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Musik-Kritik
Donnerstag, 19. Juli 2018 30° 1

John Coltrane: Both Directions At Once: The Lost Album

- Impulse

  • John Coltrane - Both Directions At Once: The Lost Album
  • John Coltrane gilt als Wegbereiter des Freejazz. Das Album "Both Directions At Once" zeigt, wie er sich der einstigen Zukunftsmusik annäherte. Foto: Chuck Stewart

John Coltrane ist eine Legende: Der Saxofonist polarisierte schon zu Lebzeiten durch seinen avantgardistischen Stil, der sich in der späteren Zeit seines Schaffens immer mehr im Jazz durchsetzte. Nun ist ein lange verschollen geglaubtes Studioalbum aufgetaucht, welches die Zeit des Übergangs von strengen Jazzformen in die des Freejazz hörbar macht. "Both Directions At Once: The Lost Album" heißt das Werk, das 51 Jahre nach dem Tod Coltranes endlich den Weg in die Öffentlichkeit findet - ein echter Schatz, der eine Lücke schließt.

1963 lief es gut für John Coltrane. Im März konnte man ihn und seine Musik zwei Wochen lang Abend für Abend im New Yorker Club "Birdland" erleben, während er sein nächstes Album mit dem Namen "Impressions" plante. Doch als ob das nicht schon genug Aufgaben für einen Jazzmusiker gewesen wären, begab sich Coltrane am 6. März in Rudy Van Gelders Studio, um dort einen Tag lang mit seinem allerersten Quartett ein paar Tracks aufzunehmen. Frei vom alltäglichen Druck und darauf konzentriert, einfach nur zu musizieren, nahmen Coltrane und seine Kollegen des sogenannten Classic Quartet (McCoy Tyner am Klavier, Jimmy Garrisson am Kontrabass und Elvin Jones am Schlagzeug) ein Tonband auf, welches auf dem Höhepunkt seiner Karriere und gleichzeitig an einem entscheidenden Wendepunkt entstand.

Coltrane nahm das Tape mit nach Hause und legte es in eine Kiste. Dort lag es offenbar 55 Jahre lang. Es wechselte zwischenzeitlich den Besitzer (Coltranes Frau nahm es nach der Scheidung mit) und tauchte erst vor Kurzem wieder auf. Ravi Coltrane, Sohn von John und selbst ein erfolgreicher Jazz-Saxofonist, nahm sich des Tonbands an. Was nun mit vielen Jahrzehnten Verspätung endlich veröffentlicht wird, fühlt sich an wie ein Meisterwerk, welches eine Brücke schlägt zwischen Coltranes absoluten Ohrenschmeichlern und seiner Orientierung hin zu experimentelleren Tönen.

"Both Directions At Once: The Lost Album" entstand zu der Zeit, als Coltrane sich auf dem Höhepunkt seiner Kreativität und gleichzeitig im Stadium des Übergangs befand. Genau zu dieser Zeit verabschiedete sich der Saxofonist vom Bebop, um sich aufzumachen in neue, unerforschte Sphären des Jazz. Heute wird Coltrane unter anderem auch als Musiker gewürdigt, der den Freejazz entscheidend mitprägte.

So zeugt das verloren geglaubte Album auch von Coltranes beispielloser Wandelbarkeit. Denn wer ihn und sein Lebenswerk kennt, weiß, dass es in seiner späten Phase durchaus Titel gab, die nicht bei jedem direkt ins Ohr gingen. Doch "Both Directions At Once" war eben nur ein Vorbote von dem, was in den darauffolgenden Jahren bei vielen Hörern für Missmut sorgte. Man hört wenig Schrilles, und auch mit Bezug auf die Harmonien bewegen sich die streckenweise sehr eingängigen Titel halbwegs im Rahmen. Trotzdem kann man erahnen, wohin Coltranes musikalische Reise führen sollte.

Als Paradebeispiel für die "beiden Richtungen", die sich gemäß des Albumtitels gegenüberstehen, könnte man das Stück "Slow Blues" sehen. Tyners traditioneller Touch am Klavier und Garrisons strenge Bluesform am Bass stehen konträr zu Coltranes energiegeladenem Spiel. Er reizt Grenzen aus, versucht sie zu überschreiten, wird aber von Tyner in das Hier und Jetzt zurückgeholt.

"One Up, One Down" zeigt dann, was Aufbruch für Coltrane bedeutet, und auch bei den unbetitelten Stücken spürt man, wie es Coltrane wegzieht vom Bebop, ohne dass er sich endgültig auf den Weg machen würde. Dadurch bildet "Both Directions At Once" das Bindeglied zwischen Coltranes musikalischer Basis und seinem Trieb, immer weiter nach vorne in die Zukunft zu streben. So ist diese Perle nicht unbedingt für Coltrane-Neulinge geeignet, sondern vor allem für diejenigen, die Coltrane lieben - und generell für jeden, der sich für den Wandel des Jazz im Lauf der Jahrzehnte interessiert.

Bewertung: Meisterwerk

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