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Porträt

Die Tänzerin in der Maske

Michaela Zimmermann und ihre zwei Leben unter einem Dach: Die Maskenbildnerin tanzte früher als Ballerina am Theater Regensburg.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Das ist ihr Platz: die Zwischenwelt des Theaters, in der nichts real, aber alles existenziell ist – Michaela Zimmermann steht genau an der Schwelle. Foto: Sabine Franzl
  • Früher hat Michaela Zimmermann sich selbst verwandelt, jetzt verwandelt sie andere. Foto: Sabine Franzl
  • Alte Bühnenkollegen Foto: Sabine Franzl
  • Sitzt, passt und hat (keine) Luft. Foto: Sabine Franzl
  • Zwischen drinnen und draußen Foto: Sabine Franzl
  • 40 Stunden für eine Perücke Foto: Sabine Franzl
  • Manchmal, nicht oft, holt Michaela Zimmermann die alten Fotos raus. Auf diesem hier tanzt sie (r., in Schwarz) im gleichen Raum, in dem sie jetzt als Maskenbildnerin arbeitet. Foto: Sabine Franzl

Regensburg.Hinter der Bühne ist es wie zwischen Himmel und Hölle, zwischen Oberwelt und Unterwelt, Tag und Nacht, und es ist nicht immer klar, wo das Paradies liegt: draußen, wo das Scheinwerferlicht gleißt und der Beifall lockt, oder drinnen, wo sich die schummrige Dunkelheit schützend über lampenfiebernde Sänger, Tänzer und Schauspieler legt. Michaela Zimmermann steht genau an der Schwelle, die Puderquaste und den Puder in der einen, den Pinsel in der anderen Hand, und wartet. Das ist ihr Platz: die Zwischenwelt des Theaters, in der nichts real, aber alles existenziell ist.

Immer noch das gleiche Fenster

Früher hat sie sich hier selbst verwandelt: in ein Engelchen, einen Schwan, einen Faun, in die Bolero tanzende Carmen... Jetzt verwandelt sie die anderen: den Chor in eine Horde Punker, den jungen Sänger in den alten Vater, die Glatze in einen aufgeschlitzten Schädel. Vor zehn Jahren wechselte Michaela Zimmermann (48) die Seiten: Die Ballerina wurde Maskenbildnerin. Trotzdem ist es immer noch das gleiche Fenster, aus dem sie vor der Abendvorstellung an diesem trüben Novembertag aus dem vierten Stock auf den Regensburger Arnulfsplatz hinunterschaut. Wo heute die Spiegelaufbauten der Schminkplätze den Raum teilen, glänzte einst das Parkett des Ballettraums. „Und dort, zwischen den Fenstern, war die Stange.“ Nach der Theatersanierung ist die Maske in diesen Raum gezogen, der so niedrig ist, dass sie damals dort die Hebungen gar nicht üben konnten.

Ein sonores „Halloho“ kündigt den ersten Kandidaten an. Der Solist Mario Klein wird in den nächsten 15 Minuten um Jahre altern. Michaela Zimmermann pinselt Falten in sein Gesicht, schattiert Wangen- und Stirnpartien dunkel, bürstet Grau und Weiß in die dunklen Haare. Ein Problem ist der Bart. „Wo hast Du denn den gelassen?“ „Abrasiert für eine andere Vorstellung gestern.“ Michaela Zimmermann holt Derek Halweg, den Chef der Maske. Bart aufkleben? Nein, nur dunkel auftupfen, wird schnell entschieden. Und weiter geht’s, der Tenor des nächsten Sängers dringt schon um die Ecke. Dessen graue Haare verschwinden gleich unter einer schwarzen Perücke mit aufgestellter Punkfrisur. Während er vorne den Haaransatz festhält, zieht Michaela Zimmermann das neue Kopfkleid über seinen Hinterkopf. Mit einem Pinsel tupft sie Mastix unter die Ränder der Perücke, damit sie auch sicher hält. Dieser Kleber muss nach jeder Vorstellung mühsam unter einer Dunstabzugshaube im sogenannten „Matschraum“ mit Pinsel und Aceton wieder von der Gaze entfernt werden. Frisch auffrisiert warten in den Metallregalen zahlreiche selbst geknüpfte Haarteile und Perücken auf Holz- und Kunststoffköpfen auf ihren nächsten Einsatz.

