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Musik-Kritik
Samstag, 23. Juni 2018 18° 3

Get Well Soon: The Horror

- Caroline International

  • Get Well Soon - The Horror
  • Konstantin Gropper, der Mann hinter Get Well Soon, gruselt sich gern. Foto: Clemens Fantur

Zwei Türme, ein paar Schächte im Boden, verstreute Steine. Viel ist nicht mehr übrig von Carinhall, dem Anwesen, das sich Hermann Göring einst in Brandenburg errichten ließ. Ein überwucherter "Lost Place" mitten im Wald, aber doch hat es der 1945 gesprengte Gebäudekomplex irgendwie in die Träume von Konstantin Gropper geschafft. "Dinner At Carinhall" ist einer von drei Angstträumen, die Gropper, der Mann hinter Get Well Soon, für "The Horror" vertont hat. "Ich freue mich eher über einen bösen Traum", sagt der Künstler.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Gropper vom Grauen inspirieren ließ. Schon aus seinem Albumdebüt, erschienen vor zehn Jahren, streute der Schwabe Soundschnipsel aus dem Folterporno "Hexen bis aufs Blut gequält" in seine lieblichen Geigenarrangements ein. Und für das Video zu "Love", der poppigen Single vom letzten Album, machte er aus Udo Kier einen Josef Fritzl. "The Horror" aber ist nun ein ganzes Album über den Grusel, auch wenn man das nicht immer sofort merkt. Da kann ein Albtraum ("Collapse") schon mal in einer orchestralen Fifties-Nummer versteckt werden - Frank Sinatra, erklärt Gropper, sei diesmal eines seiner musikalischen Vorbilder gewesen. Das hört man immer dann, wenn der 35-Jährige seine warme Crooner-Stimme auspackt.

Vor allem aber merkt man, dass es nicht nur seine eigenen Albträume waren, die Gropper inspirierten, sondern auch die anderer. Man hört förmlich die vielen Hitchcock-Filme, die er gesehen haben muss, vielleicht auch italienischen Giallo und die Monsterfilme der Universal Studios aus den 30er-Jahren. Für die Klänge, die Gropper zu diesen Bildern findet, wurde das Wort "Kopfkino" erfunden. Zumal ihm bisweilen schon ein paar schräg gespielte Geigen reichen, um den Film zu starten. Da passt es auch, dass Gropper auf "The Horror" intensiv mit Geräuschen und Field Recordings arbeitet, etwa auf "An Air Vent (in Amsterdam)". Diese musique concrète trägt wesentlich bei zum beunruhigenden Grundton des Albums.

Dennoch ist "The Horror" mehr als eine Fahrt mit der Geisterbahn. Gropper will sein Album auch als Kommentar zu einer Zeit verstanden wissen, "in der die Idylle unserer sicheren Welt zusammenbricht", wie er sagt. Vielleicht deshalb lässt er die Platte von einer tunesischen Sängerin und mit einem an ein arabisches Stück angelehnten Song eröffnen ("Future Ruins Pt. 2"). Auch andere Gaststars tummeln sich auf "The Horror": Kat Frankie singt auf "Nightjogging", und der momentan sehr gehypte Sam Vance-Law (vor Kurzem erst präsentierte er sein "Homotopia") begleitet Gropper nach Carinhall.

Begleitet wird das Album von mehreren Kurzfilmen; zwei hat Gropper bereits veröffentlicht. Im Video zu "Martyrs", dem vielleicht besten der neuen Songs, seziert er genüsslich eine in die Jahre gekommenen Zweierbeziehung und den öden Irrsinn der Arbeitswelt. Auch eine Form von Horror.

Bewertung: ausgezeichnet

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