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Mittwoch, 22. August 2018 29° 3

Person

Der künische Freibauer in ihm

Der Autor, Regisseur und Journalist Joseph Berlinger mag keine Spiele ohne Einsatz. Bei ihm geht es eigentlich immer um die Existenz.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Ein Glas Weißwein auf die 75. Vorstellung von „Mei Fähr Lady“ im Regensburger Turmtheater. Joseph Berlinger sagt, Eva Sixt spiele die Chinesin, die Bayerisch lernt, „einfach genial“. Fotos Sabine Franzl
  • Was er hier in Hohengebraching inszenieren wird? Das muss erst reifen.
  • Am Mischpult im Turmtheater

Wie soll das gehen, einen Kopfarbeiter bei der Arbeit zu begleiten? Da müsste man ja hinein in seinen Kopf, und den Gedanken und Bildern beim Wachsen und Reifen zuschauen und wie sie hin und her gewälzt oder auch verworfen werden. Schwierig, nein, unmöglich ist das. Noch dazu sieht Joseph Berlinger so aus, als ob es pausenlos in ihm arbeitete, als ob er ständig intensiv über etwas nachdächte – die hellen, blauen Augen leicht amüsiert, die Stirn über den Brauen fragend hochgezogen, die Lippen ein wenig spöttisch. Ein mitteilsames Gesicht, vielsagend, auch ohne viel Worte.

Joseph Berlinger kann ziemlich beredt schweigen und ist doch ein Mann des Wortes, des geschriebenen, gesendeten und gesprochenen, aber vor allem auch des unausgesprochenen: Denn das ist schließlich der Kern eines jeden Theaters, nicht nur dem Text zu vertrauen, sondern auch dem, was gezeigt wird, was zwischen den Zeilen steckt und freilich auch dem, was sich der Zuschauer dann alles zusammenreimt. Als Theaterautor und Regisseur erschafft Joseph Berlinger mit jedem seiner Stücke eine ganze Welt. Und nicht selten ist die Keimzelle bei ihm die für ein Theater ungewöhnliche Bühne, auf der er inszeniert: der Steinbruch in Keilberg (SFinX. Poesie der Apokalypse, 2000), ein Donaudampfer (Sissi – das Geheimnis, 2009), ein Schlosspark (Napoleon in Alteglofsheim, 2009), ein Golfplatz (u. a. Geierwally, 2007), der Regensburger Haidplatz (Das Dollingerspiel, 1995), der Hesperidengarten (u. a. Leonce und Lena, 1998; Don Juan, 2002; Die sieben Todsünden, 2005;) – berauschende Naturschauspiele, allesamt.

Annäherung an den nächsten Schauplatz: Hohengebraching

Gerade steht er wieder am Anfang. Sein Blick schweift blinzelnd über die Felder, die unter der kleinen Allee in Hohengebraching in der Mittagssonne liegen. Warmer Wind zerzaust die Blätter der alten Linden, zerstäubt den Duft der Blüten, sanft terrassiert wellt sich die Wiese darunter im Schatten. Hier, am höchstgelegenen Ort südlich von Regensburg, ist es immer ein wenig kühler als unten in der steinernen Stadt. Deshalb haben sich die Mönche von St. Emmeram einst auf der Anhöhe ein kleines Schloss gebaut, zur Sommerfrische. Der Unternehmer Hermann Zitzelsberger hat es 2001 übernommen, um das Anwesen, das auch schon ein Wirtshaus beherbergte, vor dem Verfall zu bewahren. Jetzt möchte er es wieder zum Leben erwecken. Deswegen lud er den Theatermacher Joseph Berlinger ein, hier – voraussichtlich in zwei Jahren – ein Sommerspiel zu inszenieren. Berlinger hat zugesagt, was alles andere als selbstverständlich ist. Der Stoff, der Ort, die Menschen müssen ihm schon gefallen, denn schließlich werden sie ein Teil seines Lebens.

Aufgewachsen ist Joseph Berlinger (geboren 1952) in Lam, im Bayerischen Wald; in Cham ging er aufs Gymnasium. Seine Familie stammt von künischen Freibauern ab, und als solcher steht er vor einem: hager, sehnig, aufrecht, kräftig, geschmeidig, stolz. Ein promovierter Literat, der zupacken kann und kürzlich sein kleines Haus in der Reinhausener Uferstraße erfolgreich gegen das Hochwasser verteidigte. „Niemands Herr und niemands Knecht, das ist künisch Bauernrecht!“, lautete die Parole der Wehrbauern, die im königlichen Auftrag braches Land urbar machten und Grenzen sicherten. Der Wahlspruch könnte auch seiner sein. Der Großvater – Kleinbauer und Schmuggler, der Vater – Gastwirt und Musikant, er selbst – ein kreativer Quergeist, der alles, was nach Autorität und Zwang riecht, rigoros ablehnt.

Es wundert nicht, dass Joseph Berlinger die Bayerwäldlerin Emerenz Meier (1874-1928), dichtende und rebellierende Wirtstochter aus Schiefweg bei Waldkirchen, eine Seelenverwandte nennt und mit ihr seine Karriere begann: Sein erstes Theaterstück „Emerenz“ wurde 1982 vom Stadttheater Ingolstadt uraufgeführt. Lisa Fitz spielte die Titelrolle. „Ich habe mich nicht zufällig mit der Emerenz beschäftigt“, sagt Berlinger. Ihn faszinierten weniger die Gedichte als ihre Briefe aus Chicago, wohin sie 1906 ausgewandert war und wo sie einsam und alkoholkrank starb. Emerenz Meier geißelte die Engstirnigkeit und den Provinzialismus der Heimat, – und blieb doch vor allem als Heimatdichterin im Gedächtnis.

