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Turbostaat

Und der Nebel zieht übers Land

Vom Aufwachsen im Nirgendwo bis zur letzten Landwirtin der Stadt: Turbostaat besingen auf ihrem neuen Album ihre Heimat, die "Uthlande". Was nicht heißt, dass die Flensburger Post-Punker auf Kuschelkurs unterwegs sind.

  • "Uthlande" bezeichnet die Inseln, Halligen und Marschen vor der nordfriesischen Küste - und das siebte Album von Turbostaat. Foto: PIAS Germany
  • Seit 21 Jahren gibt es Turbostaat, heute gelten sie als stilprägend im deutschen Post-Punk. Foto: Andreas Hornoff

Einfach machen. So soll es gewesen sein bei "Uthlande", erklärten Turbostaat vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums in einem Interview mit "Diffus". Der Titel etwa stand erst am Ende. Eine direkte Beziehung zu den Liedern? Die könne sich jeder selbst zusammenreimen. Uthlande auf jeden Fall sind die Inseln, Halligen und Marschen vor der nordfriesischen Küste. Die Mitglieder von Turbostaat stammen aus Husum, der Provinzhauptstadt dort oben auf dem direkten Weg nach Dänemark. Vieles, was die Post-Punker als Band ausmacht, findet man auch dort. Das Raue, das Kratzbürstige, die Eigenheit. Ohne all das keine Turbostaat-Platte. Die neue, Nummer sieben, besitzt noch dazu das Haudrauf-Feeling früherer Tage. Einfach machen, eben.

Rasend geht es los, aggressiv und mit geballten Fäusten. "Rattenlinie Nord" ist der bereits im Vorfeld ausgekoppelte Startschuss von "Uthlande". Doch auch wenn das Punk-Rock-Gewitter hier mit am wütendsten ist, gewährt zumindest die Lyrik einen selten klaren Blick. "Rattenlinie Nord" ist die Bezeichnung für die Rückzugsroute nationalsozialistischer Generäle im Frühjahr 1945. Im Flensburger Stadtteil Mürwik tagte die letzte Reichsregierung. Viele der Militärs und Beamten konnten schließlich untertauchen und wurden nie belangt.

Nazis, Einsamkeit und Trecker

Bereits auf dem letzten Turbostaat-Langspieler "Abalonia" (2016) waren die Songtexte griffiger als gewohnt. Damals handelte es sich um ein Konzeptalbum über Flucht und Sehnsucht. Der Tenor war vorgegeben, das Bild zeichnete sich von selbst. Mit dem Hintergrundwissen zur letzten Nazi-Bastion fällt das Verstehen auch beim neuen Auftaktsong leichter: "Und alles, was sie wollen, ist Ruhe und keiner fragt / Nach den lupenreinen Westen aus den wirklich dunklen Jahren". Was das mit heute zu tun hat? Die "total beknackten Enkel" wollen die alten Geschichten einfach nicht mehr hören, und das alte Gift wirkt wieder.

"Schwienholt" wiederum handelt von Rückzug und dem Unbehagen bei jedem sozialen Umgang. Ein von der Rhythmusfraktion gezogener Spannungsbogen und ein bedrückender, gemeinsam vorgetragener Refrain sind hier maßgebend: "Immer wenn sie sangen, ging er hoch in den Zwischenraum". "Stine" erzählt die Geschichte der letzten Landwirtin im Ort, geächtet für den stinkenden Mist und den straßenverstopfenden Trecker; vom unschuldigen Aufwachsen im Nirgendwo und dem folgenden Spießrutenlauf in der großen Stadt handelt das eingängige Stück "Ein schönes Blau".

Das alles mag weit voneinander entfernt sein. Auch das ist ein Ergebnis von: einfach machen. Was die Lieder verbindet, ist aber der immerwährende Küstennebel, der sich durch die Texte zieht. Selten scheint die Sonne, und wenn, dann wird sie angeschrien wie in "Brockengeist". Einsamkeit ist ebenso allgegenwärtig, also etwas, das man durchaus mit den Uthlanden verbindet. Das wäre eine mögliche Interpretation des Titels. Die klare Rückbesinnung auf rabiatere Tage, in denen man Nordfriesland noch nicht den Rücken gekehrt hatte, eine andere. Beide Deutungen jedenfalls lassen auf eine starke Turbostaat-Platte schließen und eine solche ist "Uthlande" definitiv geworden.

Max Trompeter

Turbostaat - Brockengeist

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