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Die Kunst der Hebamme

Andrea Günther aus Regensburg hilft bis zu 40 Mal im Jahr Kindern auf die Welt und Frauen zu sich selbst. Für sie ist ihr Beruf mehr als nur ein Tun.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Andrea Günther besitzt zwar moderne Geräte, aber nur ihren „alten, mechanischen Teilen“ vertraut sie. (Foto: Sabine Franzl)
  • Juri ist das letzte Kind, das in diesem Jahr mit der Hilfe von Andrea Günther zur Welt gekommen ist. (Foto: Sabine Franzl)
  • Bei der Nachsorge wiegt die Hebamme das Kind. Ihm gefällt’s. (Foto: Sabine Franzl)
  • In Andreas Hebammen-Kalender steht alles, er ist ihr „Heiligtum“. (Foto: Sabine Franzl)
  • Leopold ist soeben zu Hause geboren worden. Alles ist so friedlich – da stört nicht mal, dass Andrea Günther ihn für die U1 untersucht. (Foto: Sabine Franzl)

Regensburg.Sie legt erst eine, dann die andere Hand flach auf den Bauch, seitlich vom Nabel. Warm, behutsam und doch mit leichtem Nachdruck streifen die Hebammenhände um die stattliche Rundung, umfangen zwischen linker und rechter Handfläche das Kind im Bauch, wiegen es sanft hin und her. Andrea Günther spürt, was sonst der Ultraschall zeigt: oben Popo, Rücken rechts, Köpfchen unten.

Bald wird sie der Mutter helfen, ihr Kind zur Welt zu bringen. Sie wird ihr vor allem dabei helfen, der eigenen Kraft zu vertrauen. Eigentlich, meint Andrea Günther, sei das der Kern des Gebärens und Elternwerdens: Loslassen von Zweifeln, Kontrolle, Ängsten. „Aber genau das“, meint sie, „haben wir verlernt“. Sie nimmt das Hörrohr, setzt es auf den Bauch, legt ihr Ohr an den Trichter, ist nah bei der Mutter, nah beim Kind. Es ist ganz still im Raum, Juris Herz schlägt, alles ist gut.

Andrea Günther ist 52 Jahre alt, seit 1984 Hebamme, 24 Jahre davon in Regensburg. Sie mag ihr Hörrohr und ihren mechanischen Blutdruckmesser, ihren Hebammenkalender aus Papier, aus dem die Zettel quellen. „Ich steh’ auf alte, mechanische Teile“, sagt sie, die digitalen besitzt sie zwar, traut ihnen aber nicht blind. Als sie nach Regensburg kam, gab es im näheren Umkreis keine Hausgeburten. Andrea Günther fing wieder damit an. Zeitweise arbeitete sie mit einer Kollegin, jetzt ist sie seit ein paar Jahren wieder alleine. Sie begleitet 30 bis 40 Frauen und Paare pro Jahr dabei, ihre Kinder zur Welt zu bringen. Nicht alle zu Hause, aber alle ihre Mütter und Kinder sind von Anfang bis Ende unter ihren Fittichen. Wer von Haus aus lieber ins Krankenhaus geht oder bei wem sich Komplikationen zeigen, mit dem fährt sie in die Klinik nach Kelheim.

Babys halten sich an keine Werktage

Juri lässt sich Zeit. Er ist schon Tage überm Termin. Wenn er nicht bald von alleine kommt, wird man die Geburt einleiten müssen: besorgte Elterngesichter. „Er wird schon kommen“, beruhigt Andrea. Sie fährt heim nach Lappersdorf, wo sie ganz oben auf dem Berg mit ihrer Tochter Lucia in einem strahlend weißen Reihenhaus lebt. Darin integriert sind Büro und Praxis. Vor den großen, unverhängten Fenstern breitet sich die weite Landschaft aus, während Andrea Günther mit werdenden Müttern redet und sie untersucht. Auch am Wochenende ist sie zu Nachsorgen unterwegs. Babys halten sich an keine Werktage. Am Sonntag hat die Hebamme noch kaum geschlafen, als in der Nacht das Telefon klingelt. Es geht los, Juri kommt. Sie packt ihren ledernen Koffer.

Eine Hausgeburtshebamme ist immer in Bereitschaft. Andrea sagt: „Hebamme – das bin ich.“ Es ist mehr ein Sein als ein Tun. Das wird man nicht so einfach, und wenn man es ist, kann man es nicht abstreifen wie den gestrickten Schal und den wattierten Parka, den Andrea ein paar Tage vorher in dem auf 28 Grad gewärmten Zimmer ablegt, wo für die Hausgeburt von Leopold alles vorbereitet ist: die gepolsterte Geburtsinsel vorm Bett, der Stapel Handtücher, die Einmalvliese. Immer wieder hört Andrea durchs Dopton Leopolds Herzchen klopfen. Im Krankenhaus würde man der Mutter einen Gurt um den Bauch schnallen mit einem Gerät zur Aufzeichnung der Wehen und der Herztöne – totock, totock, totock krächzte es schnell und aufgeregt durch den Raum.

