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Kino

Man muss nicht alles erklären


Von Helmut Hein, MZ

Neben ihm am Kopfende der langen Tafel sitzt Tom Schilling („Oh Boy“), smart und souverän und doch scheu. Die jungen Frauen lieben das. Sie hängen an seinen Lippen, selbst wenn er nichts sagt.

Christian Petzolf dagegen ist hyperaktiv, sogar im Sitzen. Alles an ihm ist verkörperte Unruhe. Die Beine, die flattern und zittern. Die ausladenden Gesten. Die Mimik. Man glaubt ihm sofort, wenn er sagt, was ihn am meisten fasziniert: „Das Abhauen. Das Desertieren.“ Man kann nicht sicher sein, wovon er gerade spricht. Von Käutners „Unter den Brücken“, diesem Wunder eines Fluchtfilms, eines poetischen Statements gegen das Standhalten und Auslöschen der Nazis in diesem bösen Jahr 1944, in dem dieses Plädoyer fürs Private, dieses große „Trotz allem“, entstand. Oder von „Barbara“, seinem bisher erfolgreichsten Film, der die Alternative Dableiben oder Weggehen in all ihren Facetten, nicht nur den politischen, existenziellen und amourösen, in einer zugespitzten Erzählung zu klären sucht.

Am Tag nach seinem Besuch in Regensburg wurde übrigens bekannt, dass Petzold den Helmut-Käutner-Preis 2013 der Stadt Düsseldorf erhält. Was ihn zum Erben Käutners macht? „Seine intellektuelle Brillanz und sein Sinn für zupackende Geschichten“, befand die Jury.

Mehr Teenager als Despot

Petzold ist ein Teamplayer. Mit den Allüren der großen Kino-Despoten à la Fassbinder kann er nichts anfangen. Selbst vor einem normalen Casting scheut er zurück, weil er es entwürdigend findet: für die Schauspieler und für ihn selbst. Er dreht gern mit denselben „Leuten“, vor und hinter der Kamera. Wenn jemand dazukommt, dann interessiert ihn nur eine Frage: ob er oder sie „passt“, das komplexe Gefüge nicht stört, sondern ergänzt und bereichert.

An diesem Abend benimmt sich Petzold, mittlerweile fast so etwas wie der Pate des neueren deutschen Films, sehr jungenhaft. Nicht nur, wenn er über Fußball redet. Was er auch jetzt am Tisch gern und ausführlich tut. Seine Mannschaft ist Gladbach. Natürlich vor allem die „Fohlen“- oder Weisweiler-Elf der 7oer Jahre. Als noch alle schwärmten, wenn Netzer seine weiten Pässe schlug und „aus der Tiefe des Raumes“ kam. Als noch nicht alles Disziplin, rigideste Taktik, diszipliniertes „Verschieben“ und artifiziellstes Tiki Taka war.

Eine kleine Poetik des Kinos

Wenn man Petzold, der gerade fachmännisch-„fanisch“ über Fußball redet, genau zuhört, dann wird man Zeuge, wie er en passant eine kleine Poetik des Kinos entwickelt. Später, im völlig überfüllten Wintergarten-Kino, setzt er das, ein wenig polemisch, ein wenig träumerisch und animiert von Zuschauerfragen fort. Er hält nichts von diesen zweiteiligen „Teamworx“-Geschichts-Erklär-Filmen, diesen Lexikon-Einträgen zu wichtigen Themen in bewegten Bildern. „Man muss nicht alles erklären. Der Zuschauer muss nicht alles wissen.“ Filme, die etwas taugen, funktionieren anders.

Dann berichtet er von seinen Erfahrungen mit „Barbara“ in Amerika („ein hochintelligentes Publikum“). Und von seinen eigenen Seherlebnissen mit alten Western. Natürlich geht es wieder einmal um John Fords „Searchers“, auch wenn die Details der Geschichte längst aus dem Gedächtnis geschwunden sind: „Man muss nichts vom amerikanischen Bürgerkrieg wissen, um dabei zu sein.“

Und fast übergangslos beginnt er dann („Ich habe Bond immer gehasst“) vom neuen James Bond zu schwärmen. Auch wenn er seinen Sohn ein wenig als Alibi missbraucht, weil er sich für seinen Enthusiasmus anfangs ein wenig schämt. Und er adelt das pure Jungs-Vergnügen mit einer „queeren“ These, die für Verblüffung sorgen soll: „Ich glaube, James Bond ist schwul.“

Und obwohl Petzold von Anfang an zumindest so tut, als wolle er gleich wieder flüchten, lässt er sich vom Publikum doch noch recht willig in eine fizzelige „Barbara“-Analyse hineinziehen und spendiert gewissermaßen als Bonus-Track intime Erinnerungen an die Dreharbeiten. Klar wird dabei sein Faible für ein physisches Kino. Angefangen von der luziden 20er-Jahre-Architektur des Krankenhauses bis hin zu Nina Hoss’ echtem und eben nicht nur gespieltem Kampf gegen einen Sturm Windstärke 8,5. Schon zuvor, am Tisch, hatte er erläutert, was für ihn „physisches Kino“ ist. „Wenn Benno Fürmann einfach ein Glas hebt und trinkt. Das kann Ulrich Tukur nicht: Der spielt nur virtuos ‚Trinken‘.“

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