.

Fee und Bäuerin: Die Bombe ist ihnen schnuppe

So wie die kanadische Performancekünstlerin Lisa Birke. Sie macht eher filmische Video-Performances, wie Michael Fleig vom Festivalteam erklärt. Dabei tritt sie selbst als Protagonistin auf wie in ihrem Film „Bombshell“ (2016). Darin nimmt sie das Klischee vom coolen Helden aufs Korn, der gemächlich dahinflaniert, während hinter ihm eine Bombe explodiert. Birke schlüpft nun in vier stereotype Frauengestalten: Eine Hausfrau, eine Fee, eine Bäuerin und eine Geschäftsfrau zeigen sich unbeeindruckt von gewaltigen Feuerbällen am Himmel. Damit unterläuft die Künstlerin auf subversive Weise das Bild vom stoischen, emotionslosen Mann, einem festen Motiv in der Filmgeschichte. Acht Filme von Lisa Birke sind am 15. März im Programm Cinema Mi Vida zu sehen. Das Programm ist „ein sehr experimentalfilmlastiges“, sagt Fleig. Birkes Videokunst entstehe in erster Linie für Galerien und Museen. „Sie beschäftigt sich mit der Tradierung und den Vorstellungen, wie Frauenbilder in unserer Kulturgeschichte zirkulieren. Es sind einerseits sehr anspruchsvolle Filme, andererseits Filme, die einen zum Lachen bringen.“ Die Galerie im W1 zeigt ein großes Bild auf Leinwand aus Birkes aktuellem Kurzfilm „The Knits“. Für diesen durchquerte Birke Kanada in einem Ganzkörperwollpullover. Dabei löst sich der Pullover auf, den Birkes Mutter selbst gestrickt hat, was die Ablösung der Tochter von den Eltern versinnbildlicht. Die landschaftliche Schönheit ihrer Heimat Kanada spiele in Birkes Filmen eine wichtige Rolle, sagt Fleig.

Weitere Werkschauen beleuchten die Arbeit von Monika Treut und Jennifer Reeder. Erstere ist deutsche Filmregisseurin, Produzentin und Autorin, die als Avantgardistin des „New Queer Cinema“ gilt. Sie gründete 1984 mit der Regisseurin Elfi Mikesch die unabhängige Produktionsfirma Hyena Films. Von 1989 bis 1992 arbeitete sie in New York, wo sie Filme drehte und an US-Hochschulen unterrichtete. Die amerikanische Filmemacherin Reeder, geboren 1971 in Ohio, wurde durch „White Trash Girl“ bekannt, einem Film über die amerikanische weiße Unterschicht. In aktuellen Filmen zeigt sie, wie heranwachsende Mädchen durch Sprache, Musik und Mode ihre Identität formen.

Zu den „Starken Frauen“ gibt es fünf Programme, darunter eines mit historischen Filmen und eines mit Filmen arabischer Filmemacherinnen. Doch das Thema zieht sich wie der rote Faden durch das Programm: Auch die „Midnight Movies“, zwei Ausstellungen im W1 und ein Vortragsabend widmen sich dem Schwerpunkt.

Weiteres Herzstück des Festivals sind die fünf Wettbewerbe: Acht Programme gibt es im Internationalen Wettbewerb, vier im Deutschen Wettbewerb. 4000 kurze Streifen haben Filmemacher aus aller Welt in diesem Jahr nach Regensburg geschickt, davon 3200 für den Internationalen Wettbewerb, zählt Michael Fleig auf. 319 ausgewählte Filme zeigt das Festival insgesamt. Im Bayernfenster gebe es wegen der hochwertigen Einreichungen erstmals drei Programme, sagt Wiese. Darunter eines, dass nur Filme von Regisseurinnen zeigt. Das Regionalfenster wartet mit vertrauten Namen auf wie Erik Grun, Oliver Gilch oder Lars Smekal. Smekal ist mit zwei Beiträgen vertreten, darunter seinem Projekt „Waldsterben“, das außer Konkurrenz läuft. Smekal ging beim Casting und der Arbeit am Set sehr professionell vor. Der Film handelt von Frauenhandel und Zwangsprostitution. Im Regionalfenster stiftet die Mittelbayerische zwei Preise über jeweils 500 Euro.

Märchenschatz trifft Videokunst

Das Architekturfenster läuft im zweiten Jahr als eigenständiger Wettbewerb. Architekturfilme seien oft eigensinnig erzählt und hätten in Konkurrenz mit anderen Filmen selten eine Chance auf einen Preis, erläutert Wiese. Dennoch seien sie gestalterisch, inhaltlich und formal sehr anregend. In der Jury sitzt der Vorjahresgewinner, der Wiener Performancekünstler Willi Dorner. Für sein „Bodies in Urban Space“-Projekt türmte er auch in Regensburg Tänzer auf Sockeln oder stapelte sie in Hauseingängen.

Die Idee für ein besonderes Programm hatte Nicole Litzel, die Organisatorin der Regensburger Stummfilmwoche. Sie hatte 2016 die „Digital Fairy Tales“ gesehen: Internationale Künstler hatten sich von der Märchensammlung des Oberpfälzers Franz Xaver Schönwerth (1810-1886) inspirieren lassen. Entstanden sind zwei Programme mit 14 digitalen Video- und Soundkunstwerken, kuratiert von Leo Kuelbs aus New York und Sandra Ratkovic aus Berlin. In den Filmen gehe es weniger um die Handlung der Märchen als um die Stimmungen, die sie erzeugten, sagt Litzel. Im Gegensatz zu den Grimmschen Märchen seien die Schönwerth-Überlieferungen nicht durch spätere Bearbeitungen geglättet. Der in der ganzen Oberpfalz zusammengetragene Märchenschatz lag 100 Jahre vergessen im Archiv und wurde dann von Erika Eichenseer entdeckt und publiziert. Eichenseer stellt das Programm am 20. März um 20 Uhr im W1-Theatersaal vor.

Bei der Kurzfilmwoche fehlen auch bekannte Formate wie „Poetry in Motion“, die Plattenfilme und das Kinderfilmprogramm nicht. Letzteres hat Wiese erneut zusammen mit ihrer fünfjährigen Tochter kuratiert. Damit haben kleine Festival-Besucher schon 2017 sehr gute Erfahrungen gemacht.

Die 24. Regensburger Kurzfilmwoche

  • Von 14. bis 21. März

    läuft die 24. Ausgabe der Internationalen Kurzfilmwoche. Das Festival zeigt 319 Filme, 128 davon in den fünf Wettbewerben.

  • Eröffnet wird die Kurzfilmwoche

    am Mittwoch, 14. März um 19 Uhr im Ostentorkino. Bei der Feier stimmt Luisa Funkenstein mit ihrer Band musikalisch auf die Festivalwoche ein.

  • Die Zündfunkparty

    steigt am Samstag, 17. März, im Leeren Beutel. Zum Auftakt um 21 Uhr gibt es Tanzfilme im Festsaal. Ab 22 Uhr vertont DJ LXD aka Alexandra Distler Filme. Danach übernehmen die DJs Achim Bogdahn und Hackbrett-Pitt aka Tobias Ruhland. Im Obergeschoss laufen die Plattenspieler von DJ LXD und Ralf Summer. Dazu gibt es Visuals.

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