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Within Temptation im Porträt

"Lasst die Finger von unserer Freiheit!"
von Alexander Diehl

  • Auf "Resist" zeigt sich Sharon den Adel kämpferisch, und sie nimmt große Ziele ins Visier: "Dieses Gefühl, dass Regierungen oder Unternehmen dich kontrollieren wollen, weckt den Rebellen in dir." Foto: Set Vexy / Universal Music
  • Kühler Sound und düstere Visionen - Within Temptation befassen sich auf "Resist" unter anderem mit den Gefahren der Digitalisierung. Von links: Mike Coolen, Martijn Spierenburg, Sharon den Adel, Jeroel van Veen, Stefan Helleblad und Ruud Jolie (nicht im Bild: Robert Westerholt). Foto: Universal Music / Set Vexy
  • Sharon den Adel steckte zuletzt sowohl persönlich als auch künstlerisch in der Krise. "Wir waren nicht einmal sicher, ob wir Within Temptation weiterführen würden." Foto: Patric Ullaeus / BRM
  • Sharon den Adel überraschte die Fans 2018 mit einer relativ leichten und poppigen Soloplatte. Dabei machte den Adel gerade da eine sehr schwere Zeit durch: "Der Tag, an dem mein Vater beerdigt wurde, war der Veröffentlichungstag von 'My Indigo'." Foto: Semuel Souhuwat
  • Sharon den Adel versteht "Resist" als eine "rebellische Platte": "Sie hat diese 'Versuch nicht, uns zu verarschen'-Attitüde." Foto: Universal Music
  • Die neuen Artworks von Within Temptation sehen sehr nach Science-Fiction aus, tatsächlich befasst sich die Band auf dem Album "Resist" aber mit vielen aktuellen gesellschaftliche Themen. Foto: Universal Music / Set Vexy
  • Within Temptation haben sich im Lauf der Jahre optisch und klanglich stark gewandelt, dazu hat es außerdem immer wieder personelle Wechsel gegeben. Seit Stunde null dabei: Sharon den Adel und Robert Westerholt (fünfter von links), die nicht nur gut zusammenarbeiten, sondern auch privat ein Paar sind. Foto: BMG Ariola

Alles beginnt mit dem Diktiergerät, das zu Beginn des Interviews in einem Berliner Hotel auf dem Tisch platziert wird. Es ist ein aus heutiger Sicht monströses Ding - mit einer Audiokassette darin, eben kein schmales Smartphone mit Aufnahme-App. Sharon den Adel (44) zeigt sich begeistert. Ihr musikalischer und privater Partner Robert Westerholt (44) führt im Nebenraum noch ein Telefonat. Es bleibt also Zeit für ein kleines Vorgespräch, und dank des Diktiergeräts gibt es auch gleich ein Thema: Immerhin erscheint "Resist", das neue Album von Within Temptation (erhältlich ab 1. Februar), unter anderem auch als MC.

Dass neben den regulären Varianten auch die eher unzeitgemäße Veröffentlichungsform der Mikrokassette gewählt wurde, hat etwas mit My Indigo zu tun, dem Soloprojekt von Sharon den Adel. "Als ich an dem Projekt arbeitete, wurde ich von einer Art Zeitsprung inspiriert - ich dachte viel darüber nach, wie ich aufwuchs", erläutert die Sängerin. Sie ist Jahrgang 1974, entsprechend nachvollziehbar ist ihre "nostalgische Verbindung" zu Kassetten. Auch ihr Sohn besitzt einen Walkman - der Opa vermachte dem Enkel einst seine Tape-Sammlung: "Jeden Abend spielt er eine Kassette meines Vaters ab", erzählt Sharon. "Von den Eagles, Chris Rea, ELO, 10cc. Das ist wie eine Art Revival für mich."

"Das war alles sehr emotional"

Auch in dem Videoclip zu dem Song "My Indigo" spielen ein Junge und sein Walkman eine Rolle. Langsam dringt das Gespräch zu der Wurzel des Projekts vor, welche letztlich auch die Wurzel für das neue Within-Temptation-Album werden sollte. Die sympathische, offenherzige Musikerin erzählt von der Krankheit ihres Vaters. Davon, wie sie seine Rolle in ihrem Leben neu einordnete und sich selbst, ihre Jugend und auch die Zeit mit der Band reflektierte. Der zentrale Moment: "Der Tag, an dem mein Vater beerdigt wurde, war der Veröffentlichungstag von 'My Indigo'. Deshalb musste ich Fernsehauftritte, Release-Shows und all diese Dinge absagen. Das Album war übrigens auch meinem Dad gewidmet. Das war alles sehr emotional."

