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Mittwoch, 22. August 2018 29° 3

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Der Haushüter von St. Peter

Josef Dommer kümmert sich als Mesner um den Regensburger Dom. Der Zimmermann findet, etwas Besseres hätte ihm in seinem Leben nicht passieren können.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Josef Dommer befüllt und kontrolliert die Kerzen auf dem Hochaltar. Foto: Sabine Franzl
  • Die Messgewänder bügelt der Mesner in der Ministrantensakristei lieber eigenhändig. Foto: Sabine Franzl
  • Kurz vor der Frühmesse: Die Domkapitulare kleiden sich an. Foto: Sabine Franzl
  • Die ausgetauschte Lampe funktioniert. Foto: Sabine Franzl
  • Dieser Gang verbindet Sakristei und Ministrantensakristei. Foto: Sabine Franzl

Regensburg.Nichts trübt die Sinne, wenn Josef Dommer die Tür zum nördlichen Querschiff aufschließt. Morgens um fünf sind die Augen noch keine Helligkeit gewohnt und die Ohren nichts Lautes. Die großen Schlüssel am Bund klirren und die Stille danach wird greifbar, genau wie die tiefe Schwärze des unsichtbaren Raums, die nichts durchdringt, auch nicht das watteweiche Gelb eines kleinen, ewigen Lichts ein paar Meter weiter vorne.

Josef Dommer hält kurz inne. Es ist der Moment, in dem die ganze Dimension des Bauwerks zu spüren ist, obwohl man nichts davon sieht. Dieser Moment gehört ganz allein ihm, dem Dommesner, und zwar an jedem Morgen außer Samstag – da hat er meistens frei. Er findet, etwas Besseres hätte ihm in seinem Leben nicht passieren können, als dieses besondere Haus zu hüten. Der Mesner knipst das Licht an und geht auf leisen Gummisohlen zur nächsten Tür und weiter über den Chor in die Sakristei. Auf dem Touchscreen an der Wand wählt er die Beleuchtung aus und auf dem Bildschirm daneben beobachtet er, wie St. Peter erwacht. Ein neuer Tag beginnt im Himmel auf Erden – denn das sollte der Dom nach Vorstellung der mittelalterlichen Baumeister darstellen. 1273 legten sie den Grundstein dafür im Bereich der Sailerkapelle.

Das Handwerkliche hilft und der Glaube stärkt

Josef Dommer versteht was vom Häuserbauen. Er ist gelernter Zimmermann, 59 Jahre alt, stammt aus Neukirchen-Balbini und bevor er vor elf Jahren Mesner im Regensburger Dom wurde, setzte er als Produktionsleiter Fertighäuser in Österreich zusammen. Vorher hatte er einen eigenen Betrieb. Der Beruf und die Nähe zur Kirche wurden in seiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben. Ein Erbe, mit dem man was anfangen kann: Das Handwerkliche hilft eigentlich immer, sagt Josef Dommer, auch jetzt, in seinem neuen Beruf. Und am Glauben hat er sich festhalten können, als er jede Woche Hunderte von Kilometern in die Steiermark pendeln musste, denn seine Frau Renate und die vier mittlerweile erwachsenen Kinder wollten lieber hierbleiben. „Das war eine schwere Zeit“, sagt Josef Dommer. Sie ist vorbei. Nach Regensburg ist die Familie dann gerne mitgezogen, zumal seine Frau eine Stelle am Domplatz 5 bekam, bei der katholischen Innenstadtseelsorge des Bistums Regensburg.

Der Mesner packt Kehrbesen und Schaufel, nimmt seinen Hut von der Chorbank und geht wieder nach draußen. Wenn es geschneit hätte, müsste er jetzt schippen. Und wenn es Sommer wäre, würde er haufenweise Müll rund um den Dom auf den Stufen einsammeln. Nicht schön, aber er nimmt es gelassen. Aus dem Landmenschen ist in den letzten Jahren ein Stadtmensch geworden, der es mag, wenn die Altstadt brodelt und der Dom zwar auch ein Ort für andächtige Ehrfurcht ist, aber nicht nur. Da denkt er fast schon mittelalterlich, als das Klingeln zur Wandlung den Sinn hatte, die Leute in der Kirche für den besonderen Moment zur Ruhe zu mahnen. Im Dom und rundherum ist man mittendrin und doch ein bisschen entrückt. Das Gefühl wird ihm fehlen, wenn er mal in Pension ist. Aber da sind ja noch ein paar Jahre hin.

Die Sakristei ist auch so eine Oase. Nicht nur, weil dort geheizt wird. Ihre bodenständige Zweckmäßigkeit erdet die himmelwärts gewandte Aura des Domes mit ziemlich profaner 60er-Jahre-Nüchternheit. An zwei Seiten säumen hellgraue Einbauschränke für jeden Domkapitular die Wände, darunter Schubläden für die weißen Untergewänder, die Alben. An der Ostwand hängt ein Kreuz, daneben Bilder von Papst Franziskus und Bischof Rudolf Voderholzer. An der Westwand verbirgt sich Technik hinter Glasfront – Lichtanlage, Videoüberwachung, Tonanlage – sowie Waschbecken und Spiegel hinter einer Schranktür. Daneben in einer ausgesparten Ecke ist Josef Dommers Platz: Da steht er immer, ob er nun einen Knopf einnäht oder telefoniert, Termine vereinbart, die Dienste der Domaufsichten einteilt oder die Mikrofone während großer Messen regelt. Über ihm der Schlüsselkasten, vor ihm Kalender, Notizbücher, Ordner und mehrere Telefone. Er greift in den Schlüsselkasten, holt einen schweren Bund heraus.

