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Durchlaucht und ihre Bilder

Gloria von Thurn und Taxis malt am liebsten Gesichter mit Charakternasen. Und ihre Enkelin Mafalda.
Von Angelika Sauerer, MZ

Letzte Korrekturen bevor das Beste kommt: der Hintergrund. Foto: Sabine Franzl
Letzte Korrekturen bevor das Beste kommt: der Hintergrund. Foto: Sabine Franzl

Regensburg.Hellgrau dringt der Dezember durchs hohe Fenster. Die entlaubten Bäume des Schlossparks zeichnen schwarze Verästelungen in den Himmel. Gedämpfte Geräusche – Stimmen, leise Musik vom Weihnachtsmarkt im Schlosshof – machen die Stille im Raum noch stiller. Gloria von Thurn und Taxis bindet sich eine blaue, mit Farbresten bekleckste Schürze um und dreht ihr hölzernes Nostalgieradio an. Auf einem Tisch liegen Malutensilien bereit, geordnet, „denn im Chaos kann ich nicht arbeiten“. Sie wählt Pinsel und Ölfarbe aus, lässt sich auf einen türkisen Bürostuhl plumpsen und rollt mit Schwung vor die mit Holzplatten verkleidete Wand des kleinen Zimmers. Dort heften fertige und halbfertige Bilder – Mutter Beatrix, Tochter Elisabeth, der frühere Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, Enkelin Mafalda. Das Kind braucht noch Farbe, hier und dort einen Glanzpunkt, eine Korrektur.

Das Bild im Kopf und das Bild auf dem Papier

Gloria klemmt den Pinsel zwischen die Lippen – ein Hauch verruchter Extravaganz trotz burschikoser Kurzhaarfrisur, ungeschminktem Gesicht und braver Kaschmirjacke. Mit einem Tuch wischt sie eine Kontur nach, hält inne, fragt sich, ob das Bild nun mit dem übereinstimmt, das sie in ihrem Kopf hat und das mit der Wirklichkeit nur die Züge teilt.

Jedes Porträt beginnt am PC im Büro. Hier entsteht die erste Skizze.
Jedes Porträt beginnt am PC im Büro. Hier entsteht die erste Skizze.

Man kann es eine Laune oder einen Zeitvertreib nennen, dass Gloria von Thurn und Taxis nun auch noch malt. Aber gleichzeitig ist es so, dass Bilder und Abbilder schon immer zu ihrem Leben gehören, von Kindheit an. Die Familie ihres Vaters verlor nach dem Krieg den Besitz Schönburg-Glauchau und floh aus dem Osten – im Gepäck ein Bild, „das später für uns zu einem Stück Heimat geworden ist“, erzählt sie in einem Interview.

Später sammelte sie moderne Kunst und ist, was Stil und Sujet anbelangt, gar nicht zimperlich. Eine kolorierte Plastik der Brüder Jake und Dinos Chapman bannt in der Eingangshalle zum Wohntrakt von Schloss St. Emmeram Verwesung und Verformung von Anatomien in monumentale Bronze: ein Porträt des Vergehens. Auf der Treppe meint man, die Zersetzung riechen zu müssen. Weiter oben über der Apokalypse hängt ein großes Porträtfoto einer stillen, ernsten Gloria von Thurn und Taxis, aufgenommen vom deutschen Fotokünstler Thomas Ruff – das Abbild eines androgynen, zeitlosen Gesichts, das nichts verbirgt und doch nichts verrät.

Abziehbilder eines fürstlichen Lebens

Im Aufbruch: Hab ich alles?
Im Aufbruch: Hab ich alles?

