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Deichkind im Porträt

"Eigentlich wollten wir das Bandprojekt schon begraben"

"Ein Phänomen, das wir selbst immer noch mit Staunen beobachten": Die Hamburger Electropunk-Gruppe Deichkind veröffentlicht mit "Wer sagt denn das?" (erhältlich ab 27. September) ihr siebtes Album, und die Erfolgskurve zeigt nach wie vor steil nach oben.

  • Auch auf diesem Bandfoto soll er sich irgendwo verstecken: Gehört Lars Eidinger aktuell zu Deichkind? Oder ist alles nur ein Witz? So oder so: Deichkind sind auch im Jahr 2019 noch eine Band, die Fragen aufwirft. Foto: Ben Jakon
  • "Eigentlich wollten wir das Bandprojekt schon begraben, aber wir hatten noch eine Vereinbarung mit der Plattenfirma", erinnern Deichkind sich im Interview. Heute zählen sie zu den gefragtesten Live-Acts der Nation. Foto: Ben Jakon
  • Wenn die Deichkind-Maschine einmal läuft, dann läuft sie richtig. 18 Songs landeten letztlich auf dem neuen Album "Wer sagt denn das?", aber: "Wir hätten auch weiterschreiben und 32 Songs machen können." Foto: Sultan Günther Music
  • Nach den HipHop-Jahren erfanden Deichkind sich vollkommen neu - zum neuen Bandimage gehört auch ein ausgeprägter Sinn für Farben und Formen. Foto: Sultan Günther Music
  • Wer wann was bei Deichkind macht und wer überhaupt zur Band gehört - das weiß man nicht so genau. Was sich auch viele Fans fragen: Wo bekommt man solche Klamotten? Foto: Nikolaus Brade
  • Wenn man einen Erstklässler an einen PC setzt, um mit "Paint" ein Albumcover zu gestalten ... Deichkind zeigen sich auch auf "Wer sagt denn das?" von ihrer humorvollen Seite. Foto: Universal Music
  • Die anstehende Deichkind-Tour wird die größte seit der Bandgründung 1997. Foto: 2015 Getty Images
  • "Bloß nichts sagen, weil sonst der Ticketverkauf leidet, ist nicht unser Ding": Deichkind scheuen sich nicht vor kritischen Gesellschaftskommentaren. Foto: Joern Pollex/Getty Images
  • Einmal weiße Tücher umwickeln, schon sind sie ausgehfertig: Deichkind im Jahr 2008. Foto: 2008 Florian Seefried / Getty Images

Es war eine der großen Sensationen des diesjährigen Reeperbahn-Festivals in Hamburg, dabei gehörte es nicht einmal zum offiziellen Programm: Vor dem Millerntor-Stadion in St. Pauli bildete sich am Abend des dritten Festivaltages eine große Menschentraube. Warum? Um Werbung für ihr neues Album "Wer sagt denn das?" zu machen, hatten Deichkind spontan zum Konzert geladen. Zwei Stunden nach Bekanntgabe hatten sich etwa 1.500 Fans vor der eigens aufgebauten Bühne auf dem Areal zwischen Südtribüne und Gegengerade versammelt. Deichkind, vom Schuh bis zur Cap in Weiß gekleidet, mit weißer Schminke im Gesicht und dem Titel ihres Albums auf der Brust, zogen mit einer fahrbaren Bühne quer durchs Publikum, gefolgt von einem Dutzend maskierter Tänzer. Dazu gab es Konfetti-Kanonen, Leuchtröhren und Feuerwerk. Es war ein 50 Minuten währender Abriss, der endgültig klarmachte: Deichkind sind verdammt noch mal zurück!

Wurde aber auch Zeit, möchte der eine oder andere vielleicht einwerfen. Ihr bislang letztes Werk, das Nummer-eins-Album "Niveau Weshalb Warum", veröffentlichte die Elektropunk-Band vor fast fünf Jahren. Dafür hatten Deichkind nun aber genug Ideen für stolze 18 Songs. "Wir haben uns dieses Mal wirklich ein ganzes Jahr lang Input gegönnt und für uns bewusst selbst einen Auftritt-Stopp verhängt, weil das einfach sehr viel Energie kostet", erklärt Sebastian Dürre alias Porky im Interview. "Es hat sehr gutgetan, sich mal mit anderen Dingen zu beschäftigen. Aufzunehmen, wie es gesellschaftlich läuft, wie es bei uns persönlich und der Band läuft." Als Deichkind dann endlich loslegten, kamen die Songs ganz wie von selbst. "Wir sind ja keine Ich-bezogenen Künstler, die über sich selbst rappen, sondern wir beobachten und machen Realitätschecks", erläutert Philipp Grütering alias Kryptik Joe. "Und das Tagesgeschehen in unserer Welt bietet im Moment definitiv genug. Wir hätten auch weiterschreiben und 32 Songs machen können. Es gibt einfach unendlich viele Themen."

