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Die Blumenfrau und der See

Patricia Fischl ist mit dem Waldbad in der Nähe von Stoaberg bei Viechtach aufgewachsen. Gemeinsam gelang ihnen ein Kunststück: Sie haben die Zeit angehalten.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Es gibt Sulzen, Kuchen, Filterkaffee, Eis und viele Blumen – aber keine Pommes. „Die stinken so“, sagt Frau Fischl. Fotos: Sabine Franzl
  • Eigentlich ist sie ja Amerikanerin.
  • Zehnerleis, Schokoriegel – und irgendwie und sowieso ist hier alles wie früher.

Kaffee? Kaffee. Patricia Fischl holt die Prodomo-Dose vom Regal, steckt die Melitta-Tüte in den Filter und löffelt den Kaffee hinein. Wasser ist schon drin, träge beginnt die Maschine zu gurgeln und mit der Zeit dampft sie Schwaden von Röstaroma in die warme Luft. „Gleich fertig“, sagt Frau Fischl und humpelt zurück zum geblümten Gartenstuhl am Stammtisch. Vor ein paar Wochen ist die 51-Jährige umgeknickt – ausgerechnet, als das Wetter schön wurde und ihr kleines Waldbad mit Kiosk in Stoaberg bei Viechtach herrichten brauchte.

Filterkaffee und Piccolo statt Latte Macchiato und etepetete

„Und jetzt schaut’s halt so aus“, sagt sie, und man weiß nicht recht, was sie meint, denn die Blumenkästen sind frisch gestrichen, die Geranien blühen, das Gras ist sattgrün und gemäht und die Schilder am Kiosk liebevoll beschriftet. Der Platz ist ein Idyll. Aber wer auf Latte Macchiato steht und auch sonst ein bisschen etepetete ist, braucht nicht zu kommen, denn das gibt’s hier nicht. Auch keinen Prosecco, Spritz oder Hugo. Dafür Piccolo und Saure Weinschorle und die Sulzen sind selbstgemacht, genau wie der Bienenstich, den Patricia Fischl in große Stücke teilt. Die Maschine faucht ein letztes Mal und verstummt. Der Kaffee ist fertig. Dazu Kondensmilch.

Der Charakter des Waldbads ist so eng mit dem Leben von Patricia Fischl verbunden, dass sich eines ohne das andere gar nicht beschreiben lässt. Ohne sie gäbe es den See nicht. Und ohne den See fehlte der Viechtacherin der Lebensinhalt. Miteinander sind sie erwachsen geworden und reifer, haben den einen oder anderen Rückschlag erlitten, ein bisschen Patina angesetzt, ein bisschen frische Farbe aufgelegt. Und währenddessen gelang ihnen ein gemeinsames Kunststück: Sie haben die Zeit angehalten.

Papa Johann baggerte die Wiese aus und machte einen See

„Papa, machen wir einen See, hab’ ich gebettelt,“ erzählt Patricia Fischl. Da war sie sieben Jahre alt und hatte gerade Schwimmen gelernt. Und Papa Johann machte einen See: Er baggerte die Wiese aus, die sich oberhalb des geerbten landwirtschaftlichen Anwesens in einer Senke erstreckte, schaffte 500 Fuhren Regenkies als Untergrund nach oben, legte rundum Wiesen an. Auf drei Seiten begrenzt der Hangwald das malerische Areal, an einer Seite führt unterhalb die Straße in einer engen Kurve vorbei. Dort stellten die Fischls ein hübsches Blockhaus hin mit Balkon überm See. Gespeist wird das 1,39 Meter tiefe Naturbad vom Tiefenbach. Die Wasserqualität ist gut, auch wenn immer wieder mal ein paar Algen herumschwimmen. Patricia Fischl kramt nach der amtlichen Bescheinigung. „105,36 Euro kostet der Test für drei Monate“, rechnet sie vor.