Die allermeisten Bilder machen sich ja andere von ihr, von ihrem Leben, ihrer Familie, ihren wilden Eskapaden und frommen Ansichten: das Partymädchen aus mittellosem Hochadel, die Märchenprinzessin an der Seite des Regensburger Jet-Set-Fürsten, die Punk-Fürstin, die trauernde Witwe, die alleinerziehende Mutter, die kühle Managerin, die lebenslustige Römerin, die gläubige Katholikin – Abziehbilder eines fürstlichen Lebens, sortiert in unterschiedliche Schubladen. Da stimmen oft nicht mal die groben Züge mit der Realität überein. Dennoch begegnet Durchlaucht der Welt mit strahlenden Augen, ob sie den Weihnachtsmarkt eröffnet, mit Budenbesitzern redet oder die Schlossfestspiele besucht.

Fertig. Gloria von Thurn und Taxis legt Pinsel und Tuch weg. „Ich könnte das jetzt schon noch weiter ausführen, aber das tut dem Bild nicht gut.“ Zwischen den Zeilen lesen, zwischen den Pinselstrichen sehen – geht nur, wenn noch Raum ist. Glorias Porträts sind flächig, frontal, kontrastreich und auf naive Weise sparsam an Details, die Augen vergrößert, die Züge leicht verschoben. „Und jetzt kommt die Belohnung: Ich liebe Hintergrund malen!“ In einem Aluschälchen mischt sie Farbe. Unter satten, breiten Pinselstrichen weicht das Weiß des Untergrunds einem kräftig leuchtenden Rot.

Jeff Koons gab Porträts seiner ganzen Familie in Auftrag

Gemalt habe sie eigentlich schon immer, erzählt sie: als Kind, später mit den Kindern, den Neffen und Nichten. Und immer wieder stand die Mutter, Gräfin Beatrix, Modell – „kriminell, jemanden zu malen, den man so gut kennt“. Da muss dann nicht nur das Gesicht aufs Bild, sondern der ganze Charakter, was eigentlich unmöglich ist. „Aber die meinten alle, ich werde immer besser. Stell doch mal aus!“ Ihre Freundin Alessandra Borghese organisierte 2013 in Rom eine Ausstellung mit Porträts geistlicher Würdenträger. Weitere folgten unter anderem in New York, Berlin und Paris.

„Jeff Koons kaufte Bilder und gab mir den Auftrag, seine ganze Familie zu porträtieren – ihn, seine Frau, alle seine Kinder. Er bestärkte mich sehr.“

Gloria von Thurn und Taxis

Der Künstler Jeff Koons gehörte zu den Gästen der Vernissage. „Er kaufte Bilder und gab mir den Auftrag, seine ganze Familie zu porträtieren – ihn, seine Frau, alle seine Kinder. Er bestärkte mich sehr.“ Seither zweifle sie nicht mehr so an sich. Sie sagt, sie weiß, was sie kann und was sie nicht kann. Altmeisterliche Porträts werde sie sich nicht vornehmen – „Schuster, bleib’ bei deinen Leisten“. Aber ansonsten gehört das Malen von Gesichtern jetzt zu ihrem Tagesplan. Charaktervolle Nasen haben es ihr dabei besonders angetan.

Auf der Treppe begegnet sie sich selbst im Porträt von Ruff (links oben).
Auf der Treppe begegnet sie sich selbst im Porträt von Ruff (links oben).

Ein Werktag im vorweihnachtlichen Regensburg: Aufstehen um acht, Cappuccino, Zeitung lesen, Mails checken. Zehn Minuten Gymnastik für Rücken und Bauch. Um zehn Uhr Heilige Messe in St. Joseph am Alten Kornmarkt. Um elf Uhr kommt dann die Post. Manchmal gibt es Termine, wenn nicht: genug Arbeit im Büro bis zum Abend. „Da sitz’ ich dann über meinen Zahlen. Aber das sieht keiner.“

„Ich weiß, das ist untypisch, aber so mach’ ich’s halt.“

Gloria von Thurn und Taxis über ihren Zeichenstil

Was man schon sieht: Das Arbeitszimmer ist ihr Wohnzimmer und umgekehrt. Ein mit Holz getäfeltes Refugium mit Ausblicken auf den Schlosspark, einem großen Schreibtisch im Erker und einem tiefen Sofa an der Wand. Der Grad der Ordnung all der persönlichen Gegenstände, Kunstobjekte, Zeitungen, Bücher, Erinnerungsstücke ist optimal: mehr wäre ungemütlich, weniger unübersichtlich.