Die Stille, erzählt Andrea Günther, habe sie bei ihrer ersten Hausgeburt fast körperlich gespürt. „Ohne die lauten Geräusche geht die Wahrnehmung tiefer.“ Andrea legt nicht nur Wert auf messbare Parameter, ihr Fokus liegt auf dem Ganzheitlichen. Vorsorge, Kontrolle, auch Technik seien wichtig – vor allem, wenn Risiken vorlägen, sagt die Hebamme mit Zusatzausbildungen u. a. in Homöopathie, Yoga, Familienarbeit. Bei einer problemlosen Schwangerschaft, einer gesunden Mutter und einem munteren Kind könne zu viel Technik den Geburtsverlauf stören. Ausufernde Kontrolle führe zum Gegenteil von Sicherheit: „Verunsicherung. Wenn ich alles technisiere, dann impliziert das ein Misstrauen in den eigenen Körper.“

Der Gipfel dieses Misstrauens ist die hohe Zahl der Kaiserschnitte. In Deutschland kommt ein Drittel der Kinder per Operation zur Welt. Aber nur fünf bis zehn Prozent Kaiserschnitte seien medizinisch notwendig, schätzt Andrea Günther. „Das kann nicht sein. Die Frauen haben das Gebären doch nicht verlernt.“

Verlernt vielleicht nicht. Aber verschüttet unter massenhaft Gedanken, Befürchtungen, Unwägbarkeiten – so erklärt sie es sich. „Der moderne Mensch ist gewohnt, immer alles kontrollieren zu wollen. Und dann kommt da dieses intensive Erlebnis: Mein Körper macht das mit mir!“ Wer sich in dieser Situation fragt: Was geschieht mit mir?, gehe automatisch in Habachtstellung, mache zu, wappne sich. Dabei sollte man es einfach geschehen lassen. Den Denkapparat ausschalten und auf die Seinsebene wechseln. Genau das wird durch intensive Geburtsvorbereitung, Atemarbeit und die kontinuierliche Hebammenbegleitung in der Schwangerschaft erlernt. „Wenn das Vertrauen fehlt, fehlt der Zugang zum Inneren. Meine Aufgabe ist es, den Zugang freizulegen und die Frau, das Paar dabei zu unterstützen, die Verbindung wiederherzustellen.“

Sie fühlt, was werdende Mütter und Väter von ihr brauchen

Andreas Werkzeug sind ihre Hände. Sie stützen und streicheln, umfangen den Bauch, halten das Kind darin. Jede Berührung mit Bedacht. Und dann sind es auch die Stimme und die Worte. Leise und sanft, bestimmt und, ja, bisweilen auch streng. Sie sagt zum Beispiel lieber „schieben“ statt „pressen“, denn das klingt weniger verkrampft. Sie fühlt, was die Mutter von ihr braucht: Trost, Aufmunterung, Lob, Körperkontakt oder eine klare Ansage. Es kommt auch vor, dass Frau und Mann sie in manchen Phasen gar nicht nah um sich haben müssen. Dann hält sie sich im Hintergrund.

Juri und seine Mutter aber brauchen sie jetzt. Es geht nicht so voran, wie es sollte. Das Kind ist sehr groß. Wäre es eine Hausgeburt, müsste Andrea schnell entscheiden: Krankenhaus. Kein einfacher Moment, aber sie kennt ihre Verantwortung.

Andrea Günther und ihre beiden Geschwister wurden zu Hause geboren. „Das war damals bei uns noch üblich, aber nicht mehr selbstverständlich“, erzählt sie. 1979 bis 1982 lernte sie Arzthelferin bei einem Gynäkologen in Friedberg (Hessen), ein „Urgestein“ sei das gewesen. In seiner Praxis führte er ambulante Geburten durch. Die Frauen kamen mit ihren Hebammen, Andrea durfte dabei sein. „Ich war seine rechte Hand. Er vertraute mir von Anfang an.“ Danach bewarb sie sich auf einer der wenigen Hebammenschulen in Deutschland und bekam einen Platz. Sie begann 1984 als Krankenhaus-Hebamme, begleitete dann aber auch eine erfahrene Geburtshelferin, die seit 50 Jahren Hausgeburten betreute. Als die Frau aufhörte, übergab sie der jungen Hebamme ihren Lederkoffer. Andrea Günther hat ihn immer noch. Jetzt ist er freilich mit modernen Materialien befüllt.

Geburt bedeutet: vertrauen und geschehen lassen

Ein Jahr nachdem sie nach Regensburg gezogen war, wurde ihre Tochter Lucia geboren, ebenfalls zu Hause. Ein einschneidendes Erlebnis. „Man reift als Frau und als Mensch“, sagt sie. Aber weniger als Hebamme – da habe sich eher bestätigt, was sie zuvor bereits als Geburtsbegleiterin von außen wahrgenommen habe. „Durch die Geburt wird auch die Mutter in einem geboren, genau wie der Mann zum Vater wird.“ Und danach ist alles anders.

Als Juri Stunden später gesund und auf natürlichem Weg geboren wird, wiegt er über 4000 Gramm. Der Kleine ist das letzte Kind, das in diesem Jahr mit der Hilfe von Andrea Günther zur Welt kommt. Die nächsten Geburtstermine stehen erst im Januar an. Juri ist quasi ihr Christkind.

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