mz_logo

Nahaufnahme
Dienstag, 21. August 2018 29° 3

Profil

Der Doktor und das große Vieh

Mit Rindern ist Alois Hofstetter schon immer gut ausgekommen, sagt er. Der Tierarzt aus Nittenau kümmert sich aber auch um kleinere Tiere.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Operation im Stall: Dr. Alois Hofstetter bereitet den Faden vor, mit dem er den Bauch der Kuh nach dem Kaiserschnitt zunäht. Fotos: Sabine Franzl
  • Dem Kälbchen geht es gut. Alois Hofstetter hört das Herz schlagen.
  • So ein kleines Hunderl. Der Chihuahua ist fast ausgetrocknet.
  • Der Tierarzt tastet bei einer Kuh nach Resten der Nachgeburt. Würde jetzt das Handy klingeln, „das wär’ echt Stress“. Deshalb hat er keins dabei.

Es ist früh, sehr früh am Morgen, als Alois Hofstetter den Weg durch die Schmutzschleuse im Keller nimmt, seinen grünen Overall überzieht, in die Gummistiefel steigt und das wollene Stirnband über die strubbeligen kurzen Haare streift. Er hat die zupackenden Hände und den festen Gang eines Mannes, dem man durchaus zutrauen könnte, einen Stall auszumisten oder Kühe zu füttern. Aber Hofstetter ist kein Bauer, und trotzdem ist ihre Welt auch seine Welt.

Er steigt in seinen Jeep, startet den Motor, rollt aus der Einfahrt des gepflegten Anwesens in Thann bei Nittenau, hinein in den noch trüben Tag und durch die karge, oberpfälzer Landschaft, die vielleicht sogar ein bisschen jenen Landstrichen ähnelt, durch die seine Phantasie gleitet, während er „Krieg und Frieden“ lauscht. Fast 70 Stunden dauert die Hörbuchfassung des russischen Klassikers der Weltliteratur von Leo Tolstoi. Sie begleitet den Literaturliebhaber und Tierarzt Dr.Alois Hofstetter (57) derzeit auf seinen langen Fahrten vom kranken Kälbchen zur kalbenden Kuh, vom fiebrigen Ferkel zum entzündeten Euter. Der erste Termin: Fleischbeschau und Probenentnahme bei frisch geschlachteten Schweinen in einer Metzgerei. Routine mit viel Schreibarbeit.

Der erste Notfall: eine Hand voll Hund mit großen Ohren

Zurück in der Praxis wartet schon ein Notfall. Alois Hofstetter bettet den zitternden, fast ausgetrockneten Chihuahua-Welpen – eine Hand voll Hund mit großen Ohren – auf den Behandlungstisch, injiziert ihm Flüssigkeit. Ein Infektionstest fällt negativ aus. Aber Würmer hat er massenhaft. Hofstetter verabreicht ein Gegenmittel. Er glaubt nicht, dass das Tier noch lange durchhält. Herrchen und Frauchen, die den Rassehund erst am Tag zuvor von einem Züchter gekauft haben, sind bestürzt, die Frau packt das elende Häuflein unter ihre Jacke. „Sehr warm halten“, gibt ihr Alois Hofstetter mit auf den Weg und schüttelt die Kopf. So ein kleines Hunderl.

Normalerweise hat er es mit anderen Kalibern zu tun. Zu denen ist er jetzt auf dem Weg. Rund 200 Kilometer kurvt er pro Tag durch sein Gebiet, das mit den Jahren immer größer wurde, weil die Zahl der Nutztierärzte zurückging. Hofstetter ist hauptsächlich Großtierpraktiker, die Kleintierpraxis läuft nebenher. Seine Kunden sind Bauern, seine Patienten vor allem Kühe und Schweine. Da muss er ganz anders denken: Nicht das einzelne Tier steht bei Diagnose, Therapie und Prognose im Vordergrund, sondern die Herde und am Ende der ganze Betrieb. Hofstetter kann sich da gut hineinfühlen. Er ist selbst auf einem Bauernhof bei Nittenau aufgewachsen, hat als Kind, den „Erpfldämpfer“ befüllt, die Kühe gemolken, Heu gemacht. Vor allem mit den Rindviechern, sagt er, sei er schon immer gut ausgekommen.

