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Der Walter und sein Fritz

Der Holzrücker Walter Weismann aus Breitenbrunn und sein Pferd arbeiten miteinander. Aber auch sonst sind sie sich einig: „Der Fritz ist mein Freund.“
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Männerfreundschaft: So einen wie den Fritz, sagt Walter Weismann, gibt es nur einmal. Fotos: Sabine Franzl
  • Kraftprotz: Die drei Stämme sind für das starke Kaltblut kein Problem. Bei Wettbewerben zieht der Fritz viel schwerere Gewichte.
  • Vertrauenssache: Walter Weismann befestigt die Kette an einem Stamm. Würde sein Pferd jetzt plötzlich anreißen, wären die Finger eingeklemmt.
  • Verschnaufen: Manchmal braucht Walter eine Pause. Die Arbeit im Wald ist anstrengend – aber wunderschön, findet er.
  • Spazierfahrt: Rechts und links fliegen die Wiesen vorbei, wo er als Kind die Schafe gehütet hat, hinten wird das Dorf Langenthonhausen kleiner und vorne der Himmel weiter. Hoch oben, vom Kutschbock aus, schaut sich Walter Weismann die Welt um sich herum am liebsten an. Und der Fritz zieht an.

Breitenbrunn.Äste knacken unter den Hufen vom Fritz. Das schwere Pferd schüttelt die steingraue Mähne, schnaubt voller Vorfreude feuchtwarmen Atem durch die Nüstern und tänzelt erstaunlich leichtfüßig zwischen den Bäumen hindurch. Die am Zuggeschirr befestigten Eisenketten klirren leise über den moosigen, weichen Boden, während das Ross sie noch unbeladen hinter sich herschleift. Sonst ist es still im Wald. „Brr“, sagt der Walter und mit einem Ruck steht das Pferd. „Zruck, zruck – brr. Hüsta, hüsta, no a bissl – brr!“ Walter Weismann bückt sich und befestigt einen mindestens zehn Meter langen, dicken Baumstamm an einer der Ketten. Mit der Spitzhacke lupft er das Holz auf einer Seite, um die Kette drunter zu fixieren. Würde der Fritz jetzt anziehen, wäre Walters Finger ab. Aber der Fritz steht still bis zum nächsten Kommando. Er weiß genau, worum es hier geht.

Der Hengst hört aufs Wort, sonst wäre es für Walter lebensgefährlich

„Bei der Arbeit wachsen d’Leut’ zam“, sagt Walter und schaut dem Fritz in die Augen. Hott heißt rechtsrum, hüst oder wist linksrum. Der Walter hängt gern noch ein „a“ dran: „Hüsta.“ Oder ein „uma“ – bayerisch für hinüber: „Hott uma, Fritz.“ Der Fritz ist ein neunjähriger Noriker, ein österreichisches, mittelschweres Kaltblut, bestens dafür geeignet, Holzstämme aus schwer zugänglichen Hangwäldern zu ziehen. Er arbeitet seit gut sieben Jahren für Walter Weismann (55) als Rückepferd. Der hat in seinem Familienbetrieb auch schwere Maschinen – Harvester und Forwarder – im Fuhrpark in Langenthonhausen bei Breitenbrunn (Landkreis Neumarkt) stehen. Aber mit dem Fritz ist das was anderes: „Mia zwoa san uns einig.“

Der schöne Kohlfuchs kennt jede Geste, jeden Befehl vom Walter. Er würde auch mit anderen Holzrückern zusammenarbeiten, freilich, aber nicht so gut. Allein im Wald sind Mensch und Tier aufeinander angewiesen. Besonders der Walter auf den Fritz, das muss man schon zugeben. Denn würde der Fritz nicht exakt auf die Kommandos hören, wäre das lebensgefährlich für seinen Herrn. „Wennsd’ amal mitm Fuß zwischen zwei Baumstämmen drinhängst und der Gaul zieht an, dann reißt’s dir das Kreuz ab.“ Und wenn das Handy im Auto liegt und nicht im Hemd steckt, wo’s hingehört, musst du warten, bis einer vorbeikommt oder dir das Ross aus der Zwangslage hilft. „Da siehst dann, was ein Freund ist“, sagt Walter. Wenn man ein Pferd nie quält und gut behandelt, dann zahlt es das zurück. Respekt müsse man sich anfangs schon verschaffen. „Aber wennsd’ ihm amal Herr worn bist, geht er für dich durchs Feuer.“