"Wir wollen auch eine Haltung zeigen"

Wer bei "Wer sagt denn das?" etwas genauer hinhört, der entdeckt in den wie immer ziemlich schrägen Texten also ein Abbild unserer Gesellschaft. Es geht um das Bingewatching von Fernsehserien ("Cliffhänger") und Handy-Besessenheit ("Powerbank"); da ist einerseits eine Hommage an den Gerstensaft ("1000 Jahre Bier"), und andererseits machen Deichkind sich über ihr Image als Party-Band lustig ("Keine Party"). Sie werfen mit irren Slogans und absurden Beobachtungen um sich - doch die Platte enthält auch die bisher vielleicht gesellschaftskritischsten und politischsten Texte der Band. "Dinge" ist gerappte Konsumkritik, und der Titelsong "Wer sagt denn das?" handelt von dem zunehmenden Rechtsdruck, von Populismus, Fake News und Verschwörungstheorien.

"Wir werden ja immer als Party-Band wahrgenommen und das sind wir auch gerne", stellt Kryptik Joe fest. "Aber trotzdem haben wir unser Umfeld im Blick und sehen, was passiert: Rechtspopulismus, Klimawandel, die Spaltung der Gesellschaft. Und ich finde, man kann das jetzt einfach nicht mehr unkommentiert lassen. Wir wollen auch eine Haltung zeigen. Bloß nichts sagen, weil sonst der Ticketverkauf leidet, ist nicht unser Ding."

Vertont haben Deichkind all das natürlich wieder mit tanzbaren Beats. Die Ende der 90-er gegründete Band, die mit der Single "Bon Voyage" (2000) erste Erfolge feierte und ihren Sound 2006 mit dem Album "Aufstand im Schlaraffenland" neu erfand, hat sich vom HipHop schon lange emanzipiert. So verbinden die Hamburger auch auf "Wer sagt denn das?" die verschiedensten Stile: Electropunk, HipHop, etwas Grime. "Eigentlich hat jeder Song ein anderes Genre", erklärt Porky. "Natürlich orientieren wir uns am Zeitgeist, aber trotzdem nehmen wir uns raus, wir selbst zu sein und auch mal einen fünfeinhalb Minuten langen Song zu machen. Wir wollten den Songs dieses Mal Raum geben. Denn wir sind eben nicht nur Autoren, sondern schrauben auch seit 20 Jahren an Synthies herum und forschen mit Melodien."

"Ein Phänomen, das wir selbst immer noch mit Staunen beobachten"

Beim Personal gibt es übrigens eine Neuerung: "Wer sagt denn das?" ist das erste Album ohne Ferric MC alias Ferris Hilton, der die Band im Herbst 2018 verließ, um sich wieder seiner Solokarriere zu widmen. "Als Band oder Projekt, wie wir es sind, muss man sich immer wieder neu sortieren", kommentiert DJ Phono alias La Perla. "Wir begreifen Veränderung aber als etwas Positives, das uns zwingt, kreativ mit einer neuen Situation umzugehen. Daraus entstehen dann oft gute Sachen."

So holten Deichkind für "Wer sagt denn das?" allerhand Gäste ins Boot: In "Dinge" kommt Das Bo zu Wort, in "Quasi" rappen TV-Moderator Jan Böhmermann und Musiker Olli Schulz mit. Auch Bela B von den Ärzten soll irgendwo zu hören sein. Und ist das im Song "1000 Jahre Bier", der klingt wie Kraftwerk-meets-Rammstein, etwa Till Lindemann? Deichkind halten sich bedeckt, wenn es um offizielle oder eindeutige Erklärungen geht. Sie wollen, dass die Gäste ein Mysterium bleiben. Zuletzt wurde unter den Fans sogar darüber spekuliert, ob Lars Eidinger nun ein festes Bandmitglied ist, nachdem der Schauspieler in vier aufeinanderfolgenden Musikvideos auftrat.

Kein Geheimnis ist, dass Deichkind gerade eine neue Bühnenshow entwickeln, die wie schon bei vergangenen Konzerten wieder auf einen großen musikalischen Rausch hinauslaufen dürfte. An den bisherigen Vorverkaufszahlen gemessen ist die kommende Tour jetzt schon die erfolgreichste seit der Bandgründung. Wie schaffen Deichkind das eigentlich, dass es für sie seit Jahren nur bergauf geht? "Keine Ahnung!", antwortet Porky. "Eigentlich wollten wir das Bandprojekt schon begraben, aber wir hatten noch eine Vereinbarung mit der Plattenfirma", erinnert er sich an die Zeit vor "Aufstand im Schlaraffenland". "Leute, die nichts mehr zu verlieren haben, haben ja auf einmal so einen Frieden und so eine Seligkeit. Die fangen innerlich an zu leuchten, weil alles abfällt und es keine Zukunft mehr gibt. So ähnlich war das bei uns und irgendwie haben die Leute das gespürt. Das hat sich dann verselbstständigt und wurde ein Phänomen, das wir selbst immer noch mit Staunen beobachten."

Nadine Wenzlick

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