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Porträt

Der Künstler von Tschinschapura

Der Regensburger Bildhauer Stefan Giesbert Fromberger formt Wesen aus einem Reich zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit das „vor dem Denken“ liegt.
Von Angelika Sauerer, MZ

Regensburg.Am Ende wird ihm keiner ansehen, was er erlebt hat, dieser Typ auf dem Sockel mit dem muskulösen Hintern, dem hübschen Busen, dem unternehmungslustigen Schwanz. Seine gefiederten Finger verdammen ihn zum Nichtstun, taugen weder zum Greifen noch zum Fliegen. Das Gesicht ist ganz Mund, ein erstarrtes, großes O, das die Haut drumherum in ringförmige Wülste wirft. Er – oder sie? – ist ein Wesen aus einer anderen Welt. Oder eine Facette, die uns die Evolution auf der Erde vorenthalten hat, ein aussortierter Versuch mit verstörend menschlichen Zügen.

Das monotone, heisere Ratsch-Ratsch vom Schleifen mischt sich mit dem Rattern des draußen vorbeifahrenden Zuges. Staubpartikel wirbeln durch die Luft, als Stefan Giesbert Fromberger seine Figur mit dem Handbesen abkehrt, sie beschlagen seine Brille und bepudern seine Turnschuhe. Die Vormittagssonne blendet schräg durch die hohen Südfenster des Ateliers. Wäre Fromberger kein Künstler, läge hier das Wohnzimmer seiner Wohnung in der Regensburger Blumenstraße, einer Sackgasse, in der, hier jedenfalls, keine Blumen blühen, sondern dürres Gras Bauschutt überwuchert. Rostiger Zaun umgrenzt die Brachen neben dem angeschlagenen Gründerzeithaus, dahinter reckt Baustahl aus einer Betonruine trotzig seine Halme in die Höhe. Fromberger mag die Aussicht mittlerweile. Daneben ist alles schon perfekt: glatte, einfarbige und doch farblose Büroriegel. Das Haus dazwischen, in dem er wohnt, soll saniert werden, sagt Fromberger. Ein paar Mieter sind schon ausgezogen. Aber er bleibt.

Wo Dick’s Blade Runner und Moebius’ Comics herkommen

Der Ort passt zu ihm: eine Zwischenwelt, in der das Unfertige mehr Charme hat als das Fertige. Es ist ein Zustand, in dem die Gegenwart Gewicht hat und der Augenblick zählt, denn hier wird nichts so bleiben, wie es gerade ist. Für diese Gegenwart hat Fromberger sein Sujet gefunden: Figuren aus dem Reich zwischen Realität und Fiktion, wo auch die Comics von Jean Giraud alias Moebius daheim sind, Leutnant Blueberry und der Prinz von Nirgendwo, und Science Fiction, die wie Philip K. Dick’s Blade Runner die Grenzen zwischen Mensch und Maschine eliminiert.

Frombergers Technik entstand mit der Zeit: Er baut den Wesen ein Gerüst aus Hasendraht, füttert sie manchmal mit Zeitung, überzieht sie Schicht für Schicht mit Kunstharz. Dann bearbeitet er die Plastik wie eine Skulptur: Er schnitzt und schabt, glättet und schleift, trägt wieder Harz auf, nimmt wieder was weg. Es gibt kein Modell, außer dem, das sich in seinem Kopf formt. Irgendwann ist das Geschöpf fertig. Instinktiv weiß Fromberger, wann es so weit ist. Oder auch nicht. Dann wandert das Projekt ins Regal.

Manchmal hat er auch schon Figuren gegossen. Dafür modellierte er die Vorlage in Wachs und übertrug sie auf die Gussform. Und er hat auch – wie beim überdimensionalen Mondkalb – aus einer kleinen Figur eine große werden lassen. Da blickte dann sein „Baby“ auf ihn herab, „komisches Gefühl erstmal“. Aber der langsame, stetige Aufbau, bei dem die Figur unter seinen Händen wächst, gefällt ihm besser, jedenfalls im Moment gerade. „Aber was ich in zehn Jahren machen werde? Keine Ahnung.“

Schleifen, streicheln, schleifen, bürsten. Das hat was Meditatives. Grauer, trockener Staub überzieht Frombergers Hände. Still und in sich gekehrt verlaufen die Vormittage, nur unterbrochen von viel schwarzem Kaffee und einer Zigarettenpause vor der Tür. Sind die Kinder (acht und elf Jahre) in der Schule, macht er sich an die Arbeit. Wenn die zwei Mädchen gegen 15 Uhr wiederkommen, beginnt das Familienleben mit Kochen, Hausaufgaben und so weiter. Dazwischen entstehen goldlackierte Mondkälber zur Rettung der Menschheit. Oder der nackige, aber sehr unmännliche Prof. Dr. Kleinsorge mit Ohrpfropfen, Köfferchen und Schlagstock, der alles wunderbar findet. Und der Boxer Wilhelm, der in seiner lächerlichen Unterhose mit lackierten Zehennägeln dasteht und ängstlich greint – die Karikatur eines Spießbürgers, den die Außerirdischen vom Sofa in den Ring gebeamt haben, damit er endlich mal das Leben spürt. Und auch der Kaiser von Tschinschapura, der auf seinem Ziegenbockmenschen wie ein einsamer Don Quijote der untergehenden Sonne entgegenreitet.

