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Samstag, 21. Juli 2018 28° 8

Brendon Urie sorgt wieder für Panik in der Disco

"Vielleicht kann ich ja meine eigene Religion gründen"
von Katja Schwemmers

  • Brendon Urie, der aus einem Mormonen-Haushalt stammt, hat der Religion inzwischen eigentlich den Rücken gekehrt. Dennoch: "Dass ich mitfühlend, hilfsbereit und generell ein Menschenfreund bin, habe ich auch dem Glauben zu verdanken." Foto: WMG
  • In jüngerer Vergangenheit hatte Brendon Urie immer wieder Schwierigkeiten mit den eigenen Anhängern: "Selbst wenn ich Fans darum bat, mal einen Schritt zurückzutreten und nicht in mein Gesicht zu schreien, geriet es außer Kontrolle. Ich komme damit nicht klar." Foto: Shervin Lainez
  • Mit 17 Jahren entschied sich Brendon Urie gegen seinen religiösen Hintergrund und für die Musik: "Ständig der Kirche zu dienen und gleichzeitig in einer Band zu sein, ließ sich auch nicht vereinbaren." Foto: Alex R. Kirzhner
  • Nachdem er in seinem Haus in Los Angeles immer häufiger von Fans bedrängt wurde, musste Brendon Urie umziehen. "Es fühlte sich einfach nicht mehr sicher an für meine Frau, meinen Hund und mich." Foto: Alex R. Kirzhner
  • Brendon Urie, hier bei der Wahl der Miss Universum 2013 in Russland, ist längst ein international gefeierter Rock- und Pop-Star. Foto: Victor Boyko/Getty Images
  • Von großen Menschenansammlungen fühlt sich Brendon Urie schnell überfordert, aber: "Ich habe zum Glück immer Leute um mich, die mir an den Augen ablesen können, ob das gerade der Fall ist." Foto: Victor Boyko/Getty Images
  • Lange her: 2008 trat Brendon Urie als Sänger von Panic! At The Disco noch ohne Glitzer-Sakko auf, dafür mit Wuschelkopf. Foto: Hannah Peters/Getty Images
  • Mit "Pray For The Wicked" veröffentlicht Brendon Urie sein zweites Album als alleiniger Chef von Panic! At The Disco.

Brendon Urie ist seit 2015 das letzte verbliebene Gründungsmitglied der US-Rockband Panic! At The Disco, die 2006 mit reichlich Eyeliner und dem Hit "I Write Sins Not Tragedies" den Durchbruch schaffte. Das hält den 31-Jährigen nicht davon ab, weiter zu machen. Tatsächlich wird er sogar von Jahr zu Jahr erfolgreicher. "Death Of A Bachelor" war 2016 die erste Panic!-Platte, die sich auf der Pole der US-Charts platzierte. Mit "Pray For The Wicked" erscheint nun das inzwischen sechste Studio-Album, und es ist merklich poppiger als die letzten Werke. Beim Interview in Berlin strahlt Brendon Urie aus jeder Pore und gibt offen Auskunft über seine Ambitionen. Der 31-Jährige erzählt aber auch von seinen Ängsten.

teleschau: Mr. Urie, Sie waren zuletzt eigentlich sehr erfolgreich. Warum singen Sie nun in dem neuen Song "Dying in LA" von zerplatzten Träumen?

Brendon Urie: Die meisten Musiker erleben das ja auch so. Ich habe viel Glück gehabt. Trotzdem ist Los Angeles meine Hass-Liebe. Es ist gleichzeitig mein Lieblingsort auf der Welt, aber auch der schlimmste Platz überhaupt. Du kannst dort auf die liebenswürdigsten, verständnisvollsten, charismatischsten und kreativsten Menschen treffen - aber auch auf richtige Arschlöcher, die nur deine Seele aussaugen und dich benutzen wollen. Ich habe beides erlebt. Aber ich will nicht rachsüchtig sein, sondern einfach besser als die schlechten Menschen, denen ich begegnete. Dazu soll der Song generell inspirieren.

teleschau: Sie leben seit zehn Jahren in der Stadt der Engel, sollen jüngst aber umgezogen sein, weil Ihnen der Fanrummel zu viel wurde.

Urie: Ich lebe immer noch in L.A., aber ich musste aus meinem Haus ausziehen, weil ich von Fans gestalked wurde. Sie fanden heraus, wo ich wohne. Erst schickten sie mir Geschenke und Dinge zum Unterschreiben, und ich dachte: Fein, so etwas mache ich gerne. Aber irgendwann sprangen sie über das Eingangstor, klopften an die Tür und versuchten, sie zu öffnen. Das ist so respektlos. Doch bevor ich zu diskutieren anfange, ziehe ich lieber um. Es fühlte sich einfach nicht mehr sicher an für meine Frau, meinen Hund und mich. Unser neues Haus ist nun so privat, dass es niemand findet. (lacht)

teleschau: Während Ihres Gastspiels am New Yorker Broadway im Musical "Kinky Boots" im Sommer 2017 soll mitunter die ganze Straße von Fans lahmgelegt worden sein.

Urie: So ungefähr war das nach den Shows, ja. Es gibt so eine Mob-Mentalität. In "Men In Black" sagt Tommy Lee Jones: "Ein Mensch ist intelligent, ein Haufen Menschen sind dumme, hysterische Tiere." Und es stimmt. Selbst wenn ich Fans darum bat, mal einen Schritt zurückzutreten und nicht in mein Gesicht zu schreien, geriet es außer Kontrolle. Ich komme damit nicht klar. Ich habe ohnehin eine Angststörung, und ich habe ADHS. Ich muss immer aufpassen, in was für Situationen ich mich begebe.

teleschau: Was bedeutet das konkret?

Urie: Wenn ich nicht genügend Zeit habe, mich mental auf eine Menschenansammlung einzustellen, kann mich das irritieren und überfordern. Ich muss mich dann da rausziehen. Ich habe zum Glück immer Leute um mich, die mir an den Augen ablesen können, ob das gerade der Fall ist.

teleschau: Eigentlich komisch, dass Menschen, die Sie eigentlich mögen und die Ihnen den Job erst ermöglichen, dann plötzlich zur Bedrohung werden.

Urie: Ja, aber glücklicherweise handelt es sich dabei nur um einen kleinen Bruchteil der Fans. Die Mehrheit der Menschen, die ich treffe, ist einfach nur cool. Es macht mir Spaß, mich mit ihnen zu unterhalten und eine gute Zeit zu haben. Es ist auch noch nicht so weit, dass ich gar nicht mehr vor die Tür gehen kann - dann würde ich vermutlich Schluss machen mit dem Job. Ich kann Shows spielen und danach tolle Fans treffen, und am nächsten Tag gehe ich in den Supermarkt, wo ich der normale Typ bin, der Brot einkauft und den niemand erkennt. Nur, wenn bestimmte Grenzen überschritten werden, kann ich mich dem nicht aussetzen.

teleschau: Hat die Musical-Erfahrung auch Ihr neues Album beeinflusst?

Urie: Oh ja, auf so viele Arten - besonders aber, was den Gesang betrifft! Cyndi Lauper, die die Musik dafür geschrieben hat, hat mir ihre Gesangslehrerin geborgt, die mir die unglaublichsten Übungen mit der Zunge verraten hat. Ich benutze auf der Platte meine Stimme, wie ich es nie zuvor getan habe. Und wenn ich an die künftigen Liveshows von Panic! At The Disco denke, werden die auch sehr viele Broadway-Elemente enthalten - ich tüftle seit acht Monaten daran herum. Die Auftritte im Musical haben mich außerdem gelehrt, dass man, wenn man Angst vor etwas hat, mit voller Wucht hineinspringen muss. Am Ende wirst du immer belohnt für deinen Mut.

teleschau: Brauchten Sie auch Mut, als Sie sich im zarten Alter von 17 Jahren Panic! At The Disco anschlossen, die damals noch eine Blink-182-Coverband waren?

Urie: Oh ja. Ich war damals unglaublich unsicher. Eigentlich sollte ich nur für zwei Shows als Ersatz-Gitarrist einspringen, weil der eigentliche Gitarrist verhindert war. Doch dann machten sie mich zum Sänger. Was erstaunlich war, denn ich hatte wirklich null Selbstbewusstsein.

teleschau: Sie wuchsen als Sohn einer Mormonen-Familie in Las Vegas auf. Hatten Ihre Eltern kein Problem mit Ihren Musiker-Ambitionen?

