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Michael Kiwanuka

Psychedelic-Chöre statt Kuschel-Soul

Auf seinem dritten Album "Kiwanuka" verschiebt der afro-britische Songwriter Michael Kiwanuka sein musikalisches Beuteschema weg vom Retro-Soul in Richtung Psychedelic Funk und epischer Albumkunst.

  • Michael Kiwanukas drittes Album "Kiwanuka" reist weg vom Retro-Soul, hin zu den großen Black Music-Statementalbum der Jahre um 1970 herum. Foto: Universal
  • Michael Kiwanuka, 32-jähriger Londoner mit ugandischen Wurzeln, hat mit seinem dritten Album "Kiwanuka" ein beeindruckendes Werk auf den Spuren von Curtis Mayfield, Marvin Gaye oder Stevie Wonder aufgenommen. Foto: Universal / Olivia Rose

Obwohl Michael Kiwanuka mit seinem zweiten Album "Love & Hate" Platz eins der britischen Albumcharts belegte (Platz sechs in Deutschland), ist der Londoner Singer-Songwriter und ehemalige Miet-Gitarrist hierzulande lediglich einem musikaffinen Publikum vertraut. Es sei denn, man spielt "Cold Little Heart", jenen Ausnahmetitel des Jahres 2016, welcher der mit Preisen überhäuften Fernsehserie "Big Little Lies" mit Nicole Kidman und Reese Witherspoon ihren beeindruckenden Vorspann verlieh. Vor jeder Serienfolge hört man diesen wunderbaren Soulsong, bei dem jedoch seltsam psychedelische Chöre die im Bild eingefangene, eindrucksvolle pazifische Steilküstenkulisse Nordkaliforniens als potenziellen Sehnsuchtsort schwanken lassen.

Der Song passt zum Bild der gut betuchten, schönen Frauen aus der Serie, die es sich hier an der Küste gut gehen lassen. Doch unter der perfekten Hülle lauert die Irritation - in Form von Gewalt, Schmerz und Trauer. Was das psychedelische Element in "Cold Little Heart" andeutet, eben dass etwas Gefährliches unter der Oberfläche lauern könnte, wird auf Michael Kiwanukas drittem Werk, das nur mit dessen aus Uganda stammenden Nachnamen betitelt ist, konsequent fortgesetzt.

Schon im Eröffnungsstück "You Ain't The Problem", einem an sich fröhlichen Afro-Funk-Stampfer, der gegen von Kinwanuka früher selbst empfundene Minderwertigkeitskomplexe ansingt, legen sich erneut psychedelische Spät-Sixties-Chöre über das straighte Single-Stück, zu dem es auch ein schickes Video gibt. Und auch, wenn der Sound nach diesem und dem ebenso schmissigen zweiten Song "Rolling" im Laufe des Albums immer ruhiger wird, ist der neue Sound Kiwanukas schon nach zwei bis drei Stücken definiert: Hier versucht jemand, die große Albumkunst von Ikonen wie Curtis Mayfield, Stevie Wonder oder Marvin Gaye fortzusetzen, die vor 45, 50 Jahren auch schon nicht danach fragten, welche ihrer Elemente nun Rock oder Soul, Pop oder Kunst, schwarz oder weiß waren. Unter der Regie der Produzenten Danger Mouse, der auch "Love & Hate" zimmerte, und dem HipHopper Inflo verschiebt sich das Koordinaten-System von Kiwanukas Sound nun also noch mehr weg vom klassischen Soul hin zu den großen Black Music-Statementalbum der Jahre um 1970 herum.

Albumkunst, die diesen Namen verdient

Manche, die Kiwanukas ebenfalls sehr schönes Souldebüt "Home Again" aus dem Jahr 2012 als Signature Sound des wild behaarten Barden liebten, werden von dieser Entwicklung ein wenig enttäuscht sein. Auch, weil die Alben des Londoners nun deutlich "schwieriger" zu hören sind. Trotzdem hat das Ganze eine Qualität, die man heutzutage nur noch selten auf Popalben findet. Kiwanuka nimmt den Hörer mit auf eine über 13 Stücke währende Reise, die manchmal melancholisch schmerzlich ("This Kind of Love", "Solid Ground") klingt, bisweilen einen fast schon Emma Peel-haften, überdrehten Sixtiessound aufweist ("Living in Denial"), um dann wieder in einen eher natürlich wirkenden Live-Klang irgendwo zwischen Afro-Folk und Jimi Hendrix' Version von "All Along The Watchtower" zurückzukehren ("Hero").

Zusammengehalten werden die Stücke von der Wärme Kiwanukas toller Baritonstimme, aber auch von der Tatsache, dass hier einer Songs singt, mit denen er wirklich etwas sagen will. Und deren Produzenten sich das Ziel gesetzt haben dürften, diesen Kompositionen einen so besonderen Sound zu verpassen, dass er sich in der Verschmelzung seiner Elemente - trotz klar identifizierbarem Retro-Touch - von fast allem abhebt, was heutzutage Hitparaden, Netz und Radio bevölkert. "Kiwanuka" ist ein echtes Album, das diesen großen alten Format-Namen verdient und über das am Ende des Jahres, wenn man über die besten Musikwerke 2019 diskutiert, zu reden sein wird.

Eric Leimann

Michael Kiwanuka - You Ain't The Problem

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