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Neil Young & Crazy Horse

Die Schuld des alten Mannes

Mit "Colorado" liefert Neil Young den Soundtrack zu den weltweiten Klimaprotesten. Schade nur, dass der 73-Jährige musikalisch wenig Neues zu sagen hat.

  • Für "Colorado" arbeitete Neil Young nach sieben Jahren wieder mit seiner Band Crazy Horse zusammen. Foto: Warner
  • Auf seinem 39. Album wendet sich Neil Young mit einer eindringlichen Öko-Botschaft an die Hörer. Foto: DH Lovelife

Da draußen tobt eine neue Jugendbewegung. Um gegen den Klimawandel zu demonstrieren, verweigern die jungen "Fridays For Future"-Demonstranten die Schule, und die Aktivisten von "Extinction Rebellion" versuchen, Flughäfen und Hauptverkehrsstraßen zu blockieren. Die Schuld an der ganzen Misere geben sie, klar, der Generation ihrer Eltern und Großeltern. Und dann kommt da einer wie Neil Young, 73 Jahre alt, und sagt: Ja, wir wussten, was da dräut. Aber die Warnzeichen haben wir ignoriert, trotz allem. Es ist ein mutiges Eingeständnis, das man selten hört in dieser Deutlichkeit. Wobei Young seiner Zeit schon immer ein Stück voraus war. In "After the Gold Rush", 1970 auf der gleichnamigen Platte erschienen, sang er die prophetischen Zeilen: "Look at Mother Nature on the run / In the 1970s". Irgendwann passte er die Jahreszahl an, und fortan befand sich Mutter Natur auch im 21. Jahrhundert auf der Flucht vor dem Menschen.

Auf "Colorado", seinem 39. Album, geht Young nun mit sich und mit all jenen, die nicht hören wollen, hart ins Gericht. "We heard the warning calls, ignored them / We saw the weather change, we saw the fires and floods", singt er auf "Green is Blue". "There's so much we didn't do / That we knew we had to do." Was also tun? "Shut It Down" heißt der Song, in dem Young, wenig altersmüde, zum Widerstand aufruft: Das System, wettert er, müsse lahmgelegt werden. Wobei er selbst erst kürzlich in einem Interview mit der "Los Angeles Times" verkündete, schon in wenigen Wochen die US-Staatsbürgerschaft annehmen zu wollen. Wegen der Klimakrise, so der Kanadier Neil Young, wolle er endlich auch in den USA wählen gehen dürfen. Systemveränderung von innen also, statt offener Rebellion?

Angriff auf Trump

Immerhin, das Lied zur eigenen Einbürgerung hat er auch auf "Colorado" gepackt. "Rainbow of Colors" heißt es und ist nicht weniger als eine Hymne gegen die Politik der Trump-Regierung. "There's a rainbow of colors / In the old USA / No one's gonna whitewash / Those colors away", dichtet Young, um dann zum Frontalangriff überzugehen. Von wegen, in den USA gebe es nicht genug Platz für alle, schimpft er in Richtung Donald Trump, und auch dessen Mauer-Pläne lässt er nicht unerwähnt.

Schade nur, dass "Colorado" musikalisch ein recht unambitioniertes Werk geworden ist. Nachdem Young zuletzt mit den Jungspunden von Promise of the Real im Studio und auf der Bühne stand, hat er sich für die neue Platte wieder mit Crazy Horse zusammengetan, jener Band, die er vor über 50 Jahren gegründet hatte. Bassist Billy Talbot und Schlagzeuger Ralph Molina sind dabei und auch Gitarrist Nils Lofgren. Letzterer hatte schon auf erwähntem Album "After the Gold Rush" gespielt.

Das Zusammenspiel der alten Herren ist rau und schnörkellos; wirklich spannende musikalische Ideen sucht man auf "Colorado" aber vergeblich. Nur wenige Stücke (etwa das berührende "Milky Way") bleiben länger im Ohr. Nein, keiner der zehn Songs auf "Colorado" ist schlecht, und manches, wie "Rainbow of Colors", hat das Zeug zum Klassiker. Nur hat Neil Young eben mit zehn teils sehr guten Alben in den letzten zehn Jahren die Latte selbst sehr hoch gelegt. Und an Großwerke wie "Psychedelic Pill" und "Hitchhiker" reicht "Colorado" dann doch nicht heran.

Sven Hauberg

Neil Young & Crazy Horse - Milky Way

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