MyMz

Musik

Vermächtnis des irischen Gitarrenteufels

Mit „Blues“ erschien eine faszinierende Werkschau Rory Gallaghers – ganz seinem Wunsch entsprechend, Bleibendes zu schaffen.
Von Norbert Lösch

Rory Gallagher 1977 im Hammersmith Odeon in London Foto: Noble PR
Rory Gallagher 1977 im Hammersmith Odeon in London Foto: Noble PR

Regensburg.Um die Bedeutung eines gewissen William Rory Gallagher für die Musikwelt ermessen zu können, helfen Anekdoten. Zum Beispiel die, dass es der irische Gitarrist nie bereut hatte, Angebote von Supergroups wie Cream, den Rolling Stones und Deep Purple ausgeschlagen zu haben und nicht Nachfolger von Eric Clapton, Mick Taylor oder Ritchie Blackmore geworden zu sein. Oder die, als Woodstock-Legende Jimi Hendrix einmal gefragt wurde, wie man sich denn fühle als bester Gitarrist der Welt. Seine Antwort: „Keine Ahnung, frag mal lieber Rory Gallagher.“

Von vielen Kollegen bis heute verehrt, von seinen Fans weit über seinen Tod hinaus regelrecht geliebt – Gallagher ist immer noch präsent. Queen-Gitarrist Brian May, selbst ein Großer der Zunft, sagte kürzlich in einem Interview: „Rory war wie ein Zauberer, der mit seiner Gitarre einfach alles anstellen konnte. Es war die pure Magie!“

Mit der Strat im Publikum

Das waren auch seine Konzerte. Um die Interaktion mit seinen frenetischen Anhängern auf die Spitze zu treiben, stieg er in den 70ern gerne von der Bühne und spielte im rockenden Pulk weiter. Bis er ihm mit der Zugabe „Bullfrog Blues“ den Rest gab. Nach dem Gig, wenn seine abgeschrubbte Fender Stratocaster, Baujahr 1961, wieder im Koffer verschwunden war, nahm er gerne mal mit Fans ein Bier am Tresen.

Live war der 1948 in Ballyshannon geborene Songwriter, der fast ausschließlich auf eigene Stücke setzte, bis zuletzt eine Bank. Nachzuvollziehen ist das unter anderem auf dem zwei Millionen Mal verkauften Live-Album „Irish Tour ’74“, bei den Mitschnitten von insgesamt fünf Konzerten beim Montreux Jazz Festival oder dem legendären Auftritt im WDR-Rockplast 1977. In Regensburg war Gallagher letztmals 1987 zu erleben, als er auf der „Defender“-Tour in der Donauhalle im Gewerbepark spielte. Sein letztes Konzert in Bayern war am 4. Dezember 1994 in Nürnberg, und der allerletzte Auftritt sollte fünf Wochen später in Rotterdam sein.

Stets nur am Musikmachen statt am Jetset-Leben interessiert, wurde der geniale Bluesrock-Gitarrist nur 47 Jahre alt. Am 14. Juni 1995 starb er in einem Londoner Krankenhaus an den Folgen einer Lebertransplantation, die nach jahrzehntelangem Tabletten- und Alkoholmissbrauch unausweichlich geworden war. Sein Grab in Ballincollig bei Cork ist bis heute ebenso Pilgerziel treuer Fans wie sein Geburtsort Ballyshannon.

Der Bruder hütet das Archiv

24 Jahre nach seinem Tod erschien jetzt Neues von Rory Gallagher. Und zwar nicht das soundsovielte Best-of-Album, sondern eine echte Werkschau, die so ziemlich alle Phasen und musikalischen Stile des ersten Rockstars Irlands abbildet. Das Besondere an der schlicht „Blues“ betitelten Kompilation, die es im Handel als Dreier-CD-Set – unterteilt in Studio-Takes, akustische Songs und Live-Aufnahmen – oder Doppel-LP gibt: Sie besteht zum Großteil aus bisher unveröffentlichten Aufnahmen. Raritäten, die etwa bei Radio-Sessions entstanden, aber auch viele Songs, die zwar jeder Fan kennt, aber in dieser Version nie gehört hat. Ein spannender Blick ins Archiv, das von Rorys noch lebendem Bruder Donal Gallagher gehütet wird.

Außerdem dokumentiert „Blues“ die seltene Zusammenarbeit mit Gallaghers eigenen Vorbildern wie Muddy Waters, für den der junge irische Gitarrist einst Chauffeur spielte. Und zwar nach Sessions in London anno 1972, als Gallagher den Blues-Champion in einem alten Ford Executive ins Hotel zurückbrachte. „I’m Ready“ zählt auf „Blues“ zu den Highlights: Muddy Waters singt die Nummer, Rory spielt Gitarre. Das Auto stand lange im Vorgarten der Gallaghers in Cork. „Als Erinnerung“, sagte Rory kurz vor seinem Tod. „Ich seh’ Muddy noch immer vorne sitzen, seine Zigarren mit der Plastikspitze rauchend.“ Gallagher, stets bescheiden und eher scheu, konnte anderen Musikern ebenso huldigen wie seine Fans bis heute ihm.

Die Erinnerung lebt

  • Festival:

    Jedes Jahr kommen im irischen Ballyshannon Zehntausende Anhänger Rory Gallaghers aus der ganzen Welt zusammen, wenn drei Tage lang mit einem hochkarätig besetzten Musik-Festival an die Gitarrenlegende erinnert wird. Ende Mai 2020 ist es wieder so weit.

  • Verehrung:

    Auch auf dem Festland gibt es diverse „Rory-Feste“ – von Schweden über Holland bis Wien. In Bayern hat sich das „Rory Gallagher Weekend“ in Fürth etabliert, das heuer schon zum zehnten Mal über die Bühne gehen wird – am letzten November-Wochenende.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht