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Rick Astley veröffentlicht am 13. Juli sein neues Album "Beautiful Life"

"Öffentliche Figur zu sein, ist ein Fluch"
von Eric Leimann

  • Rick Astleys wundersames Comeback mit Anfang 50: Warum mögen die Briten heute einen Mann, den sie früher verachteten? Foto: Rankin
  • Nicht nur die Tolle ist noch da - auch ansonsten hat er sich gut gehalten: Rick Astley, einer der größten Popstars der späten 80-er. Heute geht es dem "Never Gonna Give You Up"-Sänger - bis auf ein paar Probleme mit dem alternden Körper - sehr viel besser als früher. Foto: Rankin
  • Es ist sein zweites Comeback-Album nach 20 Jahren Pause im Musikbusiness: "Beautiful Life" hat Rick Astley wie schon den Vorgänger "50" weitgehend alleine in der heimischen Garage aufgenommen.
  • Nach 20 Jahren Pause feierte Rick Astley 2016 mit seinem Album "50" ein nicht für möglich gehaltenes Comeback: Das selbst in der Garage produzierte Album des damals 50-Jährigen eroberte Platz eins der britischen Albumcharts. Foto: Rankin
  • Älter, reifer, glücklicher: Rick Astley. Foto: Rankin
  • Das wundersame Comeback eines erfolgreichen, aber kaum geachteten 80-er-Jahre-Stars: Rick Astley ("Never Gonna Give You Up") ist wieder da. Foto: Rankin
  • Rick Astley, ein Junge aus dem Norden Englands, wurde 1987 mit 21 Jahren quasi aus dem Nichts zum Star. Dafür ist er dankbar. Gefallen hat ihm das damit verbundene Leben jedoch nie. Foto: Rankin
  • Rick Astley identifiziert sich mit seiner eigenen Musik heute weit mehr als in den 80-ern. "Was kein Wunder ist, denn ich mache sie - im Gegensatz zu damals - ja auch selbst." Foto: Rankin
  • Rick Astley bestimmt inzwischen ganz allein, wie seine Musik klingt: "Ich hätte nach dem Erfolg des Comeback-Albums natürlich zu einem tollen Produzenten gehen können. Mein Gefühl sagte mir, dass ich das nicht will." Foto: Rankin

Ende der 80-er war Rick Astley einer der meistgehassten Popstars der Welt. Zwar verkaufte der Milchbubi von der Merseyside Millionen von Platten. Sein Sound jedoch, der aus der berühmten Schmiede von Stock-Aitken-Waterman stammte, war Kritikern und ambitionierten Musikfans Sinnbild seelenloser Hitparadenmucke. Dabei war Astley, dessen größter Hit der Ohrwurm "Never Gonna Give You Up" war, doch über den Kirchenchor und als Soulfan zur Musik gekommen. Mehr Seele geht eigentlich nicht. Nach 20 Jahren Pause im Musikbusiness zeigt der 52-Jährige sein Innenleben nun sehr viel deutlicher. Mit "50" feierte er 2016 ein Sensations-Comeback, das Album sprang auf Platz eins der britischen Charts. Nun kommt für Rick Astley mit "Beautiful Life" (13. Juli) ein weiterer Schritt heraus aus seinem seltsamen Starleben der 80-er.

teleschau: Wie wunderbar ist Ihr Leben?

Rick Astley: Ziemlich wunderbar (lacht). Sehen Sie, ich wurde mit 21 Jahren aus dem Nichts ein Popstar, den man auf der ganzen Welt kannte. In diesem Alter kann man so etwas gar nicht richtig fassen. Man nimmt es als gegeben hin oder bedauert sogar, was man verloren hat. Ich habe das alles nur vier, fünf Jahre gelebt und mich dann zurückgezogen. Genauso unglaublich wie der Aufstieg 1987 ist allerdings auch mein Comeback vor zwei Jahren.

teleschau: Da veröffentlichten Sie mit 50 Jahren ein Album namens "50", und aus einem vergessenen Musiker der 80-er wurde plötzlich einer mit einem Nummer-eins-Album in Großbritannien.

Astley: Ja, es war ziemlich unglaublich. Ich hatte vor zehn Jahren wieder angefangen zu singen. Als einer dieser Retro-Stars, die ihre alten Songs performen. Vor Leuten, die in den 80-ern jung waren. Es war okay, aber dass ich nun neue Songs geschrieben habe, die Menschen aller Altersgruppen heute auf der Straße pfeifen: Das fühlt sich seltsam und wunderschön an.

teleschau: Können Sie sich Ihr Comeback erklären?

Astley: Ich glaube, die Texte sind der Schlüssel. Ein älterer Typ setzt sich hin, früher war er ein bekannter Popstar, und schreibt sehr offen über sein Leben. Es gibt ein Lied auf dem "50"-Album, das heißt "Angels On My Side". Darin singe ich über die Menschen, die mein Leben begleiteten. Die mich dabei wie Engel beschützt haben. Viele Leute schrieben mir daraufhin, dass sie auch darüber nachdachten, welche Menschen ihr Leben gerettet und lebenswert gemacht haben. Und dass sie sich über meinen Song darüber klar wurden. Das war sehr bewegend für mich. Und weil es einige Songs auf dem Album gab, die so direkt, unverstellt und ehrlich waren, erzeugte es so viel Aufmerksamkeit, vermute ich.

teleschau: Die Welt liebt natürlich solche Comeback-Geschichten. War Ihre besonders interessant, weil Sie wirklich komplett aus dem Business draußen waren?

Astley: Ja, vielleicht. Ich war ein 50-jähriger Typ, der ein Album in seiner Garage aufgenommen hatte. Ein Kerl, der früher Popstar war, den aber viele Leute nicht leiden konnten. Bei dem man auch anzweifelte, ob er etwas kann. Dieser Typ schreibt nun alle Songs selbst und spielt auch die Instrumente dazu. Das ist einfach eine schöne Geschichte. Auch wenn ich vorher nicht darüber nachgedacht hatte, weil man diesen Erfolg natürlich in keiner Weise planen konnte ...

teleschau: Haben Sie sich auch ein bisschen an Ihren Kritikern gerächt?

Astley: Rache war nie ein Motiv für mich. Wäre ich 1987 Kritiker gewesen und hätte diesen Rick Astley mit "Never Gonna Give You Up" im Radio gehört oder auf MTV gesehen - dann hätte ich ihn als einen dieser Sänger wahrgenommen, die Popmusik von der Stange singen. Minderwertigkeitsgefühle oder das Gefühl, verkannt zu sein, spielten bei mir nie eine Rolle. Ich bin ein friedlicher und zufriedener Zeitgenosse. Ich fühle vor allem Dankbarkeit für ein großartiges Leben, das mir die Musik ermöglichte.

teleschau: Sie haben sich Anfang der 90-er für fast 20 Jahre komplett aus dem Popgeschäft zurückgezogen. Warum?

Astley: Am Anfang war es einfach eine Pause, die ich machen wollte. Eine Pause nach rastlosen Jahren, die ich ständig auf Tour, im Studio oder auf PR-Reisen verbrachte. Meine Frau und ich hatten damals eine kleine Tochter bekommen. Sie war etwa zwei Jahre alt, als ich mich ins Private zurückzog. Die meisten Eltern, vor allem die Väter, bekommen gar nicht mit, wie ihre Kinder aufwachsen. Das war nicht mein Ding. Ich wollte zu Hause und dabei sein. Dass ich mich damals so entschieden habe, halte ich im Nachhinein für eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Außerdem habe ich ein Studio aufgebaut und mich über Jahre in die Arbeit damit hineingefuchst.

teleschau: Und so waren auf einmal 20 Jahre vergangen?

Astley: Ja und nein. Ich habe schon etwas Musik gemacht. Ich wollte andere Leute produzieren, machte Demos mit Freunden und so etwas. Ich lebte wie ein Student, auch wenn ich dabei keine Universität von innen gesehen habe. Ich beschäftigte mich mit Dingen, die mich interessierten und über die ich mehr wissen wollte. Und ich traf meine Freunde, die ich während der vier oder fünf Jahre meiner Karriere quasi nicht zu Gesicht bekommen hatte. Es klingt lächerlich, aber so war es. Ich hatte schlicht niemals frei. Ich war 365 Tage im Jahr Popstar. Und falls ein Schaltjahr dabei war, waren es wohl 366 Tage.

teleschau: Früher machte man sich über Sie lustig. Es gab sogar Gerüchte, Sie würden gar nicht selbst singen. Wie gut sind Sie als Musiker?