„Hoh, hoh!“ Gleichzeitig mit dem Ruf haut Hofstetter der Erna auf den Hintern und schon steht sie parat für die rektale Untersuchung. Alois Hofstetters rechter Arm steckt in einem Plastikhandschuh, der bis zur Schulter reicht und mit einer Schlinge um seinen Hals gehalten wird. Bis zum Oberarm versenkt der Tierarzt seinen Arm im Darm der Kuh und tastet von dort aus nach Zysten. Sind welche vorhanden, verhindern sie den Eisprung und damit den Milchfluss. Ja, da ist eine. Die Erna braucht nachher eine Spritze.

Wenn jetzt sein Handy klingeln würde – mit der Hand in der Kuh – „das wär’ echt ein Stress“, sagt er. Genau deshalb liegt sein Telefon im Auto. Aber selbst da benutzt er es kaum. Er ist per Funk mit Daheim verbunden, dort nehmen die Anrufe seine Frau oder eines seiner Kinder – drei Mädchen und ein Junge zwischen 14 und 26 Jahren – entgegen. Blechern und kratzig kommen die Stimmen im Jeep an. „Du musst noch mal zurück. Da ist noch eine Nachgeburt. Hat der Bauer vergessen...“ – „In Ordnung. Aber dann wird’s eng mit den nächsten Terminen.“ – „Ich ruf’ an und verschieb’ den Huber auf morgen.“ Ein Funkspruch reduziert den Inhalt aufs Wesentliche. Da ist kein Wort zu viel, nichts Überflüssiges. Das mag Alois Hofstetter. „Ich kann den ganzen Tag auch nichts reden.“ Und so wie er das sagt, klingt es, als ob ihm das eigentlich das Liebste wäre.

„Ich bin keiner, der die Leut’ mit Bestimmtheit beeindruckt“

Auf dem nächsten Hof, einem Biobetrieb für Rinderzucht und Milchwirtschaft, dauert es, bis Hofstetter nach der freundschaftlichen Begrüßung durch Vater und Sohn etwas sagt. „Ich bin keiner, der die Leut’ mit Bestimmtheit beeindruckt“, hat er vorher im Auto erzählt. Er beobachtet lieber und hört zu, nachdenklich, den Kopf schief gelegt. Einigen Kälbchen geht’s nicht gut, sie haben Durchfall. Auf wackligen Beinen kriechen sie aus ihren Iglu-Ställen und blinzeln mit milchigen Augen in die kalte Wintersonne. „Man sieht’s ihnen schon am Blick an“, sagt der Senior-Bauer. Ihm geht jedes Tier ans Herz. „Ja, manchmal muss der Alois uns Landwirte gleich mitbehandeln“, meint der Junior.

Hofstetter fingert sein Thermometer aus der Brusttasche des Overalls und misst Fieber. Mit einem Plastikhandschuh entnimmt er Stuhlproben fürs Labor. Dann verabreicht er Infusionen gegen den Flüssigkeitsverlust. Wirtschaftlich sei das zwar nicht, aber die Bauern leisten es sich, weil es den Tieren tut gut. Mit dem Erreger müssen die Kälber aber erst mal selbst klarkommen. Während er mit dampfend heißem Wasser seine Gummistiefel reinigt, bespricht der Tierarzt mit den Bauern, wie man die Ställe jetzt am besten desinfiziert, denn es sollen sich nicht noch mehr Tiere anstecken.

