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Die Glasmacherin und ihr Platz

Magdalena Paukner hört oft, dass früher alles viel besser war für Glasbläser. Aber sie weiß nur, wie es sich jetzt anfühlt: „Gut und richtig.“
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Magdalena Paukner und ihre Gewissheit: „Da gehöre ich her, das ist meine Arbeit und mein Leben.“ Foto: Sabine Franzl
  • Kleine Werkstatt, zarter Glasschmuck Foto: Sabine Franzl
  • Magdalena Paukner und ihre Gewissheit: „Da gehöre ich her, das ist meine Arbeit und mein Leben.“ Foto: Sabine Franzl

Lindberg.Magdalena Paukner tunkt die Glasmacherpfeife ins geschmolzene Glas, zieht den Stab aus dem Schmelztiegel und rollt das Kölbl – so nennt man den glühend heißen Klumpen, mit dem alles beginnt – über eine glatte Platte. Kurz durchs Rohr blasen, wieder in die Flamme eintauchen, weiteres Glas aufnehmen, über feuchte Zeitung wälzen, durchs nasse Wulgerholz drehen, wieder erhitzen, Farbe aufnehmen... Es ist ein ruhiger Tanz ohne Musik. Die Bewegungen fließen, sie konzentrieren sich auf das Ende des langen Rohres, an dem der hohle, rotfeurig heiße Batzen zähen Glases klebt und mit jedem neuen Schritt langsam seine Form annimmt.

Sie kennt in Lindberg jeden Baum, jeden Strauch, jeden Weg

Magdalena Paukner ist 28 Jahre alt, und die Gestalt, die ihr Leben und Arbeiten gefunden hat, haben ihr die Familie, die Heimat und die Natur um sie herum gegeben. Sie wuchs am Rand von Lindberg bei Zwiesel auf. Der Vater und der Großvater waren Glasschleifer und weiter zurück im Stammbaum findet sich sogar ein Hüttenmeister. Vom Balkon ihres kleinen, liebevoll und ohne großen Luxus hergerichteten Bauernhäusls kann sie direkt hinüberschauen zu ihrem Elternhaus. Da unten in der Senke fließt das Bacherl, an dem sie als Kind gespielt hat, auf der Wiese grasen die Schafe, um den Bauerngarten streifen die Katzen und Enten, hinten im Hof gackern die Hühner. Sie kennt hier jeden Baum, jeden Strauch, jeden Weg. Von ihrer kleinen Glasschmuckwerkstatt aus ganz oben im Giebel des Häuschens lässt Magdalena ab und zu den Blick schweifen.

Manche können das erst spät in ihrem Leben von sich sagen, manche nie – aber sie ist sich ganz sicher: „Ich möchte nirgends anders sein. Da gehöre ich her.“ Magdalena ging in Zwiesel auf die Realschule, besuchte dort die Glasfachschule, wurde zur Glasbildnerin und Glasmacherin ausgebildet. Danach arbeitete sie als Assistentin in der Werkstätte des Glaskünstlers Cornelius Réer in Nürnberg und erwarb 2011 den Meisterbrief als „Industriemeister Glas“. Die fünf Jahre in der Großstadt will sie nicht missen, auch weil sie jetzt sicher weiß, dass das nicht ihr Platz ist. Seit letztem Jahr ist sie wieder zurück in Lindberg und bewohnt mit ihrem Freund Stefan Stangl, der ebenfalls Glaskünstler ist, das kleine Haus. Die filigranen Schmucksachen fertigt sie zu Hause über der Gasflamme an. Für Gläser, Karaffen, Vasen und Kunstobjekte mietet sie sich tageweise in einer Glashütte ein.

In der Hitze vorm Schmelzofen ist sie ganz bei sich. Das Glas bestimmt den Rhythmus, fordert volle Aufmerksamkeit, nicht nur, weil es gefährlich ist. Magdalena kennt Glasmacher, denen der Fuß abgenommen werden musste, weil ihnen der heiße Werkstoff drübergeschwappt ist. Wer mit Glas arbeitet, braucht Respekt vor der Materie, Kontrolle und Ruhe. Viel Kraft ist nicht nötig, dafür aber die richtige Technik und Kenntnis der Hebelwirkung. Der Werkstoff hält einen mit seiner Hitze auf Distanz, provoziert bisweilen mit seiner Unberechenbarkeit, verlangt aber gleichzeitig maximale innere Nähe – sonst wird’s nichts. „Das Glas sträubt sich“, sagt Magdalena, „das gefällt mir aber.“ Es gibt auch Tage, da geht gar nichts.