Er hätte auch in Hamburg landen können – so viel zur Heimat

Auch Joseph Berlinger setzte sich kritisch mit dörflicher Enge, Bigotterie und Heimattümelei auseinander. Im ziemlich anarchischen Friedl-Brehm-Kreis gehörte er in den 70ern und frühen 80ern zu den „Heimatdichtern“, die der Gattung eine moderne, avantgardistische Prägung gaben. Berlinger ließ aber das Dichten dann sein. Vieles davon gefällt ihm heute auch gar nicht mehr, Anfragen für Neuveröffentlichungen in Anthologien lehnt er deshalb ab. „Eitel bin ich natürlich, klar.“ Obwohl er der Heimat mit Wohnsitz in Regensburg durchaus nah blieb, hat er den Dialekt in seiner Arbeit – aktuelle Ausnahme: „Mei Fähr Lady“ – weitgehend hinter sich gelassen. Hamburg hätte ihn gereizt, sagt er. Aber jedes Mal, wenn er auf dem Absprung war, entschied er sich aus privaten Gründen fürs Dableiben.

Er nimmt sich die Freiheit, solche subjektiven Prioritäten zu setzen. Berlinger bietet sich nicht an, er lehnt Projekte ab, die ihn nicht interessieren oder wenn er eine Pause braucht. Er arbeitet nicht auf Vorrat und sucht sich die Themen seiner ausgezeichneten BR-Radio-Features meistens selbst. Joseph Berlinger ist durchaus kompromissfähig, aber kompromisslos, wenn es ans Eingemachte geht: Er lässt auch ein fertiges Buchprojekt platzen, weil der Verlag zu gravierende Änderungen wünscht. Und Zusagen macht er wie eh und je per Handschlag, auch wenn ein Vertrag manchmal besser wäre. Das hat seinen Preis. „Diesen Luxus erkaufe ich mir mit mäßigem Einkommen. Ich verdiene nicht viel und ich brauche nicht viel“, sagt er.

Auch keine Sicherheit. Bei Berlinger muss es immer um was gehen, im Leben und im Spiel – um was Existenzielles: kein Pokern ohne Geld, keine Wette ohne Einsatz, kein Freundschaftsspiel im Fußball, kein Mainstream auf der Bühne und kein eigenes Theaterstück mehr, bei dem er nicht auch selbst Regie führt. Er will die ganze Verantwortung und das volle Risiko. Wenn er danebenhaut, ist es seine Niederlage. Aber wenn er trifft... Joseph Berlinger erinnert sich genau an sein erstes Tor als Bub für die SpVgg Lam. „Es war gegen Chamerau. Ich lief allein auf den Tormann zu. Er oder ich. Der Torwart streckte die rechte Hand raus und ich schoss ins linke Eck.“

Bücher schreiben ist

ihm irgendwie zu einsam

Ein Volltreffer, wie sein Stück, das gerade im Regensburger Turmtheater läuft: „Mei Fähr Lady“ u. a. mit einer umwerfenden Eva Sixt als Chinesin, die Bayerisch lernt, und einem Ludwig Zehetner, der sich selbst spielt: den Dialektprofessor. Der Abend ist ausverkauft, wie alle anderen zuvor und wie die nächsten Termine. Joseph Berlinger wird im Hintergrund zuschauen und dann mit den Schauspielern am geöffneten Fenster hoch über den Dächern Regensburgs anstoßen. Ein Glas Weißwein auf die 75. Vorstellung. Er mag es, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Bücher schreiben ist ihm irgendwie zu einsam.

Und doch ist jeder Anfang ein Solo. Joseph Berlinger wird demnächst oft nach Hohengebraching rausfahren, allein, zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten. Er wird den Ort in sich aufnehmen, seinen Geist erspüren. Nach und nach werden die Ideen reifen. Zettel halten Notizen fest, und wenn sie was taugen, klebt er sie in ein Materialienbuch ein. Und wenn sie nichts taugen, wenn ihm plötzlich nichts mehr einfällt? Berlinger lächelt. „Ich habe ein Urvertrauen, dass es schon irgendwie läuft“, sagt er. „Es ist eher so – je älter ich werde, desto mehr fällt mir ein.“ Früher, als er noch seinen Platz in der freien Kultur suchte, sei er noch nicht so gelassen gewesen. Während viele seiner Kollegen als Freie beginnen und dann im etablierten Theater landen, verlief bei Berlinger der Weg umgekehrt: vom sicheren Terrain ins Unberechenbare.

Vom luftigen Lindenhain sind es nur ein paar Schritte über den heißen, steinernen Schlosshof in die kühlen Hallen des Hohengebrachinger Schlosses, das gerade saniert wird. In der alten Wirtsstube macht Berlinger ein Foto von der Eckbank. „Da haben wir in den 70ern jeden Sonntagmittag Schweinebraten gegessen“, erzählt er. Im hinteren Hof staut sich die Sonne, der Zitronenbaum trägt schon eine Frucht. Und dann kommt der Geist des Schlosses vorbei, die schwarze Katze streicht um Berlingers Beine, lässt sich streicheln, ein gutes Zeichen. An der Südwand führen ausgetretene Stufen in den Gewölbekeller hinunter – ein Schauplatz, den Berlinger unbedingt einbauen will. Es ist stockfinster. Ein paar Kerzen, kein elektrisches Licht. Nur sehr langsam durchdringen die Augen das Dunkel. Man möchte jetzt gerne sehen, was Joseph Berlinger sieht. In zwei Jahren dann vielleicht.

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