Mit "My Indigo" gelang Sharon den Adel auch die Überwindung einer kreativen Blockade. "Als ich damals anfing zu schreiben, kam Material heraus, welches nicht zu Within Temptation passte", erinnert sie sich. Allerdings sei sie zu diesem Zeitpunkt einfach froh gewesen, überhaupt wieder Songs komponieren zu können. Robert stößt dazu und ergänzt leicht seufzend "Das war eine harte Zeit", wobei es im Nachhinein auch gut gewesen sei, mit der Band zu pausieren. Seine Partnerin fügt hinzu: "Wir waren nicht einmal sicher, ob wir Within Temptation weiterführen würden."

Die "Versuch nicht, uns zu verarschen"-Platte

Nach dieser Vorgeschichte überrascht es nicht, dass "Resist" ein sehr spezielles Album geworden ist. Das "straighte Element", wie den Adel und Westerholt es nennen, ist kaum mehr vorhanden. Es geht um Rhythmus, um Sounds, um Groove. Aber natürlich auch um Härte. "Früher kombinierten wir oft orchestrale Elemente, jetzt sind es Synthesizer und Gitarren", analysiert den Adel den musikalischen Wandel. Die im vorab veröffentlichten Video zu "Reckoning" transportierte Ästhetik passt perfekt zu der industriellen, unterkühlten Stimmung, die Within Temptation auf "Resist" präsentieren.

"Das digitale Zeitalter hat uns inspiriert. Wenn du ins Internet gehst: Wer sitzt da am anderen Ende? Welche Algorithmen arbeiten für dich, welche gegen dich?". Sharon wirkt nachdenklich. Robert führt den Gedanken weiter und ergänzt: "Es fühlt sich momentan an, als ob dir die Welt zu Füßen liegt. Du kannst alles überall bekommen, du kannst mit jedem kommunizieren. Aber zur selben Zeit kriegst du das Gefühl, dass du kontrolliert und gesteuert wirst."

Das Thema Digitalisierung ist in der Musikwelt präsenter denn je: Spotify und andere Streamingdienste erzählen dem Hörer, was ihm gefallen sollte, mächtige Firmen nutzen die Nachverfolgbarkeit, um mittels Profilierungen potenzielle Kunden gezielt anzusprechen. Und um ihnen einen Teil ihrer Freiheit zu nehmen. "Dieses Gefühl, dass Regierungen oder Unternehmen dich kontrollieren wollen, weckt den Rebellen in dir." Man spürt, dass diese Themen den beiden Hauptakteuren von Within Temptation ernsthaft Sorge bereiten - und daraus schöpfen sie Kreativität. "Wir als Menschen, die eben ein bisschen andere Musik mögen, wehren uns natürlich gegen Leute, die uns steuern wollen. Das gab uns eine gute Energie für das neue Album. Und für den Albumtitel."

Es entsteht den Eindruck, als sei der Kern der inhaltlichen Aussage von "Resist" erreicht, Robert aber geht noch einen Schritt weiter: "Es ist eine rebellische Platte. Sie hat diese 'Versuch nicht, uns zu verarschen'-Attitüde. Wir werden das nicht akzeptieren. Lasst die Finger von unserer Freiheit!" Der Song "Holy Ground" etwa handle davon, "dass wir Werte haben, auf denen unsere Gesellschaft basiert. Menschliche Werte, die nicht vernichtet werden dürfen." Sind Within Temptation also zu einer gesellschaftskritischen und politischen Band geworden? Die Antwort fällt klar aus: "Das waren wir schon immer. Es war früher nur nicht so offensichtlich, weil wir uns sehr metaphorisch ausdrückten. Jetzt sind wir einfach direkter." Keine straighte Musik mehr, aber eine straighte Message.

Die Zukunft steht vor der Tür

Am Ende ist es mit "Resist" aber wie mit allen Alben der niederländischen Metal-Band: Es gibt neben dunkler, melancholischer Härte auch viel Licht und viel positive Energie. "Wir drücken unsere Besorgnis aus und ermutigen gleichzeitig die Menschen, frei und unabhängig zu sein. Wir vertrauen darauf, dass die Leute sich nicht kontrollieren lassen." Und so ist es auch nicht die ferne Zukunft, die Science-Fiction-Welt von morgen, welche auf ihrem neuesten Werk thematisiert wird. Auch wenn die Artworks und Videos im ersten Moment so wirken. Denn während beispielsweise bei "Paradise", der Erfolgssingle vom letzten Album "Hydra" (2014), noch eine etwas Mad-Max-artige Stimmung vorgeherrscht habe, sei die aktuelle futuristische Darstellungsweise eine, in der sich das Publikum durchaus wiederfinden könne, stellt Robert abschließend fest. "Roboter? Drohnen? Nicht so weit weg, oder?"

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