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Ty Segall

Wild, wirr und lieblich

Nür Nebenbei-Hörer unbrauchbar, für Fans von Psychedelic Rock und Jam-Sessions im Stil der 70-er dagegen ein echtes Schmuckstück: Ty Segall veröffentlicht sein neues Album "First Taste".

  • Es hat im Jahr 2019 schon ansprechendere Albumcover gegeben als das von "First Taste", dem neuen Werk von Ty Segall. Die Musik selbst hat aber durchaus ihren Reiz. Foto: Drag City
  • Ty Segall präsentiert sich auch auf "First Taste" als egozentrisch-genialer Unruhestifter. Foto: Denée Segall

Das Prädikat "Retro" wird aktuell gerne verwendet, um Musik zu beschreiben, und es wird nach wie vor überstrapaziert, wenn es um "altmodische" Popmusik im Stil der 1960er- und 1970er-Jahre geht. Ty Segall, der fleißige kalifornische Songwriter aus Laguna Beach, hat sich diesen Stempel nicht erst mühsam erarbeiten müssen. Vielmehr wirkte sein authentischer Sound schon immer so, als sei er in eine Art Zeitloch gefallen. Das gilt auch für das neue Album "First Taste", auf dem Segall einmal mehr mit souverän vorgetragenem Irrsinn glänzt.

Wer hat sich vor 50 Jahren schon Gedanken über einen spezifischen Genre-Sound gemacht? Wichtig war, dass die Band gut zusammenspielt, dass alle Regler richtig eingestellt sind und dass der Mann hinter dem Mischpult rechtzeitig auf "Aufnahme" drückt. Heutzutage ist es jedoch möglich, jeden beliebigen Sound vergangener Jahre, inklusive aller Details und Besonderheiten, mit digitalen und analogen Tricks nachzuahmen.

Eben das macht Ty Segall mit fanatischer Besessenheit, und zwar ohne dass seine Musik jemals nach einem mühevollen Schaffensprozess klingen würde. Nach dem vor erst eineinhalb Jahren erschienenen "Freedom's Goblin"-Album, das neben rauen Rockgitarren auch 1970er-Disco- und Jam-Band-Anleihen beinhaltete, wurden diesmal einige Jamsessions dokumentiert, die klanglich etwas weniger ruppig daherkommen. Angeblich fand auf diesem Album keine einzige Gitarre Verwendung.

Bewusstseinserweiternder Wahnsinn

Stattdessen wurden Bouzoukis, Mandolinen, Saxofone, Tasteninstrumente und viele Schlagzeugspuren zusammengefügt, auf denen zum Teil auch Ty Segall selbst (neben seinem treuen Trommler Charles Moothart) zu hören ist. Zwei Schlagzeuge, für jeden Lautsprecher im Stereobild eines - das allein ist schon ein Erlebnis. Und ob nun Gitarren dabei sind oder nicht, ist letztlich schwer zu sagen, denn über allem hängt ein lustvoll zerstörerischer Drang nach übersteuerten Klängen, der die Instrumente immer wieder ins Unkenntliche verzerrt.

Man könnte "First Taste" als bewusstseinserweiternden Wahnsinn bezeichnen, oder auch als einen genial-egozentrischen Klangkosmos. Segall schafft schlüssige Song-Kunstwerke, die von Selbstachtung, den Eltern und der eigenen Kindheit handeln, emotional tiefschürfende Berichte abliefern und musikalisch sicherlich nichts für den beiläufigen Gebrauch sind. Aber wer längst Fan ist oder sich immer noch die goldenen Oldies des Psychedelic und Jam-Rock auf Vinyl anhört, für den ist dieses Album absolut empfehlenswert.

Klaas Tigchelaar

Ty Segall - Taste

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