Er dirigiert den Hengst zum nächsten Stamm, kettet den zweiten Baum ans Geschirr. Der Fritz zieht bei der Arbeit Lasten so schwer wie sein Eigengewicht plus 30 Prozent. Über 750 Kilo wiegt das muskulöse Tier. Die zwei Stämme mit 500 Kilo Gesamtgewicht sind für ihn also kein Problem, ein Klacks, tausend Kilo muss er schon bewegen können. Beim Zugleistungswettbewerb in Österreich hat er kürzlich über zwei Tonnen gezogen. Der Fritz legt sich ins Geschirr, die Hufe sacken ein, als er anpackt. Kraftvoll und kontrolliert schleift er die Stämme im Zickzack zwischen den Bäumen hindurch zum Weg hinüber. Dort sammelt sie später Günther Weismann, einer der drei Söhne von Walter, mit dem Rückezug ein und fährt sie aus dem Wald hinaus. Günther ist Vizeweltmeister im Forwarder – er kann die Riesenmaschine mit zwei Joysticks, auf denen 21 Funktionen liegen, millimetergenau steuern. Sogar einen kleinen Stein hebt er mit der Greifzange auf. Aber für einen Auftrag im dichten Wald braucht er das väterliche Gespann. „Vater, lad’ dein Pony auf, es gibt Arbeit.“

Holzrückepferde sind Hochleistungssportler im Wald

Das ist der eine Vorteil der Holzarbeit mit Pferden: Mit dem Bagger kommt man nicht ins Dickicht und mit der Seilwinde kann man Stämme nur gerade herausziehen. „Pony“ Fritz kann auch Kurven. Außerdem ist die Waldarbeit mit Pferden besser für den Boden. Manche Waldbesitzer bestehen sogar auf der ursprünglichen Arbeitsweise, erzählt Walter Weismann. Der Boden wird durch die Pferdehufe und das Schleppen der Stämme nicht verdichtet, sondern nur stellenweise oberflächlich verletzt. Und genau dort können Samen besonders gut keimen.

Es gibt heute nicht mehr so viele Holzrücker mit Pferden, sagt Walter Weismann. Arbeitspferde müssen täglich arbeiten, auch wenn es gerade nichts zu tun gibt. Ihr Herz-Kreislauf-System brauche die Bewegung, das sei nicht anders als bei Hochleistungssportlern. Die meisten Holzarbeiter können auch gar nicht mehr mit den großen, starken Rössern umgehen. In Österreich schon, wegen der vielen Bergwälder. „Ich mach’s, weil ich eine Freude dran hab.“ Wenn keine Arbeit anfällt, schirrt Walter den Fritz an und fährt in der Kutsche spazieren. Sein Lieblingsweg führt zur Feldkapelle hinüber, dann geradeaus den Hügelkamm entlang. Rechts und links fliegen die Wiesen vorbei, wo er als Kind die Schafe gehütet hat, hinten wird das Dorf kleiner und vorne der Himmel weiter: Hoch oben, vom Kutschbock aus betrachtet, ist die Welt fern, und die Vergangenheit auch.

