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Musik-Kritik
Dienstag, 24. April 2018 22° 3

Revolverheld: Zimmer mit Blick

- Columbia

  • Revolverhelds fünftes Studio-Album: "Zimmer mit Blick" Foto: Sony
  • Revolverheld haben sich für ihr neues Album "Zimmer mit Blick" klanglich neu eingerichtet. Foto: Benedikt Schnermann

"Der tanzbarste Revolverheld-Song aller Zeiten" - so beschreibt die Band selbst den Gassenhauer "Immer noch fühlen". Es geht im ersten Song der neuen Platte um "die ersten Male, die man so erlebt hat - das erste Konzert, die erste Party, all diese prägenden Erinnerungen, die man mit einem bestimmten Bauchgefühl verbindet und die man immer versucht zu reproduzieren". Das Album selbst lebt nicht nur von der Reproduktion der Vergangenheit, aber doch zeigt sich alles, was den Longplayer "Zimmer mit Blick" auszeichnet, schon im Opener: mehr Pop, mehr Synthies, mehr 80-er, mehr Ohrwürmer als auf den vorherigen Alben der Hamburger, die inzwischen auch schon seit 13 Jahren im Rock-Pop-Business mitmischen. Track für Track machen Revolverheld deutlich, dass sie nichts von ihrer Spielfreude eingebüßt haben.

Eigentlich wollten Revolverheld nach "MTV Unplugged in drei Akten" eine einjährige Auszeit nehmen, doch die Lust aufs Musizieren kam bereits nach kürzester Zeit zurück. Als die Songwriter Johannes Strate (Gesang, Gitarre) und Kris Hünecke (Gitarre) sich die ersten Ideen für das fünfte Album vorspielten, stellten sie fest, dass sie anders als bisher klangen. So reifte die Idee, eine "moderne" Platte aufzunehmen. "Wir wollten an den Punkten ansetzen, an denen wir früher dachten: 'Das sind nicht mehr wir, das geht zu weit raus'", erklärt Schlagzeuger Jakob Sinn.

Das Ergebnis der Kooperation mit Produzent Philipp Steinke ist aber zum Glück nicht kurzlebiger Pop auf der verzweifelten Suche nach dem Trend des Moments, sondern eine Mischung aus überraschenden Grooves, Melodien auf höchstem Pop-Rock-Niveau und dem zeitlosen Charme des 80er-Jahre-Songwritings. Am konsequentesten zeigt sich die Verbeugung vor dieser goldenen Ära in "Ich kann nicht aufhören unser Leben zu lieben". Hier hört man 80er-Sound im Maßstab 1:1, inklusive eines Elements, das man bei einer zeitgenössischen Band schon lange nicht mehr im Radio vernommen hat: einem Gitarrensolo!

Den Track "Das Herz schlägt bis zum Hals" kennt man bereits aus dem Soundtrack zum Elyas-M'Barek-Film "Dieses bescheuerte Herz". Das leichtgängige Stück "Liebe auf Distanz" wirkt als einziges auf dem Album ein wenig seicht. Für Momente der Ruhe sorgen Balladen wie "Immer geliebt" oder der Song "Unsere Geschichte ist erzählt", der mit Akustikgitarren-Feeling an "MTV Unplugged"-Momente erinnert. Die treibende Hymne "Du kannst auf mich zählen" bedient dagegen die Liebhaber alter Revolverheld-Hits wie "Lass uns gehen".

Trotz aller Freude an der Neuerfindung sind sich Revolverheld in einem Punkt doch treu geblieben: Wie kaum ein anderer deutschsprachiger Act zeigen die Jungs einmal mehr, dass musikalische Mainstream-Kompatibilität und intelligente Texte sich nicht ausschließen müssen. So erweist sich beispielsweise "Sieben Seelen" einerseits als Instant-Mitsing-Hymne, gleichzeitig aber widmet sich das Stück textlich erwachsen einer komplexen Paarbeziehung. Im Titeltrack "Zimmer mit Blick", einer Rockballade mit Klavier und Streichern, stellen Revolverheld dann auch mal unbequeme Fragen: "Wie soll ich diesen Quatsch erklären, was erzähl' ich meinem Kind - dass überall auf dieser Erde einfach nur Verrückte sind?" Auch da sind sie erwachsener geworden, wie Kris erklärt: Revolverheld finden es "heutzutage einfach nicht mehr okay, keine Haltung zu haben".

Bewertung: ausgezeichnet

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