Beten und Ruhe finden
Beten und Ruhe finden

In besonders ruhigen Momenten, manchmal noch am Vormittag, meist am frühen Abend, zieht sie sich zum Malen zurück. Im Büro am PC beginnt jedes Porträt. Sie sucht in ihren Foto-Dateien eine Vorlage und zeichnet mit hautfarbenem Kreidestift die Umrisse. Sie beginnt mit der Kopfform, nicht mit den Augen. „Ich weiß, das ist untypisch, aber so mach’ ich’s halt.“ Gloria, die Autodidaktin: „Alles, was ich kann und weiß, habe ich nicht in der Schule gelernt“, sagt sie. „Ich bin ja nur zehn Jahre hingegangen.“ Für Allgemeinbildung habe ihr Mann, Fürst Johannes von Thurn und Taxis, entweder selbst gesorgt oder Lehrer für sie engagiert. Ein ebenso unkonventioneller wie effektiver Crashkurs in Management half ihr kurz vor und nach dem Tod des Fürsten 1990, das Unternehmen T&T zu konsolidieren.

„Jemand muss die Tradition aufrechterhalten“

Natürlich hat sie keinen Malkurs belegt. Sie schaute ihrer New Yorker Freundin Ena Swansea in deren Atelier über die Schulter. Und sie marschierte in Regensburg zu Farben Eckert am Kohlenmarkt, ließ sich beraten und kaufte ein: Ölfarben, Acryl, Kreiden, Aquarell, Pinsel... Gloria radiert, korrigiert – passt. „Mir reicht die Ähnlichkeit.“ Es wird wieder Mafalda, die Enkelin. An Weihnachten kommt die ganze Familie nach Regensburg, das ist ihr wichtig. „Jemand muss die Tradition aufrechterhalten. Jetzt bin das ich, einmal wird es der Albert sein.“

Sehen Sie hier ein Video zum Thema:

Fürstin Gloria und die Skizze eines Tages

Sie rollt die Skizze, packt im Atelier das Aquarellset („damit bin ich mobil“), holt im Büro die Thermosflasche, die sie überallhin begleitet, ruft: „Bitte Türen schließen.“ Aus einem ungeheizten Saal holt sie Bilder, die gerahmt werden müssen. Es geht durch einen langen Flur zurück zur Halle. Dort wartet Maria, Haushälterin wie aus dem Bilderbuch. Der Umgang ist freundlich, auf Augenhöhe. Man sieht Maria an, dass der Hackbraten, den sie für Gloria und die Mutter zum Abendessen vorgekocht hat, wunderbar sein wird. „Da wird sich die Mutti freuen.“ Pepita-Hut? Pepita-Hut! Auch der Mantel ist Pepita – ein Bild wie gemalt.

Vor der Tür im Innenhof wartet der dunkle Audi, geputzt und gerüstet für die Fahrt nach München. Sofort bildet sich eine Traube Weihnachtsmarktbesucher um Gloria von Thurn und Taxis, alle zücken ihre Handys. Routiniert und trotzdem mit Spaß posiert sie, ruft den Schweizern „Gruezi mitanand’“ und „Auf Wiederluaga“ zu, lacht ein kehliges Gloria-Lachen und rollt langsam zwischen Buden und Menschen hindurch zur Ausfahrt auf der anderen Seite. „Ach, das ist mir jetzt unangenehm, da mittendurch zu fahren. Ich kann doch die paar Meter gehen.“ Sie winkt, lacht, draußen blitzen die Kameras. Und wieder gibt es ganz viele, neue Bilder.

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