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Mittwoch, 22. August 2018 29° 3

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Der mit den Fischen lebt

Was macht ein Künstler aus Sibirien im Bayerischen Wald? Anatol Donkan ist ein Nanai und gerbt Fischleder. Ein Besuch.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Anatol Donkan wuchs im Osten Russlands in Waisenhäusern auf, jobbte als Plakatmaler, fuhr mit der Fischereiflotte zur See. Dann aber kam die Perestroika – der Fischer durfte Kunst studieren. Foto: Sabine Franzl
  • Manchmal sucht Donkan nach einem Ausdruck – und hat ihn längst gefunden, ohne Worte. Hinter ihm hängt ein Cape aus Fischleder. Foto: Sabine Franzl
  • Jedes Leder hat eine Biografie. „Ich sehe, was der Fisch erlebt hat.“ Foto: Sabine Franzl

Viechtach.Als Anatol Donkan, geboren am 4. November 1955 im Osten Sibiriens, nacheinander in drei Waisenhäusern aufwuchs, wusste er noch wenig von seinen Wurzeln, nichts vom Amur, nichts von den Nanai, seinem Volk, das an dem sagenhaften Fluss ganz im Osten Russlands lebte. Er merkte nur, dass er Fische mochte, dass ihm das Malen leicht fiel und dass er anders aussah, als die anderen. Mit der Distanz eines Romantikers blickte er auf die Welt um ihn herum und auf den Homo sowjeticus, zu dem man ihn erziehen wollte – der er aber freilich nie wurde. Mit 14 malte er Kinoplakate, solche, wie man sie noch heute für Bollywood-Filme hat, und verdiente sich sein erstes Geld. Und dann fuhr er zur See, als Ersatz fürs Militär, machte mit 20 sein Diplom als Steuermann der Fischereiflotte. Er folgte den silbrigen Schwärmen im Nordpazifik, warf die Netze aus, holte den Fang ein, aber eigentlich war es umgekehrt: Der Fisch hatte ihn an der Angel.

Die aufgetauten Störhäute müssen von Fleischresten befreit werden.
Die aufgetauten Störhäute müssen von Fleischresten befreit werden. Foto: Sabine Franzl

Im hinteren Anbau des kleinen Häuschens unterhalb des Viechtacher Marktplatzes ist es noch kühl – „genau richtig“, sagt Anatol Donkan. Die Frühlingssonne blitzt durch die geputzten Fenster, als er mit behandschuhten Händen in einem weißen Bottich rührt. In Salzwasser tauen dort Störhäute auf, die der Fischer, der zum Künstler wurde, von einem Zuchtbetrieb im Allgäu bezieht. Er klaubt eine heraus, streift sie flach auf einem Brett aus und kratzt mit einem Messer und einem Hufkratzer Fleischreste ab. Gleichmäßig glitschendes Schaben und der Geruch nach frischem Fisch erfüllen die Luft. Eine Haut nach der anderen kommt dran, auch Lachshäute sind dabei. Stundenlang steht er manchmal da, wie früher die Nanai-Frauen. Die Männer fischten, die Frauen verarbeiteten den Fang – so war das.

Das vergessene Wissen der Ahnen ist ein Teil von Anatol Donkan

In den elektrisch betriebenen Trommeln werden die Häute gespült.
In den elektrisch betriebenen Trommeln werden die Häute gespült. Foto: Sabine Franzl

Es ist der erste Arbeitsgang von vielen, in deren Verlauf er die Häute auf natürliche Weise, chromfrei und ohne jeden Einsatz von Chemie, gerbt. Denn Donkan hat das vergessene Wissen seiner Ahnen ausgegraben, wiederbelebt und perfektioniert. Es hat ihn nach Wladiwostok begleitet, nach Wien und schließlich nach Viechtach in den Bayerischen Wald, wo er seit 2005 mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Mareile Onodera, lebt. Ihr charmant saniertes Häuschen beherbergt unter freigelegten Balken Mareiles altmeisterlichen Gemälde phantastischer Geschöpfe, Donkans liebevoll arrangierte Sammlung von Nanai-Kunst, schamanischen Kultfiguren und Fischlederobjekten. Unten in der lichtdurchfluteten Durchfahrt ein aufgeräumtes Atelier, eine kleine Werkstatt mit Nähmaschinen und Zuschneidetisch, die Gerberei im Anbau. Vorne im Laden stehen Taschen, Schlüsselanhänger, Portemonnaies und anderen Dinge aus Fischleder zum Verkauf.

Die pflanzlichen Gerbstoffe aus Rinden oder Knospen riechen nach warmem Moos und Mulch. Sie lagern in Fässern, damit sie keine Feuchtigkeit ziehen.
Die pflanzlichen Gerbstoffe aus Rinden oder Knospen riechen nach warmem Moos und Mulch. Sie lagern in Fässern, damit sie keine Feuchtigkeit ziehen. Foto: Sabine Franzl

Aber was Donkan eigentlich unter die Leute bringen möchte, ist seine Idee: Naturvölker, egal wo auf der Welt, könnten mit seinem Verfahren Fischhäute gerben, als Rohstoff verkaufen oder selbst daraus Waren herstellen. Es wäre eine Art Hilfe zur Selbsthilfe und der Versuch, aus einem Abfallprodukt ein delikates Leder zu gewinnen, das für den Laien vielleicht dem Schlangen- oder Krokoleder gleicht, in Wirklichkeit aber ganz eigene Qualitäten aufweist. Je nach der Rindenart, den Früchten oder Knospen, aus denen die pflanzlichen Gerbstoffe gewonnen werden, färben sich die Häute ocker bis braun, manche Lachsleder werden ganz hell, papierdünn und dehnbar weich, strapazierfähig. Sommerkleidung nähten die Nanais aus dem anschmiegsamen Material, darauf waren sie spezialisiert. Im Winter, wenn der Amur zugefroren war, trafen sie sich auf der Flussmitte mit den Nachbarvölkern zum Tauschhandel: leichtes Fischleder gegen Rentierhäute und warme Robbenfelle.