Es ist etwa sechs Uhr, im Winter fast noch zu früh zum Aufsperren. „Da kommt noch keiner zum Beten.“ Der Mesner macht sich trotzdem auf den Weg, kontrolliert nebenbei die Kirchenbänke, ergänzt neue, mit Öl befüllte Opferlichter an den Seitenaltären, wirft Blicke nach oben zu den Glühbirnen. Auf halber Höhe am Chor entdeckt er eine ausgebrannte Leuchte. Nach der Messe wird er sie ersetzen.

Ein Beruf, bei dem man sich viel abschauen muss

Zurück in der Sakristei bereitet Josef Dommer für jeden Domkapitular, den er erwartet, das Messgewand vor. Aus dem Zingulum – das ist der Strick, mit dem die in akkurate Falten gelegte Albe am Körper fixiert wird – hat er einen Zopf geflochten, der sich sofort wie von Zauberhand löst, fasst man ihn an einem bestimmten Ende. „Das habe ich mir bei einem Mesner aus Österreich abgeschaut“, erzählt er. Mesner ist überhaupt ein Beruf, bei dem man sich viel abschauen muss. Mittlerweile gibt es zwar Seminare und Fortbildungen, dafür sorgt auch Josef Dommer in seiner Funktion als Vorsitzender des Diözesanverbands der Mesner in der Diözese Regensburg. Aber das meiste wird von einem zum andern weitergegeben, vieles muss man sich selbst aneignen oder einfach mitbringen. „Ich war Ministrant, später Kommunionhelfer – ich wusste schon, was zu tun ist“, sagt Josef Dommer, während er die dicken Messbücher genau an den richtigen Stellen einmerkt, Messwein einschenkt und die liturgischen Gefäße vorbereitet. Er streift sein Chorgewand über und meint lächelnd: „Manche Mesner fühlen sich nur so richtig angezogen.“

„Es ist gut, den Tag mit einer Frühmesse anzufangen“

Kurz vor sieben Uhr finden sich die Domkapitulare ein. Josef Dommer hilft ihnen beim Anziehen. Fünf Priester zelebrieren an diesem Morgen gemeinsam die Messe in der Sailerkapelle – für vier Gläubige. Der Mesner ministriert. Draußen wacht langsam die Stadt auf, leise dringt das Dröhnen der Busse durch die dicken Mauern des Seitenschiffs, das Morgenlicht färbt, noch fahl, die Glasfenster. Die Frühmesse ist öffentlich und wirkt doch ganz privat. Es wird gesungen, aber ohne Orgel. Der Dom, innen 32 Meter hoch und 86 Meter lang, kann ganz klein und still sein. „Es ist gut, den Tag so anzufangen“, meint Josef Dommer. Aber lieber mag er ja die großen Ereignisse, den Auftrieb in seiner Sakristei mit vielen hohen Herren, wenn er gar nicht weiß, wo er zuerst hinlangen soll und trotzdem immer den richtigen Handgriff tut. Da ist der Dommesner in seinem Element. Er hat oft die Gelegenheit dazu. Der Papstbesuch war freilich ein absoluter Höhepunkt.

Nach der Frühmesse, wenn alle Alben wieder gefaltet, die Gürtel geflochten, die Messgewänder gebügelt und aufgehängt und die Gefäße gespült sind, startet Josef Dommer einen nächsten Rundgang. Er befüllt die Kerzen am Hochaltar mit Öl. Dafür muss er mit einer Leiter auf die dahinter stehende, kleine Chororgel steigen. Dann tauscht er die ausgefallene Glühlampe aus und beschließt, auf dem Dachboden nach dem Rechten zu sehen.

„Ich werde den Dom nie wirklich ganz kennen“

Der Weg führt über den Eselsturm in Serpentinen nach oben. Josef Dommer wählt einen Ausstieg für einen Abstecher auf den Fassadenumgang. „Schwindelfrei muss man schon sein“, sagt er und lehnt sich übers Geländer. „Da unten in dem kleinen Haus wohnen wir.“ Er zeigt Richtung Kreuzgang. Vom Fenster seiner Mesnerwohnung aus schaut Josef Dommer direkt auf die Allerheiligenkapelle, dahinter erhebt sich die Kathedrale, sein Arbeitsplatz. Zu Beginn ist er dort oft umhergestreift, hat Führungen begleitet, hat jeden Weg und Winkel erforscht – schließlich muss er sich in seinem Haus auskennen. Aber das ist ein Ewigkeitswerk, selbst wenn man sich so für Architektur und Kunstgeschichte interessiert wie er. „Erst kürzlich habe ich wieder ein neues Detail entdeckt. Ich werde den Dom nie wirklich ganz kennen“, sagt er.

Weiter geht es, den Nordturm hinauf. Josef Dommer wirft einen Blick zu den Glocken hinein. Früher wurden sie von Hand geläutet, die Seile hingen bis in den Kirchenraum hinunter. Jetzt geht das alles elektrisch.

Oben auf dem Steg zwischen den Türmen ist der Himmel ganz nah. Es schwankt ein bisschen und Josef Dommer blinzelt in die Sonne. Unten wuselt die Stadt, aber das ist weit, weit weg... Da fällt ihm ein: Er muss noch die weiße Asche aus geweihten Palmzweigen sieben für Aschermittwoch.

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