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Madonna im Porträt

"Ich bringe Licht an dunkle Plätze"

Der vieldiskutierte ESC-Auftritt im Mai, dann noch ein wenig schmeichelhaftes Porträt in der "New York Times": Madonna ist als Queen of Pop nicht mehr unantastbar. Im April, als die Welt noch in Ordnung war, lud sie zum Treffen nach London, um ihr neues Album "Madame X" vorzustellen.

  • Madonna ist vieles, aber sicher niemand, der an sich selbst zweifelt. "Ich bringe Licht an dunkle Plätze, inspiriere Menschen mit meiner Musik und meiner Kreativität", erklärt sie beim Treffen in London. Foto: 2019 Getty Images
  • Mit "Madame X" veröffentlicht Madonna ihr inzwischen 14. Studioalbum. Foto: Universal Music
  • Wieso eigentlich "Madame X"? Die Choreografin Martha Graham habe sie vor vielen Jahren so genannt, erklärt Madonna beim Treffen in London. Foto: Universal Music
  • Nach 35 Jahren im Pop-Business fühlt sich Madonna so mächtig wie nie: "Ich habe heutzutage mehr zu sagen, ich bin stärker in meinen Meinungen und hoffentlich besser informiert. Viel wichtiger ist aber, dass ich immer noch die gleiche Menge Passion für das habe, was ich tue." Foto: Universal Music
  • Madonnas Auftritt sollte das Highlight des diesjährigen Eurovision Song Contest werden. Die Begeisterung hielt sich hinterher jedoch in Grenzen: Viele attestierten der Queen of Pop eine desaströse Leistung. Foto: Michael Campanella/Getty Images
  • Madonna hat eine klare Vorstellung davon, wie sie sich in der Popwelt positionieren will: "Ich bin Provokateurin und hoffentlich nie das, was Leute von mir erwarten." Foto: Universal Music
  • Sein Gesicht nicht oder nur teilweise zu zeigen - das können sich im Pop-Business nur die ganz Großen leisten. Madonna gehört mit über 300 Millionen verkauften Tonträgern definitiv dazu. Foto: Universal Music
  • Ob Madonna, 60, einen Rat für ihr jüngeres Ich hätte? Ja: "Nimm nichts von alledem persönlich." Foto: Universal Music
  • Madonna erfand sich im Lauf ihrer Karriere immer wieder neu. Im Bild: Eine Aufnahme aus ihrer "Rebel Heart"-Phase (2015). Foto: Mert Alas and Marcus Piggot / Universal
  • Perfekte Inszenierung: Wo Madonna auftritt, darf man nach wie vor das größtmögliche Pop-Spektakel erwarten. Foto: Zak Kaczmarek/Getty Images

Vier Jahre sind vergangen seit "Rebel Heart", dem letzten Studioalbum von Madonna (60). Seither überraschte die 1958 in Michigan geborene Sängerin, Songwriterin, Produzentin und Schauspielerin in erster Linie mit Neuigkeiten aus ihrem Privatleben: 2017 etwa zog sie von New York nach Lissabon, um ihrem Sohn David Banda (12) den Besuch der dortigen Fußball-Akademie zu ermöglichen. Mit "Madame X" veröffentlicht die Queen of Pop nun ihr 14. Studioalbum. Das Treffen mit ihr findet nicht in Portugal statt, sondern in einem Hotel in London. Das Porträt der "New York Times", über das sich Madonna zuletzt bitterlich beschwerte, weil sich die Autorin ihrer Meinung nach zu sehr auf ihr Alter fixierte, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen. Auch Madonnas aufsehenerregender Auftritt beim ESC in Tel Aviv liegt noch in weiter Ferne, als sie von ihrem neuen Leben in Lissabon, ihren Kindern sowie ihrem Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit erzählt.

In dem Tonstudio in London herrscht geschäftiges Treiben. Es ist Mitte April, und zum ersten Mal überhaupt werden die neuen Songs von Madonna Louise Ciccone internationalen Pressevertretern vorgespielt. Spannung liegt in der Luft, immerhin handelt es sich um den musikalischen Erguss der Queen of Pop, die laut "Guinness World Records" mit über 300 Millionen verkauften Tonträgern immer noch die erfolgreichste Musikerin aller Zeiten ist - weit vor Konkurrentinnen wie Lady Gaga, Katy Perry oder Beyoncé.

Seit über 35 Jahren macht Madonna den Popzirkus nun schon mit. Sie veröffentlicht in regelmäßigen Abständen neue Alben und erfindet sich immer wieder neu. "Ich habe heutzutage mehr zu sagen, ich bin stärker in meinen Meinungen und hoffentlich besser informiert. Viel wichtiger ist aber, dass ich immer noch die gleiche Menge Passion für das habe, was ich tue", wird Madonna später über ihr Selbstverständnis zu Protokoll geben. Aber noch warten die Pressevertreter. Zettel mit den Songtiteln werden gereicht.

Die ewige Provokateurin

Der französische Produzent Mirwais, der schon an "American Life" (2003) Hand anlegte, taucht in nahezu allen Credits auf. Der Name David Banda steht hinter dem Stück "Batuka", auf dem sogar alle vier ihrer aus Malawi adoptierten Kinder zu hören sind, wie Madonna später verrät. Untypisch für Madonna sind die zahlreichen Duett-Partner: Da sind der Kolumbianer Maluma und die Brasilianerin Anitta - beide jung und sexy, mit zusammen über 81 Millionen Instagram-Followern und diversen Musik-Streaming-Hits. Darüber hinaus sind die US-amerikanischen Rapper Swae Lee und Quavo von der Gruppe Migos mit auf der Platte.