Urie: Meine Eltern haben mich immer am meisten unterstützt! Meiner Mutter machte allerdings zu schaffen, dass ich mit 17 der Religion den Rücken kehrte. Aber ständig der Kirche zu dienen und gleichzeitig in einer Band zu sein, ließ sich auch nicht vereinbaren. Und die Mentalität der Kirche missfiel mir, also dass man immer starker Kritik ausgesetzt war und kleiner gemacht wurde, als man ist. Trotzdem bin ich dankbar für die Zeit.

teleschau: Inwiefern?

Urie: Dass ich mitfühlend, hilfsbereit und generell ein Menschenfreund bin, habe ich auch dem Glauben zu verdanken. Diese Werte halte ich immer noch hoch. Ich mag den Gemeinschaftssinn der Mormonen. Es gehört zur Kirche dazu, gemeinnützige Arbeit zu verrichten. Ich erinnere mich daran, wie ich im Alter von acht Jahren in das Haus unserer Nachbarin geschickt wurde, um ihr zu helfen. Ich war erst sauer. Aber als ich wieder nach Hause kam, hat es mich doch befriedigt, der 80-jährigen Dame unter die Arme gegriffen zu haben. Sie hätte nicht das Geld gehabt, sich professionelle Hilfe zu holen. Es hat mich die Lektion gelehrt, dass es schön ist, Liebe zu teilen und sich um andere zu kümmern.

teleschau: Aber der Religion haben Sie ganz abgeschworen?

Urie: Ja, aber vielleicht kann ich ja meine eigene Religion gründen. Ich habe das Gefühl, dass Panic! At The Disco für die Fans auch so etwas wie eine Religion ist, und ich glaube dann auch lieber daran. Denn es sind die Fans, die mich mehr als alles andere inspiriert haben. Das ist meine neue Religion. Und die ist unglaublich schön und erleuchtend!

teleschau: Haben Sie schon als Kind musiziert?

Urie: Ja, und das sind die besten Erinnerungen! Als ich fünf war, ermutigte mich meine Mutter dazu, Instrumente zu erlernen. Aber eigentlich war das selbstverständlich in unserem Haushalt. Ich war immer umgeben von Musik. Mein Dad spielte Gitarre, und wir standen alle um das Piano herum, während meine Mutter darauf spielte. Wir sangen dann Weihnachtslieder, Stücke von Frank Sinatra oder eben Lieder der Kirche. Wir zelebrierten das richtig. Nun meine eigene Musik zu haben und eine Stimme für andere Leute zu sein, fühlt sich trotzdem verrückt an.

teleschau: Verrückt ist ja auch, dass von den 2004 gegründeten Panic! At The Disco heute nur noch Sie übrig sind.

Urie: Ja, und alle denken: Herrje, Brendon Urie muss ein echt schwieriger Typ sein! Dabei liegt es gar nicht an mir. Als wir anfingen, war unser Band-Kredo: "Wir werden für immer zusammen bleiben wie die Stones - vier Typen, die bis 70 touren." Das wäre toll gewesen. Aber alle haben die Band verlassen, weil sie es nicht länger tun wollten. Ich selbst habe für mich indes nie infragegestellt, ob ich weitermachen werde.

teleschau: Haben Sie heute ein anderes Selbstverständnis als früher?

Urie: Schon. Panic! At The Disco ist heute meine Band. Diese und die letzte Platte sind Versionen von dem, was ich sagen will. Sie sind ehrlich und autobiografisch. Wichtig ist mir auch, dass ich mich mit Leuten umgebe, die keine Ja-Sager sind oder mein Ego aufblähen.

teleschau: Hatten Sie dennoch Angst davor, wie es für die Band unter Ihrer alleinigen Führung weitergehen würde?

Urie: Absolut! Selbstzweifel gehören zum Künstlerdasein dazu. Da war der große Hype am Anfang, und dann kam die Ungewissheit. Ich wusste nicht, ob die Menschen mich akzeptieren würden. "Death Of A Bachelor" hätte nach dem Ausstieg von Spencer Smith im Jahr 2015 auch meine letzte Platte sein können. Aber ich habe daraus auch gelernt: Wenn ich ein Album mache, darf ich nicht darüber nachdenken, was danach kommt. Ich darf mir auch keine Sorgen um die Meinung anderer Leute machen. Denn das zerstört die Kreativität. Die hängt heute allein an mir.

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