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Gianna Nannini

Sie ist noch immer eine Wilde

Gianna Nannini zählte vor einigen Jahren zu Italiens größten musikalischen Exportschlagern. Die Chancen stehen gut, dass die charismatische Reibeisenstimme mit dem neuen Album "La Differenza" an die gute alte Zeit anknüpfen kann.

  • Gianna Nannini macht den Unterschied: Ihr neues Album heißt "La Differenza". Foto: Sony Music
  • Die großen Charterfolge blieben jenseits von Italien zuletzt aus, das Hinhören lohnt sich aber auch bei ihrer neuen Platte "La Differenza": Gianna Nannini. Foto: Sony Music

Es klingt vielleicht nicht sehr charmant, das Wort "Urgestein" im Zusammenhang mit einer Dame zu benutzen, doch ist es nun einmal eine Tatsache: Gianna Nannini, die nun ihr neues Werk "La Differenza" veröffentlicht, ist ein Urgestein der italienischen Pop- und Rock-Szene. 1976 erschien ihr selbstbetiteltes Debütalbum. Heute blickt die 63-Jährige zurück auf 24 Studio-Alben, diverse Live-Alben und Kompilationen sowie zwei Soundtracks und natürlich viele internationale Hits (etwa "Bello e impossibile", 1986). Was ihr bewegtes Leben angeht, ist sie eher Rockerin als Popstar. Es gab Turbulenzen, es gab Skandale. Depressionen, Feminismus und Bisexualität waren nicht immer kompatibel mit der heilen (und manchmal scheinheiligen) Welt des Italo-Pop. Wie in ihren Texten nahm Nannini auch in Interviews nie ein Blatt vor den Mund - beispielsweise, wenn sie Silvio Berlusconi kritisierte. Für Aufsehen sorgte sie auch, als sie mit 54 Jahren Mutter wurde.

Ihr neues Baby heißt "La Differenza" und folgt dem Album "Amore gigante" von 2017. Überraschend ruhig startet der Longplayer mit dem Titelsong. Die Ballade über eine unglückliche Liebe wird getragen von einer Akustikgitarre und Gianna Nanninis unverwechselbarer Reibeisenstimme, die sich nicht verstecken muss vor ihrem großen Vorbild Janis Joplin. Eine Zeile über die Liebe: "Du hast recht: In diesem Spiel gewinnt nur derjenige, der aufgibt." Wer dachte, mit inzwischen 63 Jahren werde Nannini langsam etwas handzahmer, hat sich geirrt. Das demonstriert sie bereits mit dem nächsten Stück: "Romantico e bestiale" ("romantisch und scheußlich") ist energischer, tanzbarer Funk-Rock mit einem Coolheitsfaktor, den sonst nur Eisbgerge besitzen.

Bald auf großer Deutschlandtour

Auch mit "Laria sta finendo" zeigt die in Siena geborene Sängerin ihre wilde Seite. "Liberiamo" lässt es ebenfalls krachen, und der aufmerksame Hörer wird erkennen, dass es sich hierbei um eine fetzige Cover-Version eines deutschen Songs handelt: "Liebe ist" von Nena. Würde man die beiden in einem Battle bei "The Voice" gegeneinander antreten lassen, die italienische Stimmgewalt würde Nena wohl an die Wand schmettern. Nannini performte ihre imposante Version des Hits bereits 2017 bei der ZDF-Musikshow "Nena - Nichts versäumt".

Stilistisch ist "La Differenza" aber trotz vieler aufbrausender Momente angenehm abwechslungsreich. Die sphärische Stimmung der Power-Ballade "Motivo" etwa wirkt völlig anders als der ansprechende Oldschool-Folk in "Gloucester Road". Das Klavier des unwiderstehlichen Midtempo-Ohrwurms "Canzoni buttate" kommt klanglich aus einer ganz anderen Ecke als "Per oggi non sie muore", eine Italo-Pop-Hymne im Stil der 80er-Jahre. Der launige Geradeaus-Rock von "Assenza" schließlich erinnert ein bisschen an die Austro-Popper Wanda - nur dass im Fall von Gianna Nannini eben wirklich alles italienisch ist.

Nannini avancierte mit Hits wie "Latin Lover", "Fotoromanza", "Bello e impossibile", "I maschi" und der mit Edoardo Bennato gesungenen Fußballhymne "Un' estate Italiana" zum internationalen Superstar. Auch in Deutschland wurden ihre Alben jahrelang stets mit Gold ausgezeichnet. Die italienischen Fans blieben ihr immer treu, doch die Top 30 der deutschen Album-Charts erreichte Gianna Nannini zuletzt 2011 mit "Io e te". Ob sie mit "La Differenza" endlich auch wieder hierzulande für Aufsehen sorgt? Verdient hätte diese Platte es in jedem Fall. Nanninis deutsche Fans dürfen sich aber so oder so freuen: 2020 steht für den italienischen Star eine große Deutschlandtour an.

Michael Eichhammer

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