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Lewis Capaldi

Gefangen in der Adele-Formel

Auf seinem ersten Album "Divinely Uninspired To A Hellish Extent" arbeitet sich der schottische Singer-Songwriter Lews Capaldi an der Adele-Formel ab und verpasst die Chance, Persönlichkeit zu zeigen.

  • Lewis Capaldi - Divinely Uninspired To A Hellish Extent Foto: Universal Music
  • Lewis Capaldi ist neuer britischer Pop-Hoffnungsträger und ein sehr sympathischer Kerl dazu. Sein Debütalbum lässt aber viele Chancen ungenutzt. Foto: Alexandra Gavillet

Seine Konzerte sind nicht selten eine Mischung aus Musik- und Stand-Up-Programm. Eigentlich ist Lewis Capaldi das Paradebeispiel eines Popstars unserer Zeit. Als Digital Native dirigiert der 23-Jährige seine Social-Media-Kanäle in aller Selbstverständlichkeit und weiß eine internationale Followerschaft zu unterhalten - mit einer urkomischen Selbstironie, die auch im Titel seines Debütalbums "Divinely Uninspired To A Hellish Extent" zu finden ist. Die Faszination seines Schaffens liegt in der Nahbarkeit seiner Performance, die er sich vermutlich über die vielen Kneipenauftritte in seiner Heimat Bathgate erarbeitet hat. Lewis Capaldi ist ein echter Sympathieträger.

Ende 2017 lädt er seinen Song "Bruises" ins Internet, erwächst dank Überraschungserfolg binnen weniger Monate zur neuen britischen Pop-Hoffnung und wird bald mit Awards überhäuft. Vergleiche mit Adele werden laut, deren Powerballade "Someone Like You" seit einem guten Jahrzehnt beinahe Leitmotiv für Pop-Produktionen von der Insel ist. Doch Capaldi findet, weniger ist mehr. "Für mich misst sich ein guter Song daran, ob du ihn unter simplen Bedingungen spielen kannst und er immer noch die gleiche Wirkung hat", sagte er einmal. Die Durchschlagskraft der Reduktion. Etwas, das Kneipenmusiker sagen.

Stadion-Ästhetik fürs Wohnzimmer

Umso bedauernswerter ist es, dass das erste Album des Singer-Songwriters kaum auf solche Momente setzt. Wieder kehren die Briten zur "Someone Like You"-Formel aus schwermütigen Klavierakkorden und vorgeblich schmerzerfüllten Gesangseinlagen zurück, die den Charme eines verrauchten Pubs ins Ohr tragen sollen. Wie auch schon Rag'N'Bone Man ("Human"), James Arthur ("Say You Won't Let Go") oder George Ezra ("Shotgun") wird Capaldis krächzendes Timbre in aufpolierten Weichspüler-Arrangements inszeniert. Kein Wunder, standen doch Produzenten wie TMS (Lilly Allen, Birdy), David Sneddon (Hurts, Lana Del Rey) oder Malay (Frank Ocean, Alicia Keys) hinter den Mischpulten für die zwölf Lieder. Allesamt Spezialisten der Stadion-Ästhetik fürs Wohnzimmer.

Schon der Eröffnungstitel "Grace", eine Ode an die bittersüße Angst vor einer beginnenden Liebesbeziehung, bedient sich jener großspurigen Emotionalität, die das Radioprogramm seit Jahren dominiert. Es wird geschrien, geschluchzt und geweint auf den herzzerreißenden Lovesongs, die den Großteil der LP ausmachen. "Every day, I'm a slave to the heartache", singt Capaldi etwa auf "Lost On You", das - welch Überraschung - ein Pianostück ist. Auch Titel wie "Hold Me While You Wait", "Forever", "One" und "Fade" arbeiten sich an dieser Idee ab.

Lewis Capaldis Lieder auf seiner ersten LP sind nicht unaufrichtig. Sein Songwriting ist feinfühlig und stilisiert Nichtigkeiten zu Weltereignissen, wie es nur jemand kann, der lange Zeit Beobachter war - eben wie ein Begleitmusiker in einer Kneipe. Doch am Ende erinnert die kitschige Klavier-Vorstellung auf "Divinely Uninspired To A Hellish Extent" mehr an eine hippe Bar in Berlin, die sich durch Flohmarkt-Einrichtung an der Romantik der Arbeiterklasse bereichert, aber trotzdem Gin-Tonic für 15 Euro verkauft. Echte Persönlichkeit findet sich da nicht.

Fionn Birr

Lewis Capaldi - Someone You Loved

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