Figuren aus einem phantastischen Vakuum

Tschinschapura ist das sagenhafte Land, das „angeblich vor dem Denken“ liegt, gibt Stefan Giesbert Fromberger dem Betrachter mit. „Alle bisher zu uns vorgedrungenen Informationen beschreiben Tschinschapura als eine Art phantastisches Vakuum, ein Ort unbewusster Prozesse, die unsere Entscheidungen steuern, noch bevor sie uns bewusst werden.“ In diesem Land herrscht der Kaiser, aber eigentlich ist es Frombergers Land. Da kommen seine Figuren her, bevor sie in seinen Schöpfungen real werden – und zwar, so postuliert er, nicht weniger real als die Barbies und Superhelden der Kinderzimmer, als schlauchbootlippige Blondinen und uniformierte Leistungsträger, bigotte Kleinbürger und gedopte Sportler. An der Atelierwand hängt in einer Ecke ein Zitat aus Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. Musil stellt darin den „Möglichkeitssinn“ gleichberechtigt neben den „Wirklichkeitssinn“. Der Möglichkeitssinn sei auch die Fähigkeit, „das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist“.

Mit 15 Jahren wusste Fromberger, dass er Künstler wird. Als Kind hat er viel gezeichnet, dann aber lieber modelliert, geschweißt, geschnitzt. Die Eltern unterstützten ihn. Auf dem Land – er wuchs in Preßgrund bei Regenstauf auf – gab es viel Platz für erste Versuche. 1996 machte er Abitur und studierte anschließend Archäologie und Geschichte an der Uni Regensburg. Ihn interessierte schon damals die Frage, „wie sich der Mensch entwickelte“. Als Künstler untersucht er inzwischen, wozu sich der Mensch auch hätte entwickeln können oder wohin er sich eventuell entwickeln wird. „Auch wenn ich viele tierische und technische Motive verfolge, kreise ich im Kern immer um den Menschen.“

Aus der Intimität des Ateliers in die weite Welt hinaus

1999 schrieb er sich an der anthroposophischen Kunstschule Edith Maryon in Freiburg ein, schloss 2002 mit dem Bildhauer-Diplom ab. Er kehrte zurück nach Regensburg. Fromberger ist ja auch ein Familienmensch. „Ich lebe gerne in Regensburg“, sagt der 38-Jährige. In einer Großstadt, glaubt er, hätte er auch keine größeren Möglichkeiten. Pro Jahr war er zuletzt auf sieben, acht Ausstellungen in ganz Deutschland vertreten. 2012 erhielt er den Kunstpreis des Kunst- und Gewerbevereins Regensburg, 2010 gewann er den 2. Preis beim Blooom Award by Warsteiner. Dass er mit der Kunst leben müsse, die Frage stelle sich für ihn nicht, „ich muss damit leben“. Ob er aber auch von ihr leben könne, stehe auf einem ganz anderen Blatt. Er kann es, mit einem Nebenjob, gerade so.

Was mit dem Geldverdienen verbunden ist, nennt Fromberger „Arbeit“: ausstellen, kommunizieren, anbieten. Das liege ihm nicht so, meint er. Er ist – dem markanten Backenbart zum Trotz – ein Introvertierter, der zum Extrovertieren gezwungen ist: ausdrucksstark, aber wortkarg. So ist es halt nun mal, sagt er. Vorsichtig zieht er der fertigen Figur nach dem Lackieren die Klebebänder ab. „Was ich hier in meinem Atelier schaffe, ist – auch wenn Vieles davon nicht autobiografisch ist – ein intimer Prozess.“ Oft rede er auch mit einer Figur. Ist ja sonst keiner da. Und dann entlässt er sie aus der Zweisamkeit nach draußen ins Scheinwerferlicht einer Ausstellung. Da muss sie sich dann alleine behaupten. Der federfingrige Zwitter wird dort bald unter hellbeigem Lack und blauer Kappe glänzen und mit seiner perfekten Oberfläche vorgaukeln, aus einem Guss zu sein. Wie’s in ihm drin aussieht, weiß nur der Künstler.

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