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Andreas Rösch und seine Babys

Der Forellenzüchter aus Bärnau und der Kreislauf des Lebens: Er ist quasi Vater und Mutter seiner Zöglinge.
Von Angelika Sauerer, MZ

Wird es in einem Becken zu eng, setzt Andreas Rösch die Forellenkinder in ein anderes um. Zuvor werden die Fischlein gewogen. Foto: Sabine Franzl
Wird es in einem Becken zu eng, setzt Andreas Rösch die Forellenkinder in ein anderes um. Zuvor werden die Fischlein gewogen. Foto: Sabine Franzl

Bärnau.Der Fisch ist ein wortkarges Wesen, Andreas Rösch eigentlich auch. Sie verstehen sich prächtig. Träge paddeln einjährige Bachforellenkinder in ihrem Rundstrombecken im Kreis herum, kaum, dass sie aufs eingestreute Futter reagieren. „Denen ist es zu kalt“, sagt der Fischzüchter aus Bärnau. Über Nacht hat der Winter die nördliche Oberpfalz mit einer ersten Schneeschicht überzogen. Rösch hat seine Mütze aufgesetzt, Neoprenhandschuhe und Ärmlinge übergestreift, hohe Gummistiefel angezogen. So schützt er sich in seinem nasskalten Element, das er mit seinen Babys teilt.

Andreas Rösch reinigt das Sieb eines Außenteichs. Fischzucht ist eine nasskalte Angelegenheit, vor allem im Winter. Foto: Sabine Franzl
Andreas Rösch reinigt das Sieb eines Außenteichs. Fischzucht ist eine nasskalte Angelegenheit, vor allem im Winter. Foto: Sabine Franzl

Weißes Licht dringt durch die Fenster des langgestreckten Gewächshauses am Fuß des Großen Dürrmauls, einer 800 Meter hohen Erhebung direkt an der Grenze zu Tschechien. Es malt gestochene Schatten auf den Boden und pinselt mit feinem Strich jedes einzelne Barthaar auf Röschs Kinn und die Oberlippe, zeichnet mit nachdrücklichen Linien den Charakter ins Gesicht des naturverbundenen Nordoberpfälzers. Der Wind treibt die Wolken über die Hügelkämme, lässt sie aufreißen, dass die Sonne gleißt.

Fische für Bäche, Teiche, Aquarien – und für die Gourmetküche

Draußen hat es Nullgrade, drinnen im Glashaus nur ein paar Grad über Null. Hier wächst kein Gemüse, hier wächst in 13 breiten, zwei Kubikmeter Wasser fassenden Becken aus Glasfaserkunststoff die nächste Generation Salmoniden heran, die später Bäche und Teiche als Besatzfische bevölkern, manch gut sortiertes Zooaquarium schmücken oder in anderen Mastbetrieben zu Tellergröße angefüttert werden. Zu den Salmoniden oder Lachsartigen gehören alle Arten von Forellen, Äschen, Lachsen, Saiblingen.

„Die bleiben ewig meine Kinder. Ich bin quasi Vater und Mutter gleichzeitig.“

Andreas Rösch, Diplom-Biologe und Forellenzüchter

Im ersten Becken herrscht wildes Treiben. Im Kinderzimmer der Arktischen Saiblinge geht die Post ab. Ein Übermütiger ist herausgehüpft und patscht hilfesuchend mit der Flosse auf den nassen Boden. Rösch klaubt ihn mit seiner kräftigen Hand auf, schenkt ihm ein Lächeln und lässt ihn zu seinen zweijährigen Gefährten gleiten. „Den Arktischen Saiblingen kann es gar nicht kalt genug sein“, erklärt er. Die wohlschmeckende Fischart zieht Rösch selbst groß, vier Jahre dauert es bis zum zweieinhalb bis vier Kilo schweren Fisch. Der landet dann in der Gourmetküche auf Burg Wernberg.

Das Arktische Saiblingsmännchen ist ein Prachtexemplar. Foto: Sabine Franzl
Das Arktische Saiblingsmännchen ist ein Prachtexemplar. Foto: Sabine Franzl

Aber egal, was aus ihnen wird: „Die bleiben ewig meine Kinder. Ich bin quasi Vater und Mutter gleichzeitig.“

Er hat sie ja schließlich eigenhändig befruchtet, quasi auf die Welt gebracht, in ihren ersten Wochen im Brutkasten für Ruhe und Dunkelheit gesorgt, danach für Futter, Sauberkeit und laufend frisches Wasser. Er hat zugeschaut wie sich zuerst ihre Augen pigmentieren, wie sie dann schwimmen lernen – tatsächlich müssen das auch Fische. Dazu tauchen sie einmal auf, füllen ihre Schwimmblase mit Luft. Erst danach stehen sie frei schwebend im Wasser. Das ist in der Natur nicht anders als unter den kontrollierten Bedingungen, die der studierte Biologe in seinem Bruthaus schafft.