Früher spielte sie Cello, vor allem Bach. Jetzt hält sie statt Instrument, Bogen und Saiten ihre Werkzeuge in den Händen – die Pfeife, die Hölzer, die Scheren, Zangen und so weiter – die Noten entsprechen den Formen, sie hat sie im Kopf oder oft auch vorher als Skizze auf Papier fixiert und der Klang kommt aus dem fertigen Glas: ein einfacher Ton aus einem blauklaren Wasserglas, ein satter Akkord aus einer bunten Vase, ein Lied aus einer Maiglöckchenkette und eine ganze Symphonie aus einem ihrer Objekte, die sie der Natur abschaut und mit ihrer Phantasie ausschmückt.

Magdalenas „Urkraut“ wurzelt in den Gläsernen Gärten

Schon dreimal gewann sie den Publikumspreis des alle zwei Jahre ausgeschriebenen Wettbewerbs „Zwieseler Kölbl“, 2009 belegte sie den zweiten Platz beim Rheinbacher Nachwuchsförderpreis. 2010 wurde eines ihrer Objekte unter 150 Bewerbern für die Gläsernen Gärten von Frauenau ausgewählt. Die zwei Meter hohen Halme ihres „Urkrauts“ wurzeln seither am Ufer des kleinen Bachs im Park.

„Wanderglasmacherin“ nennt sie sich, weil sie keine eigene Hütte hat. Aber sie glaubt an ihre Zukunft, auch wenn sie immer wieder hört, dass die guten Zeiten für Glasmacher doch längst vorbei seien. „Man sagt mir, früher war alles viel besser. Aber ich weiß nicht, wie’s früher war. Ich weiß nur, wie’s jetzt ist. Und für mich fühlt es sich gut und richtig an.“ Einerseits hat sie mit ihren Arbeiten Erfolg. Andererseits ist sie auch stolz darauf, eine Tradition fortzuführen, die zentral ist für den Bayerischen Wald.

Im Einklang mit der Natur und der Heimat

Es ist immer wieder die Heimat, mit der sich Magdalena Paukners Kreis schließt. Das ist ihre Art von Harmonie: Im Herbst formt sie über der fauchenden Gasflamme aus farbigem Glas Schmuck mit Hagebutten und Wacholder, im Sommer sind die Heidelbeeren dran, die sie im Wald schon von klein auf sammeln geht, und die Chilis, die sie in ihrem Garten aus eigenen Samen zieht und erntet. Überhaupt der Garten: Sie baut selber Kraut an, züchtet Tomaten, füttert die Hühner mit Getreide aus Eigenanbau, pflückt Paprika, Erdbeeren, Küchenkräuter, kocht Marmelade ein, schleudert Honig aus eigener Imkerei. „Ich bin schon eine halbe Biobäuerin“, meint sie lächelnd. Geheizt – und oft auch gebacken und gebraten – wird mit Holz. Das Schweinerne, schwärmt Magdalena, schmeckt aus dem Bratrohr doch viel besser wie aus dem Elektroherd. Und ja, auch die Apfelschorle hat in einem handgemachten Glas ein ganz anderes Aroma.

Die letzten Schritte haben es in sich: Der Boden muss plan geformt werden und die Öffnung rund ausgeschnitten. Magdalena ist in ihre Arbeit versunken. Die Schutzbrille schirmt die Hitze und die hellen Strahlen ab, aber irgendwie auch den Kontakt zur Außenwelt. Ein paar Zuschauer sammeln sich in der Glashütte von Karl Schmid in Lindberg und schauen ihr zu. Nach den einfachen Trinkgläsern formt Magdalena Paukner noch geflügelte Blätter, gefiederte Flossen, gefährlich spitze Stacheln – alle für die organischen Objekte, die in ihrer urweltlichen Phantasie daheim sind.

Bei 500 Grad müssen die Becher und Gebilde nun langsam abkühlen. Und wenn das Glas sich zu sehr wehrt, zerspringt es dabei zu 1000 Scherben.

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