Der Fischer, der malen kann, durfte Kunst studieren

Wäre Donkan bei den Nanai aufgewachsen, die damals längst nicht mehr traditionell lebten, vielleicht wäre er nie auf die Idee gekommen, sein kulturelles Erbe zu suchen. So aber kam eins zum anderen: Die Perestroika erlaubte dem Fischer, der malen konnte, in Wladiwostok Kunst zu studieren. Und der nicht mehr ganz so junge Student begann, sich mit seiner Identität zu beschäftigen.

Er reiste an den Amur, fand Teile seiner Sippe und Reste einer Kultur, die ihn faszinierte – ein Neugieriger, der nach dem Alten forschte. Die einfachen, spirituellen Figuren aus rohem Holz berührten ihn tief. „Da ist ohne Worte so viel gesagt“, erklärt Donkan, der in seinen eigenen Skulpturen die schamanischen Formen aufgreift. Geht man die Treppe in seinem Haus hoch, mustert von oben ein massives Wesen aus dunklem Holz mit kleinen, blauen Äuglein den Gast, nicht feindlich, aber wachsam.

Anatol Donkan in der Nahaufnahme

1992 erwarb Anatol Donkan sein Diplom an der Fernöstlichen Staatlichen Humanwissenschaftlichen Universität in Chabarowsk. Sein Thema lautete: Kultfiguren der Schamanen am Amur. Bei einer nächsten Reise an den Fluss seiner Vorfahren entdeckte er in einem Schamanenhaus einen Fetzen Fischleder, hart und „knusprig“ wie trockenes Fensterleder. Wie kriegt man es weich? Und überhaupt: Wie gerbt man Fischleder? Die Frage ließ Donkan nicht mehr los. Die ersten Versuche startete er in der Teeküche. Und Mareile half ihm.

In seinem kleinen Museum in Viechtach zeigt Anatol Donkan Objekte aus Fischleder und Kultgegenstände der Nanai, seinem Volk, das im Osten Sibiriens am Fluss Amur lebt.
In seinem kleinen Museum in Viechtach zeigt Anatol Donkan Objekte aus Fischleder und Kultgegenstände der Nanai, seinem Volk, das im Osten Sibiriens am Fluss Amur lebt. Foto: Sabine Franzl

Sie hatte in Wien bei Ernst Fuchs studiert, lebte dann in Japan. Bei einem Besuch in Wladiwostok lief ihr Donkan über den Weg: lange Mähne, rundes Gesicht, buschige Brauen. Kein offen rebellischer Typ, aber ein eigener Kopf. Ein Mann, der auffällt und fesselt mit seiner Energie. Wenn Donkan etwas erzählt, dann reden auch die Hände und die Füße. Manchmal sucht er nach dem richtigen deutschen Ausdruck – und hat ihn doch längst schon gefunden, ohne Worte. In Wladiwostok stellt Donkan eine erste Schau schamanischer Kunst zusammen, zeigt darin unter anderem Ritualfiguren aus sowjetischen Museumsdepots, lieblos mit Inventarnummern gestempelt – „nummeriert wie im Gulag“ –, und Alltagsobjekte, bestickte Gewänder. Dann wiederum kleidete Donkan Modelle in seine ersten Fischleder-Kostüme. Die schräge Performance lockte sogar die BBC an. Die künstlerische Bohème war begeistert, die Regierungsleute aber fragten sich: „Was macht der da bloß?“

Es war der Anfang seines Museums, dem „Amur Ethnic Art Museum“ in Wladiwostok, dem „ersten staatlich anerkannten Privatmuseum der Primorsky Region“. Zahlreiche Ausstellungen im nahen (Japan) und fernen (Europa) Ausland folgten. Mit dem Beginn des Tschetschenienkrieges wurde es jedoch immer ungemütlicher für den Nanai Anatol Donkan in Wladiwostok. Wer Kult(ur) um eine ethnische Minderheit betreibt, macht sich in Russland verdächtig.

Das mobile Museum ist jetzt in Viechtach daheim

1999 ging das Künstlerpaar nach Wien und 2005 in den Bayerischen Wald, weil Donkan vorübergehend mit einer ansässigen Lachsverarbeitung zusammenarbeitete. Hier hat er sich nun eingerichtet. Das Fischledermuseum bereichert die kleine Stadt Viechtach mit einem Hauch bodenständiger Exotik. „Es ist gut, dass wir die Sammlung als mobiles Museum gegründet haben. So kommt alles mit uns, wo auch immer wir hingehen“, sagt Donkan. Seine Wurzeln sind nicht mehr verwaist. Und wie bei den Nanai einst bildet der Fisch die Lebensgrundlage.

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