420 000 Mark Schulden hatte er mit 28 Jahren. Walter Weismann hat Metzger gelernt und dann eine Großschlachterei betrieben. Viel investiert – und alles verloren. Sein nächstes Geschäftsmodell, mit dem er die Schulden abbezahlte und den finanziellen Grundstock für sein heutiges Unternehmen legte, lief dafür umso besser: Weismann stieg 1998 ins Nachtgeschäft ein. Man könnte auch sagen „Nacktgeschäft“, denn er betrieb zwei Striptease-Bars, 13 Jahre lang, eine in Hemau, eine in Sulzbach-Rosenberg. Und nebenbei sein Hobby: Die Pferde im Stall wurden immer mehr, Westernpferde, aber vor allem die starken Kaltblüter haben es ihm angetan. Anständig müsse man mit ihnen umgehen, mit den Pferden, aber auch mit den Frauen. Und selber sauber bleiben: keine Drogen, kein Schnaps. Walter sagt, er trinkt nicht und trank noch nie. Wenn ihn Gäste auf einen Ramazzotti einluden, schenkte er sich heimlich abgestandene Cola ein. Manchmal kam er nicht aus, da musste er einen kippen. Geschmeckt hat’s ihm nicht. Lieber trinkt er Kaffee, vor allem morgens. Auch in der Mittagspause bestellt er sich im Wirtshaus ein Kännchen. Der Fritz wartet derweil draußen. Zwischendurch hört man ihn schnauben. „Ich komm ja gleich.“

Als Weismann ihn vor siebeneinhalb Jahren auf einer Alm in Österreich gekauft hat, hat der junge Kohlfuchs noch „gar nix“ gekonnt. Aber die Chemie hat gestimmt. „Der Fritz und i, mia ham uns gleich gern ghabt.“ Er sei fleißig, aber nicht von Haus aus ein Braver, beschreibt Walter seinen Kompagnon. Und ein „Angeber“, einer der sich gern präsentiert, zum Beispiel auf dem Rossmarkt in Berching. Das imponiert dem Walter, er sagt: „Da steigt er vielleicht.“ Sein Pferd weiß genau, wie es die Konkurrenz beeindrucken kann. Was zählt, ist der Wille. „Der Fritz ist stolz“, meint sein Herr. Und stolz, das ist er selber auch.

Holz, Maschinen und Pferde – das zählt in der Familie Weismann

Weismann ist ein Kämpfer, lieber offensiv als defensiv. Er erklärt das so: „Ich bin nur 1,65 Meter groß. Ich musste mir mein ganzes Leben lang Autorität verschaffen.“ In der Schule, im Nachtgeschäft, den Pferden gegenüber, im Holzhandel. Kein Zweifel, dass er irgendwo nicht respektiert werden würde. Walter Weismann zog sogar vor kurzem bei der Kommunalwahl für die Freien Wähler in den Marktgemeinderat von Breitenbrunn ein. Und er hat drei Söhne, auf die er unglaublich stolz ist: Günther ist der große Star mit dem Rückezug. Markus züchtet Pferde, „der ist auch Ross-verrückt“, handelt mit ihnen, bietet Kutschfahrten an. Peter ist der Maschinist, ein Tüftler und ein Meister im Abrichten von Hunden. Alle zusammen haben sie die Firma aufgebaut und Know-how angesammelt. Wenn der führende Waldmaschinenhersteller Rottne ein neues Gerät testet oder eins verbessern will, fragt er bei den Weismann-Söhnen nach.

„Der Fritz begleitet mich und ich begleite ihn“

Der Fritz will jetzt zurück in den Stall, fressen und saufen. Hat er sich verdient. Walter Weismann spannt aus. In der Box kontrolliert er die Hufe, Fritz hebt sie aufs Wort. Dann streicht Walter über das glänzende, dunkelgraubraune Fell und sagt, dass er den Fritz nie mehr hergeben wird. „Der Fritz begleitet mich und ich begleite ihn bis zum Schluss. Wenn er nimmer arbeiten kann, dann wird er nur mehr verhätschelt.“ Aber bis dahin ist es noch lang. Der Hengst steht in vollem Saft. Seit drei Jahren fragt immer wieder ein bulgarischer Pferdehändler nach ihm. In Bulgarien haben Zugleistungswettbewerbe einen Stellenwert wie hier die Bundesliga. „Sagst Du einen Preis“, drängt der Bulgare. „Der Fritz ist mein Freund, der hat keinen Preis“, antwortet der Walter.

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