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Balbina

Sieg nach Punkten

Kleines Zeichen, große Musik: Unter dem Albumtitel "Punkt." führt Balbina ebenso widerspenstige wie betörende Klänge zusammen. Dabei findet die Berlinerin auch Platz für ein Rammstein-Cover und einen Grönemeyer-Gastbeitrag.

  • Wenn das Pop-Jahr so weitergeht, wie es hier beginnt, wird alles gut: Mit "Punkt." beweist Balbina aus Berlin, dass sie nach wie vor zu den vielseitigsten und spannendsten Musiker-Köpfen des Landes zählt. Foto: BMG
  • Den Zugang zur Musikwelt fand Balbina (ehemals Bina) einst über Berliner Rapper wie Prinz Pi (Prinz Porno) und die Atzen. Inzwischen tritt die Pop-Avantgardistin in Deutschlands erlesensten Spielstätten auf. Foto: Christoph Kassette

Der Punkt steht am Ende eines Satzes, sagt der "Duden". "Komm' zum Punkt" sagt man, wenn jemand um den heißen Brei herumredet, und "auf den Punkt", wenn jemand etwas im Kern getroffen hat. Es kann aber auch ein kleiner Fleck gemeint sein, ein bestimmter Ort oder ein bestimmter Zeitpunkt. Welchen "Punkt." meint nun Balbina mit ihrem so benannten neuen Album?

Um das unscheinbare kleine Satzzeichen alleine kann es nicht gehen, ahnt man, denn bei Balbina geht es meist um große Dinge. Ihre letzten beiden Alben nannte sie "Über das Grübeln" (2015) und "Fragen über Fragen" (2017). Die erste vollständige Aufführung ihres neuen Langspielers fand schon vor Veröffentlichung in der Hamburger Elbphilharmonie statt, begleitet vom Deutschen Filmorchester Babelsberg. Wenig später gab es auch noch einen Auftritt im Zeiss Großplanetarium Berlin. Wenn die Besucher dabei nur an Satzschlusszeichen dachten, haben sie viel verpasst.

Den Punkt als ordnendes Element der Schrift gibt es durchaus auf "Punkt.", bezeichnenderweise aber nicht am Ende, sondern ziemlich genau in der Mitte des Albums. "I need to finish this sentence", singt die Berlinerin mit polnischen Wurzeln, erstmals auf Englisch, und "Fullstop, fullstop, Punkt, aus, Ende". Eigentlich geht es aber auch da schon um mehr, nämlich um das Ende einer Beziehung, das sich zu lange hinzieht. "You need to let me go, you need to leave me". Ein Schlusspunkt also - und gleichzeitig ein notwendiger Ausgangspunkt dafür, dass etwas Neues entstehen kann.

Zwischen Rammstein und Grönemeyer

Neben diesen findet man auch andere Punkte. Seelische Tiefpunkte etwa wie in "Langeweile.", wenn Balbina ins Mikrofon gähnt, ein müdes "La la la" singt und kunstvoll nicht aus dem Quark kommt. Und echte musikalische Höhepunkte wie den brutal schönen Opener "Hinter der Welt.", in dem Balbina zu dröhnenden Synthesizern über "Zwerge und Riesen, grüne Wälder und Wiesen" singt. Es ist ein atmosphärisches, pompöses und poetisches Stück Düster-Pop, das vielleicht auch ein wenig aus dem Leben von Balbina Monika Jagielska erzählt, die 1986 als Dreijährige mit ihren Eltern von Warschau nach Berlin-Moabit übersiedelte.

Künstlerisch, keine Frage, ist Balbina mit "Punkt." ein großer Wurf gelungen. Violinen und Dampfhammer-Bässe, süße kleine Elektro-Spielereien und großer Pop-Bombast ertönen im perfekten Einklang und treffen noch dazu auf einen eigenwilligen Musikergeist, der auch auf dem vierten Album unzähmbar wirkt. So muss eine enervierende Kakofonie wie das "Zwischenspiel 1" zwischen all den schönen Momenten ebenso ihren Platz finden wie der Gesang, den Balbina inzwischen in immer waghalsigere Bahnen lenkt. Bisweilen schlägt sie so tiefe Töne an, dass sie klingt wie eine alte Teekanne. Das irritiert - und ist doch spannend.

Den einen großen "Punkt.", das eine große Statement findet man zwar nicht auf diesem Konzeptalbum. Das Cover von Rammsteins "Sonne" oder Stücke wie der scheppernde Motivationssong "Machen." (mit einer Gaststrophe von Herbert Grönemeyer) verwischen das Bild sogar zusätzlich. Am Ende hat man aber trotzdem sehr innovative, ausdrucksstarke Pop-Musik gehört und außerdem ziemlich viel über verschiedene Punkte nachgedacht - das kann nichts Schlechtes sein.

John Fasnaugh

Balbina - Weit weg. (featuring Ebow)

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