Die kulturelle Vielfalt lebt Madonna also nicht nur in den eigenen vier Wänden. "One, two, one, two, one, two, cha-cha-cha", flüstert sie zur ersten Single "Medellín" via XL-Lautsprecher - auch Stunden später will die Tanzanleitung nicht mehr aus dem Gehörgang weichen. Auch die von Madonna gerappten Zeilen in dem Song "Future", der für Weltoffenheit steht, hallen lange nach: "Not everyone is coming to the future, not everyone is learning from the past", heißt es darin. Doch als sie das Stück einen Monat später beim ESC singt, bleibt die völkerverbindende Botschaft ob des vieldiskutierten Auftritts weitestgehend ungehört. Das könnte ihr beim Pressetermin nicht passieren.

Mit majestätischem Gang und einer geradezu einschüchternden Präsenz schreitet Madonna in den Raum. Wenn sie lächelt, kann man sich nie sicher sein, wie sie es meint. Fragen kontert kontert sie gerne auch mit Gegenfragen. Sie sieht toll aus, nicht nur "für ihr Alter". Das extravaganteste Accessoire ihrer Garderobe ist die schwarze Augenklappe, die Teil des Konzepts von "Madame X" ist, für das sie in unterschiedliche Rollen schlüpft. Aber wieso eigentlich?

"Die Choreografin Martha Graham gab mir diesen Namen", erklärt Madonna. "Ich war 19 und absolvierte in ihrer Schule in New York eine Tanzausbildung. Für sie schien es so, als würde ich täglich meine Identität ändern." So gibt Madonna als Madame X nun die Geheimagentin, die Gelehrte, die Tänzerin, die Cabaret-Sängerin, die Hausfrau und die Weitgereiste (um nur einige Charaktere zu nennen). "Auf gewisse Weise war ich mein ganzes Leben lang Madame X: Ich bringe Licht an dunkle Plätze, inspiriere Menschen mit meiner Musik und meiner Kreativität. Ich bin Provokateurin und hoffentlich nie das, was Leute von mir erwarten", erklärt die Königin des Pop selbstbewusst.

"Nimm nichts von alledem persönlich"

Die neue Platte ist mit ihren lateinamerikanischen und urbanen Klängen tatsächlich nicht das, was der gemeine Madonna-Fan jenseits der 40 erwartet hätte: Pop, Reggaeton, HipHop, 4-to-the-Floor und sogar Klassik verzwirbelt sie in den Stücken; neben englisch singt sie auch auf Spanisch und Portugiesisch. Einmal mehr erfindet sich Madonna neu. Lissabon ist seit zwei Jahren ihre Wahlheimat. "Wenn mich vor zehn Jahren jemand gefragt hätte, ob ich mir vorstellen könnte, in Portugal zu leben, wo mein Sohn David dann Fußball spielt, ich zur Soccer Mom werde, mir die Wochenenden auf dem Fußballplatz um die Ohren schlage und anfange, auf Portugiesisch zu singen, hätte ich diese Person sehr ungläubig angeguckt!", erzählt sie und lacht.

Traditionelle portugiesische Musikstile wie Fado hätten sie bei der Arbeit an ihrem neuen Werk sehr beeinflusst. Bei sogenannten Living-Room-Sessions habe sie sich zu spontanen Musikabenden mit den Locals getroffen. Auch deshalb wollte sie in Landessprache singen, wenngleich sie nur ein Dutzend Worte Portugiesisch spreche, wie sie zugibt. Ihre Kinder sind auch auf dem Album zu hören: "Sie lieben Musik! Aber nur David bestand darauf, dass sein Name in den Song-Credits erwähnt wird. Wie hätte ich mich dagegen wehren sollen?"

In ihrer "Madame X"-Phase zeigt sich Madonna auch wieder von ihrer poltischen Seite - nicht nur in dem Stück "Killers Who Are Partying", in dem sie sich mit diversen Randgruppen solidarisiert. "Wenn ich eine Diskussion entfachen kann darüber, dann habe ich mit dem Song alles erreicht", erklärt sie in London. Madonna entfachte im Lauf ihrer Karriere wahrlich viele Diskussionen, nur bezogen die sich meist auf sie als Person, ihr Alter und die Halbwertzeit von Pop.

Ihre größte Provokation scheint es dieser Tage zu sein, dass sie sich mit 60 überhaupt noch auf eine Bühne traut. Sie sei heute älter, aber auch weiser, reflektiert sie über sich selbst und nennt Johanna von Orléans als Vorbild. "Sie hatte keine Angst, für ihre Überzeugung zu sterben. Sie war eine Freiheitskämpfern und Feministin. So sehe ich mich auch." Auf die Frage, welchen Rat sie ihrem jüngeren Ich mit dem Wissen von heute mit auf den Weg geben würde, hat sie ebenfalls die passende Antwort: "Nimm nichts von alledem persönlich", rät Madonna - und zeigt wieder ihr Lächeln, bei dem man sich nie sicher sein kann.

Katja Schwemmers

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