Die Maske ist wie eine Schleuse

„Entspann dich“, sagt Michaela Zimmermann, als der nächste Sänger Platz nimmt, streicht kurz über seine Schultern, sucht Blickkontakt über den Spiegel. Sie weiß, wie man sich fühlt, weniger als eine Stunde vor der Vorstellung. Manche brauchen Ruhe, andere Ablenkung, während sie in ihre Rolle schlüpfen, erst äußerlich und dann auch innerlich im fiktiven Ich ankommen. Die Maske ist wie eine Schleuse auf dem Weg vom Dasein zum Anderssein. „Ich habe diesen Übergang immer sehr genossen“, sagt Michaela Zimmermann. In ihrem Beruf steckt neben viel Handwerk – Frisieren, Haare schneiden, Perücken knüpfen, Masken formen, Schminken – und der Kreativität auch eine große Portion Psychologie. Als sie fertig ist, umarmt sie den Sänger. „Schöne Vorstellung, Thomas!“ Sie kennen sich seit gut 25 Jahren, sind oft auch gemeinsam auf der Bühne gestanden. Aber während ein Sänger in seinem Fach bleiben kann, solange die Stimme hält, tickt für Tänzer zwischen 30 und 40 die biologische Uhr.

Das Ende war für Michaela Zimmermann bitter und süß zugleich. Bitter, weil ihr Körper und ihre Seele eigentlich noch nicht bereit waren für den radikalen Cut im Leben. Süß, weil ihre Abschiedsvorstellung als Carmen die Schönste überhaupt war. Der damalige Ballettchef Winfried Schneider hatte ihr eine Choreographie auf den Leib geschrieben. In einer Schublade an ihrem Schminkplatz verwahrt Michaela die Zeitungsausschnitte. Sie blättert darin nur selten. Es tut immer noch weh. Erst hat sie noch weitertrainiert, aber dann ganz aufgehört, sich die Haare abgeschnitten, auch als Zeichen. Als sie mit der Ausbildung zur staatlich geprüften Maskenbildnerin begann, hat sie darum gebeten, nicht das Ballett schminken zu müssen.

Immer die, die nie Zeit hatte

Ballett war ja von klein auf ihr Leben. Es war der Grund, warum die Michi als Kind so viele Freundinnen verlor und als Teenie dauernd auf den wichtigen Partys fehlte. Sie war immer die, die nie Zeit hatte. Aber auch nie krank war, wenn sie eigentlich krank war, und nie müde, auch wenn ihr schon die Augen zufielen. „Es war anstrengend, aber super.“ Michaela war sieben Jahre alt, als sie im Münchner Nationaltheater „Hänsel und Gretel“ sah und sich in die Engerl verguckte. „Das möcht’ ich auch machen“, sagte sie der Mutter. Also Ballettschule in Germering, wo sie aufwuchs. Der Ballettmeister erkannte ihr Talent und meinte, Michi müsste unbedingt beim Kinderballett des Nationaltheaters vortanzen. Die Familie dachte, so ein Schmarrn, bei dieser Konkurrenz. Und dann war sie 1976 doch unter den glücklichen zehn von 300 Kindern. Ihre erste Rolle: Engelchen bei „Hänsel und Gretel“. Auch dieses Foto liegt in der Schublade. 1981 wurde sie in die Elevenklasse der Bayerischen Staatsoper unter Leitung von Constanze Vernon aufgenommen. Die Schüler mussten alle Partien, die im Haus gespielt wurden, mitlernen, um im Notfall einspringen zu können. Nach dreijähriger Ausbildung und einer Gastspieltournee durch Deutschland tanzte sie von 1985 bis 2002 in der Ballett-Compagnie des Regensburger Theaters, heiratete, bekam zwischendurch ihr erstes Kind, später, nach der Ballettzeit ihr zweites. Mit dem Intendantenwechsel nach dem Umbau dann der Abschied vom Tanz.

Grell blendet das Licht in den Bühneneingang, streift die schmale, gespannte Silhouette der Maskenbildnerin, zeichnet scharfe Schatten auf den mit Teppich gedämpften Boden. Moment noch, dann Abgang Rakewell, schnell Schweiß abtupfen, pudern. Michi Zimmermann lächelt. Auch hinter der Bühne kann man glücklich sein. Hauptsache Theaterluft.

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