Hofstetter protokolliert den Besuch aufs Autodach gelehnt, verstaut seine Utensilien im Jeep, der hinter den beiden Vordersitzen komplett mit einem Schubladen- und Kastensystem ausgebaut ist. „Ich habe eine Unordnung, aber immer die gleiche“, kommentiert er das Aufräumen mit trockenem Humor. Und weiter geht’s. Zu Tolstois Sätzen breitet sich jetzt ein intensiver Stallgeruch im Auto aus. Er hängt in den Kleidern, in den Haaren, an der Haut. Und es wird gleich noch schlimmer: Der nächste Patient ist eine Horde Ferkel und im Vergleich zum Gestank in einem Schweinestall duftet es in einem Kuhstall geradezu aromatisch. „Das kriegt man nicht mehr raus“, sagt Hofstetter vergnügt. „Da ging schon manche Tierarztehe in die Brüche.“ Seine nicht. Ingrid Hofstetter stammt selbst aus einem Bauernhof. Sie hält ihrem Mann den Rücken frei, assistiert bei OPs, bestellt die Medikamente, organisiert Praxis und Familie.

Vom Einödhof in der Oberpfalz

zum Doktor der Veterinärmedizin

Alois Hofstetter wusste bereits in der 8. Klasse, dass er einmal Tierarzt werden und vor allem mit Rindern arbeiten will. An ihnen fasziniert ihn nicht nur ihre Biologie und ihr Charakter, sondern auch, dass diese großen, mächtigen Tiere weltweit die wichtigsten Nutztiere sind. Er wollte sich schon immer um Tiere kümmern, die einen wirklichen Wert für die Menschen haben.

Bis zur 7. Klasse ging er auf die Volksschule, dann überzeugte der Pfarrer die Familie, dass der intelligente Bauernbub aufs Gymnasium gehört. Alois kam ins Internat zu den Maristen in Furth bei Landshut. Später wechselte er nach Regensburg ans Goethe-Gymnasium. Gewohnt hat er dort im Studienseminar St. Emmeram. Dann das Veterinärstudium in München, 1984 baute er seine eigene Praxis auf. Es war kein einfacher Weg: vom Einödhof in der Oberpfalz zum Doktor der Veterinärmedizin. Aber was zählt schon ein einfacher Weg? „Alles, was man sich hart erarbeitet, ist mehr wert“, sagt Hofstetter.

Dieser Leitspruch begleitet ihn dann auch wie so oft am späten Abend, nach der Sprechstunde und dem Essen mit der Familie, als das Telefon klingelt und ein Bauer ihn zu einer schweren Geburt ruft. Schnell muss es gehen, denn das Kalb steckt. Kurze Zeit später steht Alois Hofstetter im Stall, mit Plastikschurz und Handschuhen. Er untersucht das Muttertier, stellt fest: Das Kalb liegt verdreht und falsch herum. Eine normale Geburt ist unmöglich. OP-Vorbereitung, waschen, desinfizieren, betäuben. Der Schnitt wird seitlich an der linken, hinteren Flanke gesetzt und zieht sich von oben nach unten. Die Kuh bleibt ganz ruhig, während das Gewebe klafft und Alois Hofstetter in ihrem Bauch mit beiden Händen das Kalb zu fassen bekommt. Eine Kaiserschnittgeburt bei einer Kuh ist ein Kraftakt und doch muss jeder Griff präzise sitzen: medizinisches Handwerk auf Leben und Tod und auf höchstem Niveau – mitten im Stall.

Eine halbe Stunde später liegt das Kälbchen im Stroh, der Schnitt ist zugenäht und Alois Hofstetter fährt heim. Vielleicht hört er dabei wieder Tolstoi, bei dem die Romanfigur Pierre Besuchov am Ende ihren Frieden findet in der Freundschaft zum Bauern Karatajev, dessen naturwüchsige Einfachheit ihn tief beeindruckt.

Es ist spät, sehr spät am Abend, als Alois Hofstetter wieder den Weg durch die Schmutzschleuse im Keller nimmt, seinen grünen Overall abstreift und aus den Gummistiefeln steigt. Aber selbst in diesem Moment weiß er: „Ich würde meine Arbeit auch dann machen, wenn ich nicht mein Geld damit verdienen müsste.“

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht