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Musik-Kritik
Donnerstag, 19. April 2018 26° 1

The Voidz: Virtue

Rock - RCA

  • The Voidz - Virtue
  • The Voidz sind die Zweitband von The-Strokes-Sänger Julian Casablancas. Foto: Jeramy Gritter

Als Julian Casablancas 2009 sein zweites Soloprojekt ohne The Strokes vorstellte, war die Pop-Welt maximal verwirrt: Auf die vorangegangenen Flirts mit Pharrell Williams und Sci-Fi-Pop folgte ein sperriges Anti-Album zwischen schweren Artrock-Gitarren und elektroiden Avantgarde-Arragements, umständlich Julian Casablancas + The Voidz genannt. Entflohen aus dem brachialen Garagenrock-Erbe seiner Anfangsjahre, entdeckte Casablancas auf "Tyranny" das Artifizielle in der Dystopie - und klang maximal unzugänglich. Jetzt also folgt "Virtue" - und vieles ist anders.

Nicht nur wurde der komplizierte Bandname griffig auf The Voidz reduziert und mit Shawn Everett der aktuell hipste Rock-Produzent hinters Mischpult gesetzt, auch The Strokes haben mit dem letzten Album "Comedown Machine" 2013 ihre Vertragspflicht erfüllt. Das macht Songwriter Julian Casablancas unbestrittene Kreativität freier, fokussierter, ja zugänglicher. Das zweite The-Voidz-Album will den musikalischen Freigeist des Debüts mit Mainstream-Tauglichkeit kombinieren.

Und es gelingt: Die melodische Single "Leave It In My Dreams" oder der soulige Beat-Rock von "Lazy Boy" balancieren auf der leichtfüßigen Melancholie der 2000er Indie-Ära, wenn man nicht gerade Glam-Metal zur "Pyramid Of Bones" stapelt und so immerhin konservative Strokes-Anhänger versöhnlich stimmt. Doch schon das verschachtelte "QYURRYUS" aus treibenden Daft-Punk-Dance und gekünsteltem Yuppie-Gestus von Falco relativiert dieses Angebot, bis mit dem ungenierten Autotune-Einsatz auf "All Wordz Are Made Up" The Voidz sich sogar vor dem Roboter-R&B von Kanye Wests "808s & Heartbreak" verneigen.

In Zeiten der allgemeinen Verunsicherung kann es auch ein Statement sein, sich nicht festzulegen. "Virtue" hat sich aber nicht der Verweigerung verschrieben, es sucht nur die Lösung in der Vielfalt. "If I told you the truth it would be a lie", amüsiert man sich über die Fake-News-Verschwörungstheorien auf "Permanent Highschool", der energetische Wave-Punk von "We're Where We Were" zieht sogar sehr konkrete Vergleiche für die Trump-Ära: "New holocaust happening/ What, are you blind?/ You're in Germany now/1939".

"Es ist für jeden etwas dabei" ist zwar ein Etikett, das in der Musikgeschichte immer eher abschreckend wirkte, doch könnte diese Interview-Aussage von Julian Casablancas politischer kaum sein. "Virtue" ist ein eklektischer Soundtrack für Menschen, die ihren Verstand noch benutzen wollen.

Bewertung: überzeugend

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