Der Eismann kommt mit der Lieferung. Auch er kriegt einen Filterkaffee. Patricia Fischl verschwindet im Kiosk und setzt eine frische Kanne auf. Badegäste holen sich Schirme, bevölkern die Liegewiesen. Auch der Stammtisch füllt sich, jeder kennt jeden und wenn jetzt dann die Familie aus Franken wiederkommt, die immer in Viechtach zeltet, dann gehört auch sie zum engen Kreis. „Weißt Du noch, wie wir den Tisch in den See gestellt haben, weil’s so heiß war?“ Alle wissen es noch: Es war am 23. Juni 2002 bei 40 Grad im Schatten. „Und wie der Sturm das Pavillon-Zelt zerlegt hat?“ Am 18. August 2003 um dreiviertel sechs. „Und wie’s gebrannt hat?“ Das muss Patricia Fischl selbst erzählen. Sie fischt die Wiener aus dem heißen Wasser – Pommes frites stehen nicht auf der Karte, die stinken ihr zu sehr – und langt die Teller durch die Durchreiche. Das Fotoalbum, ah, da ist es. Ein verblichenes Bild zeigt die verkohlte Ruine der Blockhütte, daneben das Datum: 28. Oktober 1999. „Um halb fünf haben’s mich angerufen: Der Weiher brennt!“ Ausgerechnet am Tag vorher hatten sie das Wasser abgelassen, alles winterfest gemacht. Zwei Jahre hielten sie den Betrieb im Container aufrecht, auch im Winter, wo man auf dem See Eisstockschießen kann. Dann erst erging die Genehmigung für den Bau eines neuen, massiven Häuschens aus Stein.

Am Stammtisch serviert sie, sonst gilt Selbstbedienung

Gott sei Dank blieb ihr der Stammtisch während der Durststrecke treu. „Der Stammtisch, das ist auch meine Clique“, sagt Patricia Fischl. Die Keramikfrösche, die überall in den Beeten und Blumenkübeln sitzen, sind zum Beispiel Geburtstagsgeschenke von den Stammtischleuten. „Froschweiher“ nennen sie den See im Spaß und im Ernst „ein göttliches Platzerl“. „Die helfen mir alle.“ Auch wenn’s regnet, sind sie da. Ihnen serviert sie das Radler sogar an den Tisch. Aber für alle anderen gilt Selbstbedienung.

Familie Fischl und der Amerikanische Traum

Es gibt so schon genug zu tun: „Hirschen futtern, Katzen futtern, Algen fischen, Sulzen machen, Kuchen backen, Rasenmähen, Toiletten putzen, Gefriertruhe auffüllen, einkaufen, abrechnen, Geschirr spülen.“ Patricia Fischl spült von Hand und wenn sie von der Arbeit aufschaut, fällt ihr Blick links neben dem Fenster auf einen Spiegel, der mit der amerikanischen Fahne hinterlegt ist. Wenn alles anders gekommen wäre, dann wär’ sie jetzt dort. Denn geboren wurde Patricia 1962 in Westwood im Bergen County, New Jersey. Die amerikanische Staatsbürgerschaft hat sie noch. Damit kann man sich schön wegträumen, am Abend nach getaner Arbeit, hinüber über den großen Teich, während man auf seinen kleinen Teich schaut.

American Dream im Bayerischen Wald

1965 kehrte ihr Vater mit Frau und ihr, dem ersten Kind – später kamen noch zwei –, in die Heimat zurück. Der gelernte Schlosser hatte zehn Jahre lang für Mannesmann Pipelines geschweißt, sein Bruder Josef blieb in den USA. Anpacken und Neues wagen – Patricias Eltern verwirklichten ihren American Dream mitten im Bayerischen Wald: Sie eröffneten 1969 den Gasthof in Stoaberg mit Fischzucht neben der kleinen Landwirtschaft, unweit davon den Badeweiher mit Kiosk und in den 70ern den Gasthof „Hochpröller“ am Pröller-Nordhang. Für Letzteren ist vor allem Vater Johann (78) zuständig. Stoaberg bewirtschaftet Mutter Elfriede (72), um den Badeweiher kreist Patricias Leben.

Und um die Blumen. Wenn sie damals die freie Wahl gehabt hätte, wäre sie vielleicht Floristin geworden. So aber zieht sie ihre Blumen, Palmen, Tomaten und Kräuter rund um den Kiosk. Ein ganzes Blütenmeer schmückt die Terrasse. Das Feigenbäumchen am Eck trägt zwei Früchte und die Palmen rahmen den Freisitz mit südländischem Charme. Doch am liebsten sind ihr einfache Sonnenblumen und Männertreu. Die passen auch am besten zu ihrem kleinen See.

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