Astley: Also - die Stimme war schon immer meine. Als Musiker war ich früher keine große Leuchte. Ich konnte einigermaßen ordentlich Schlagzeug spielen. Die anderen Instrumente habe ich mir über viele Jahre und Jahrzehnte selbst beigebracht. Ich bin kein Virtuose und könnte nicht bei einer hochklassigen Jam-Session im Live-Club einsteigen. Wenn ich jedoch Zeit habe und meine Maschinen, die mir helfen, kann ich heutzutage ein Album ganz alleine aufnehmen und mich so komplett alleine musikalisch ausdrücken. Auch das neue Album ist wieder auf diese Weise entstanden. Ich hätte nach dem Erfolg des Comeback-Albums natürlich zu einem tollen Produzenten gehen können. Mein Gefühl sagte mir, dass ich das nicht will. Ich glaube, das Für-mich-sein ist das, was ich heute schätze.

teleschau: War es angenehmer, vor 30 Jahren ein weltbekannter Popmusiker zu sein, oder geht es den Stars heute besser?

Astley: Vor 30 Jahren gab es kein Internet. Deshalb verkaufte man als Star Millionen von Platten. Andererseits brauchte man damals Plattenfirmen. Große Konzerne, die in dich investierten und bei deiner Karriere mitredeten. MTV spielte eine gewaltige Rolle. Man musste mit denen klarkommen, oder besser: die mit dir. Heute ist alles anders. Es gibt nicht mehr so viel zu verdienen, aber du kannst deine Karriere selbstbestimmt steuern. Es ist eine eher philosophische Frage, was besser ist.

teleschau: Sie sind heute 52 Jahre alt - und wieder ein Star. Inwieweit fühlt sich das heute anders an?

Astley: Es fühlt sich ganz anders an. Ich war kürzlich mit ein paar Leuten in Berlin beim Mittagessen und keiner erkannte mich. Würde ich das in England tun, es wäre genauso. Trotzdem spiele ich heute wieder Open-Air-Konzerte, bei denen 30.000 Menschen alte und neue Songs mitsingen. Große Konzerte zu spielen und trotzdem seine Ruhe zu haben, das ist der große Unterschied. Und genau der macht für mich dieses "Beautiful Life" aus.

teleschau: Es klingt danach, dass Sie die Öffentlichkeit nie schätzten oder gar brauchten?

Astley: Öffentliche Figur zu sein, ist ein Fluch. Man hat kein normales Leben mehr. Nehmen Sie Justin Bieber. Der arme Kerl kann nirgendwo hingehen, ohne dass ihn alle anstarren oder dass er einen Auflauf hysterischer Menschen verursacht. So etwas tut niemandem gut. Keinem gefällt so etwas. Ich denke manchmal darüber nach, warum viele Popkarrieren so kurz sind. Meistens glaubt man, die Leute würden sich abnutzen. Die Wahrheit ist, sie halten das Ganze nicht aus. Und tun Dinge, die dafür sorgen, dass es bald vorbei ist.

teleschau: Eine kühne These!

Astley: Ich glaube, es ist etwas dran an diesem Gedanken. Natürlich könnte man sagen, die Produzenten, die Macher, das Management - wer auch immer - pressen das Produkt aus, bis es uninteressant geworden ist. Die Leute lassen es aber auch oft mit sich machen, weil sie wollen, dass es bald vorbei ist. Wenn ich früher als junger Typ mal meine Freunde sehen und mit ihnen im Pub quatschen wollte, tranken und redeten meine Freunde am Ende alleine, während ich neben dem Tisch stand und Autogramme schrieb. Also ging ich bald nicht mehr aus. Heute ist alles noch schlimmer, weil man bei jeder öffentlichen Handlung fotografiert und ins Netz gestellt wird. Wer will so leben? Ich beklage mich nicht darüber, es ist Teil eines gut bezahlten Jobs. Man kann das aber nicht lange machen, ohne den Verstand zu verlieren oder ein sehr merkwürdiger Mensch zu werden.

teleschau: Sind Sie heute glücklicher als mit Anfang 20?

Astley: Ja und nein. Jeder, der einen 52-jährigen Körper mit sich herumschleppt, würde ihn gerne gegen den eines 22-Jährigen tauschen. Mit vielen anderen Dingen bin ich heute glücklicher als damals. Ich genieße und schätze das Leben anders. Und ich fühle mich meiner Musik viel mehr verbunden als damals. Was kein Wunder ist, denn ich mache sie - im Gegensatz zu damals - ja auch selbst.

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