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„Hey Baby“ oder was Gscheids

Für die Wiesn nimmt sich Toni Schmid eine Auszeit. Wenn er dort mit den Wolfsegger Buam auftritt, tanzen die Leute auf den Bänken.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Manche Fans dürfen mit auf die Bühne – aber nur für ein Lied.
  • Warm eingepackt geht es heim.
  • Zu Hause im Übungsraum

Dort, wo das Herz des Bierzelts schlägt, packt Toni Schmid aus Aufhausen am Spätnachmittag erst sein Saxofon aus, wischt es mit einem weichen Lappen ab, baut es zusammen, dann kommt die Klarinette dran. Das diffuse Licht von zwei Neonröhren dringt nicht ganz bis in die Ecken des Raums, wo sich zahlreiche Instrumentenkoffer stapeln und die Hirschlederne am Haken baumelt. Toni zieht die Jeans aus und die Lederhose an. Vorne hat sie sich in tiefe Querfalten gelegt und hinten hat sie die schwarze Farbe verloren, während sie in mehr als zehn Jahren zu seiner zweiten Haut wurde. Sie begleitete ihn auf Oktober- und Bierfeste überall auf der Welt, nach Australien, Japan, Polen, Russland, Italien, Afrika. Mit ihr war er im Bayerischen Fernsehen und im ZDF und jetzt trägt er sie auf dem Münchner Oktoberfest, das von seinem Ursprung an die bayerische Identität feiert und sie gleichzeitig in die Welt hinausträgt.

Der Rhythmus der Masse

Toni Schmid füllt seinen Bierkrug mit Mineralwasser und beißt in seine Wurstsemmel. Gedämpft dringt die Musik durch die Planken der Holzdecke. Oben wummert die Basstrommel, pocht ihren Rhythmus durch den Puls der achttausend Menschen im Armbrustschützenzelt und formt ein Meer aus hochgereckten Armen und schwappenden Bierkrügen. Und auch in der Kabine direkt unter der Bühne gibt „Hey Baby“ den Takt vor, Toni Schmid klopft ihn mit einem Kronkorken zwischen den Fingern mit.

In einer Stunde wird er da oben den Ton angeben und zusammen mit Edi Forstner, Aloys Gsenger, Franz Allgäuer, Hubert Wein und Andreas Schießl der Menge einheizen. „A bissl was Bayerisches vorneweg. Aber dann machen wir Stimmungsmusik.“ Toni zählt auf: Rock-Mix, Joanna, Fliegerlied, Fürstenfeld, Mammamia, Summer of ’69 und so weiter. Auf den ersten Blick hat das alles mit bayerischer Identität so wenig zu tun wie das Oktoberfest in Angola mit der Münchner Wiesn. Auf den zweiten Blick aber ist es sehr viel: Das Weltläufige des Bayerischen, garniert mit Tracht, präsentiert mit Stolz und geschmiert vom Bier bildet das Gegengewicht zum Ursprünglichen. Das eine wird laut gefeiert, das andere leise gepflegt. „Man muss da als Musiker schon einen Spagat machen“, erklärt Toni Schmid. Manchmal tät er vielleicht schon gern „was Gscheids“ spielen. Aber noch lieber ist es ihm, wenn die Leut’ auf den Bänken tanzen.

Alles anders wie sonst

Seit sechs Jahren spielen die Wolfsegger Buam – so heißt die Oktoberfestbesetzung unter der Regie von Edi Forstner – täglich auf der Münchner Wiesn, seit drei Jahren ist Toni dabei. An diesen 16 Tagen ist alles anders wie sonst. Denn sonst steht der 51-jährige Berufsmusiker und Familienvater sehr früh auf und fährt Schulbus – ein Nebenjob. Dann wartet die Büroarbeit, im Winter ein bisschen Waldarbeit (die Felder hat der gelernte Landwirt verpachtet). Unter der Woche gibt es Proben, zwischendurch Beerdigungen – „Die kann man nicht planen“ – und am Wochenende Auftritte.

