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Nick Cave & The Bad Seeds

Das Leben danach

Vier Jahre nach dem Tod seines Sohnes ist Nick Cave noch immer in Trauer. Aber es gibt Hoffnung. Zumindest ein wenig.

  • Nur wenige Tage nach der Ankündigung hat Nick Cave nun das neue Album "Ghosteen" veröffentlicht. Foto:
  • Auch auf seinem neuen Album "Ghosteen" leistet Nick Cave Trauerarbeit. Foto: Matt Thorne

Wo sind eigentlich die Bad Seeds? Man fragt sich beim Hören von "Ghosteen", Nick Caves neuem Album, schon hin und wieder, was aus seiner Begleitband geworden ist. Wo ist das Schlagzeug von Thomas Wydler, wo die Violine von Warren Ellis? Stattdessen: Synthesizer. Aber natürlich nicht nur: Es gibt sie durchaus auch, die schweren Klavierakkorde und die süßen Geigen. Aber eben auch so viele Synthie-Flächen wie nie zuvor bei Nick Cave. Das ist gewöhnungsbedürftig, stellenweisen aber auch wunderschön, weil Cave auch der kalten Elektronik eine wohlige Wärme zu entlocken weiß.

Veröffentlicht wurde "Ghosteen" ohne großes Tamtam. Auf "The Red Hand Files", jener Seite, über die Cave seit gut einem Jahr direkt mit seinen Fans kommuniziert, hatte der Australier den Langspieler wenige Tage vor Erscheinen angekündigt (CD und Vinyl folgen am 8. November). Ein Doppelalbum sei es, so Cave. "Die Songs auf dem ersten Album sind die Kinder. Die Songs auf dem zweiten Album sind ihre Eltern", teilte er noch mit. Und: "'Ghosteen' ist ein wandelnder Geist."

Rätselhaft wie Caves Erklärungen ist auch das Album selbst. Schon beim Vorgänger "Skeleton Tree" (2016) hatte es einem der Meister der lyrischen Schwere nicht leicht gemacht. Ein Jahr zuvor, im Juli 2015, war Caves 15-jähriger Sohn Arthur von einer Klippe gestürzt, ganz in der Nähe seines Heimatortes Brighton, und verstorben. "Wenn etwas so Katastrophales geschieht, ist man vom einen auf den nächsten Tag ein anderer", sagte Nick Cave einige Zeit später. "Skeleton Tree" war ein Album der Trauer, aber eines, in dem Cave seine Gefühle einer nach Schlagzeilen gierenden Öffentlichkeit nicht auf den Silbertablett präsentierte. Da gab es Andeutungen und vor allem eine düster-depressive Grundstimmung, in der meisterhaft komponierte Songperlen wuchsen.

Reduziert bis zur Auflösung

Auch auf "Ghosteen" ist Cave kein Exhibitionist der Emotionen; die Trauer, die der 62-Jährige noch immer in sich trägt, man spürt sie dennoch mit jeder Note. Das Albumcover, eine kitschige Fantasielandschaft, kann da nur ironisch gemeint sein. Die Songs auf "Ghosteen" sind reduziert, teils bis zur Auflösung. Nick Cave spricht mehr als dass er singt, aber seine sonore Stimme mit all ihrer Eindringlichkeit hält noch immer alles zusammen. Mit "Fireflies" findet sich gar ein Rezitativ auf dem Album.

Es sind Beschwörungen, die Cave auf seinem neuen Album vorträgt, Beschwörungen mehr an sich selbst als an den Zuhörer. "Peace will come in time", fleht er im Eröffnungsstück "Spinning Song". In einem anderen Stück heißt es, vielleicht an seinen toten Sohn gerichtet: "You were a runaway flake of snow, You were skinny and white as a wafer, yeah, I know", dann wieder besingt Cave Glühwürmchen, die gefangen sind in "a little boy's hand". Da hat man fast das Gefühl, jemandem heimlich zu lauschen, der in seiner Trauer eigentlich nicht gestört werden sollte.

Das ist bisweilen unerträglich intim, zumal es auch musikalisch wenig gibt, an dem man sich in diesem düsteren Sturm der Gefühle festklammern könnte. Aber dann gibt es sie doch, die Lichtblicke. "Waiting For You" etwa, ein herzzerreißend schönes Liebeslied, und zu Beginn des epischen Titelsongs "Ghosteen" heißt es dann gar: "This world is beautiful". Man hofft, dass Nick Cave es ernst meint mit diesem Blick ins Licht.

Sven Hauberg

Nick Cave & The Bad Seeds - Waiting For You

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