Frisches Quellwasser durchspült laufend die Rundstrombecken. Foto: Sabine Franzl
Frisches Quellwasser durchspült laufend die Rundstrombecken. Foto: Sabine Franzl

Mit Füttern und Säubern beginnt der Arbeitstag im Treibhaus, sobald es hell wird. Es folgt der Rundgang übers Gelände zu den Außenteichen und den durch Schuppen geschützten Zuchtbecken. Weites Land, wohin man schaut. Rösch stopft sich eine Pfeife, so viel Zeit muss sein. Oberhalb der Anlage fügt sich sein Haus in die Landschaft, moderner Charakter mit traditionellen Zügen – ein Bau, wie zugeschnitten auf den Fischzüchter und Diplom-Biologen, seine Frau Sabine, Kunsterzieherin, und die 15-jährige Tochter Carla. Mit weitem Schwung schleudert Rösch Schaufel um Schaufel Futter ins Wasser, glänzende Fischleiber sprudeln an die Oberfläche. Er reinigt die Gitter, kontrolliert die Zuläufe, regelt nach Bedarf die Belüftung. Er notiert Lufttemperatur, Wassertemperatur, pH-Wert, Wassermenge.

„Das Wunder des Lebens.“

Andreas Rösch, Diplom-Biologe und Forellenzüchter

Der Tagesablauf ist sein wiederkehrender Kreislauf, der bei den Fischen beginnt und bei den Fischen endet. Es ist auch der Kreislauf der Familie. Andreas Röschs Vater Willi, dessen Onkel Michael Hunger und sein Urgroßvater Andreas Hunger waren Pioniere der Forellenzucht, die in der nördlichen Oberpfalz mit dem Bärnauer Feldwebel a. D. Engelbert Gmeiner um 1881 begann. Legendär sind die Tagesreisen des „Hungerbeck“ noch vor dem 1. Weltkrieg mit einer Schubkarre voll Bachforellen nach Marienbad für die feine Kurgesellschaft.

Die Fischzucht reagiert sensibel wie ein Seismograph

Feuchte Wiesen und viele Quellen sind noch heute der Standortfaktor für die Forellenzucht. Als Willi Rösch 1968 die Anlage am Dürrmaul aufbaute, leitete er eine Quelle vom Höhenkamm zu seiner Anlage. 1986 übernahm Andreas Rösch den Vorzeigebetrieb. Doch das Wasser in der von Straßen zerschnittenen, flurbereinigten, begradigten und zubetonierten Landschaft sprudelt lang nicht mehr so wie früher. Im Mittel strömt heute nur mehr halb so viel Wasser pro Sekunde durch die Becken. Auch da macht sich ein Kreislauf bemerkbar: Intensive Landwirtschaft verbunden mit Klimawandel und Infrastruktur hinterlassen ihre Spuren. Die Fischzucht reagiert darauf sensibel wie ein Seismograph.

Mit sanftem Druck streift Andreas Rösch die Milch – so nennt man die Spermien – eines Männchens über den Fischeiern ab. Foto: Sabine Franzl
Mit sanftem Druck streift Andreas Rösch die Milch – so nennt man die Spermien – eines Männchens über den Fischeiern ab. Foto: Sabine Franzl

Neugierig lugen die beiden Esel Pauli und Emil über die Brüstung ihrer Box, als Andreas Rösch am Nachmittag mit Schüsseln, Sieb und Tüchern in die große Scheune kommt. Gekonnt fischt er mit dem Kescher trächtige Weibchen und paarungsbereite Männchen aus den Becken. Er trocknet eine stattliche Sie mit dem Tuch, klemmt sie unter den rechten Arm und streift mit sanftem Druck die rosigen Eier aus ihrem Bauch. Nach ein paar Weibchen folgen die Herren der Schöpfung. Auf ähnliche Weise drückt er ihre Spermienmilch über ein Sieb in die mit Fischrogen gefüllte Schüssel. Andreas Rösch lässt die Finger durch die Mischung gleiten. „Das Wunder des Lebens“, sagt er.

Am anderen Ende des Kreislaufs wartet der Tod. Als Biologe weiß er das und als Jäger erst recht. Doch die eigenen Fische schlachtet er gar nicht gern.

Fischzüchter und Diplom-Biologe Andreas Rösch aus Bärnau ist bei den Lachsen und Forellen in seinem Element. Sie sind, genau genommen, alle seine Kinder. Video: Sabine Franzl

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