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Leipzig liest sich durch die Nacht


von Christine Strasser, MZ

  • Junge Autoren wie Anna-Kristina Linke (r.) lesen in der Leipziger Moritzbastei aus ihren Werken vor. Foto: Straßer
  • Jakob Hein Foto: Straßer

Warum war der Zufallssex in der DDR besser? Jacinta Nandi hat die Antwort: Weil sich währenddessen niemand den Kopf zerbrechen musste, ob er den anderen am nächsten Morgen anruft oder nicht. Es hatte ohnehin niemand Telefon. Die DDR, von der ihm Nandi, die Engländerin mit indischen Wurzeln, erzählte, erschien Jacob Hein ein viel interessanteres Land als der dröge Arbeiter und Bauern Staat, in dem er aufwachsen ist.

Spöttischer Schlagabtausch

Er schlug Nandi vor ein Buch über die DDR zu schreiben. Das tat sie - zusammen mit Hein. Das Ergebnis ist das Buch „Fish ’n‘ Chips & Spreewald-Gurken“. Nandi erzählt von der DDR: Nacktbaden in der Ostsee, Blumenpflicht am Frauentag und vor allem: ganz viel Sex im Ferienlager. Hein schreibt über London. In seiner Jugend war das ein sagenumwobener Ort: Coole Musik, hippe Klamotten, lässige Fraue... Und das Essen? Davon wussten wir nicht so viel, weicht Hein aus.

Die deutsch-englische Lesung der beiden amüsiert das Publikum in der Moritzbastei königlich beziehungsweise sozialistisch. Nandi und Hein werfen sich die Pointen zu. Der witzige Schlagabtausch ist einer der Höhepunkte in der Langen Leipziger Lesenacht. Die Veranstaltung hat Tradition während der Buchmesse. Nachwuchsschriftsteller haben die Gelegenheit Texte und Bücher zu präsentieren. 55 sind es diesmal. Sie lesen in den Kellergewölben der Bastei. Auch blutjunge Autoren sitzen auf dem Podium. Die Stimme von Anna-Kristine Linke zittert, als sie aus ihrem Werk „Portraits“ vorliest. Sie gehört zu den Bundespreisträgern vom 27. Treffen junger Autoren. Ihr Text ist in der Anthologie „Ich stell Dir die Schatten schärfer“ erschienen. Bis zum ersten Roman ist es noch ein Stück Weg.

Sabine Rennefanz ist da schon weiter. Im Oberkeller liest sie aus ihrem Roman „Eisenkinder“. Sie analysiert „die stille Wut der Wendegeneration“. Sie habe das Buch geschrieben, weil sie das Drama um das Neonazi-Trio Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt nicht loslasse, erläutert Rennefanz im Prolog. Auch, weil sie derselben Generation angehöre. Das sind nachdenkliche Worte und harte Kost für das Publikum. Aber das ist das wunderbare an der Leipziger Buchmesse: Die Menschen wollen zuhören.

Die Moritzbastei ist gesteckt voll. Beim Wechsel in ein anderes Gewölbe muss eine Tür auch mal verschlossen bleiben. Drinnen gibt es nicht einmal mehr einen Stehplatz. Das macht nichts. In der verwinkelten Festungsanlage findet sich irgendwo immer ein Plätzchen. Damit man von überall zuhören kann, sind Leinwände aufgestellt. Die Lesungen werden übertragen. Andere Möglichkeit: Es im nächsten Gewölbe versuchen. In der Ratstonne ist Aléa Torik an der Reihe. Sie ist 1983 in Siebenbürgen in Rumänien geboren. Sie? Da sitzt doch ein Mann, der aus dem Buch „Aléas ich“ liest. Trügt der Schein? Das sei typisch für Rumänien erfährt das Publikum. In Rumänien klingt nichts so, wie es wirklich ist. Transsylvanien klingt nach Blut. Siebenbürgen nach hinter den sieben Bergen. Bukarest nach Budapest, der Hauptstadt von Ungarn.

Nehmen Kamelhändler Kreditkarte?

Kopfzerbrechen auch bei Jonas Lüscher. In „Frühling der Barbaren“ wird der Schweizer Fabrikerbe Preißing unweit eines tunesischen Oasenortes Zeuge eines Unfall. Ein Reisebus voll mit Touristen fährt in eine Herde Kamele. Der Kameltreiber ist ruiniert. Seine Tiere sind tot. 15 000 Franken würden ihm aus Patsche helfen. Peanuts für Preißing. Er überlegt. Soll er helfen? So viel hat er nicht im Portemonnaie. Soll er den Mann nach seiner Kontonummer fragen und das Geld überweisen? Hat der Mann überhaupt ein Konto? Soll er mit dem Mann zum nächsten Kamelmarkt fahren? Aber nehmen die da Kreditkarte?

Um die Antworten zu bekommen, müssen die Zuhörer das Buch lesen. Viele gehen in den Pausen auch zum Büchertisch und decken sich ein, um weiterzulesen durch die Nacht.

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