Während der Wiesn aber wohnt er im Wohnwagen auf einem Stellplatz in Ismaning nördlich von München. Es ist wie eine Auszeit: Er schläft lang, frühstückt gemütlich, manchmal geht er schwimmen, manchmal Radfahren – Kraft tanken für drei Stunden Vollgas am Abend. Mit S- und U-Bahn fährt er zur Theresienwiese. Der Auftritt beginnt um halb sieben; zwei Stunden vorher ist er da. Vorm Mitarbeitereingang machen auf Bänken entlang der Wand Bedienungen, Köche, Musiker und Schankkellner Pause. Viktoria aus Furth im Wald sitzt auch dabei, sie erzählt dem Toni, dass sie morgen ihren 65. Geburtstag hat und für 20 Jahre Dienstzeit auf der Wiesn geehrt wird. Dann muss sie wieder los. Auch Toni schaut auf seine Uhr. Ein bisschen Zeit hat er noch. Er stellt sich gegenüber in die Sonne zum Aufwärmen und wartet auf die Kollegen.

Toni Schmid leitet mehrere Formationen mit unterschiedlichen Besetzungen, vom Duo bis zum großen Flaggschiff „Bayernkapelle Toni Schmid“. Seit 200 Jahren wird das Musikerhandwerk in der Familie von Generation zu Generation vererbt – genau wie die kräftigen Augenbrauen, die linke ein wenig hochgezogen, und das markante Gesicht. Zum Jubiläum gab es heuer ein großes Fest, sogar der Ministerpräsident schickte der Kapelle ein Grußwort nach Aufhausen. Auch die beiden Söhne – Florian (bald 18, Flügelhorn) und Andreas (bald 17, Tenorhorn) – stehen in den Startlöchern; Tochter Teresa (8) lernt Keyboard.

„Musikant und Landwirt“, lautet beim Vater, beim Großvater und beim Urgroßvater der Beruf im Stammbaum; beim Vater, der ebenfalls Toni hieß (1928-2004), außerdem Bürgermeister, und bei Toni Schmid Kreisrat. Doch die Musik steht bei allen an erster Stelle. Da hatte auch der Fußball schlechte Karten. „Als Bub hätt’ ich schon Lust und Talent gehabt. Aber dann hat mich der Vater eigenhändig vom Platz geholt“, erzählt Toni. „Fußball und Musik vertragen sich nicht“, erklärte Toni Schmid senior seinem Buben und der sieht das mittlerweile auch so. Viel zu leicht könnte man sich verletzen, erkälten – und wie erklärt man das dann dem Wirt, dem Brautpaar oder der Trauergemeinde, die einen gebucht haben?

Toni Schmid hat den Fußball sein lassen, ist nie Ski gefahren, kommt pro Jahr vielleicht auf fünf Wochenenden ohne Termin und hat immer auf seine Finger aufgepasst. Bei der Musik hört der Spaß also auf – damit er überhaupt erst anfangen kann. „Du musst ihr alles unterordnen. Aber dann ist die Musik ein wunderbarer Beruf“, schwärmt er, eine Mischung aus Routine und Unvorhergesehenem, ein Dialog mit dem Publikum. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt Toni. Er gibt sein Bestes und Tausende schenken ihm dafür ihre Begeisterung.

„Oans, zwoa, drei, gsuffa!“

Die Tür geht auf, und mit einem Schwall Lärm und Bierzeltdunst stapft die Platzl Oktoberfestkapelle herein. Fliegender Wechsel: Jetzt sind die Wolfsegger Buam dran. Und aus dem ruhigen, bedächtigen Toni wird mit einem Schlag ein Stimmungsprofi, der ein ganzes Bierzelt nach seiner Pfeife tanzen lässt, den die Mädchen anschmachten, wenn sie sich ein Lied wünschen, und dem alle zuprosten, wenn er „oans, zwoa, drei, gsuffa“ ruft. Dass es trotzdem ein harter Job ist, merkt man ihm erst an, als er sich nachher in der Kabine mit dem karierten Handtuch den Schweiß abwischt. Er zieht die Hirschlederne aus und hängt sie an den Haken. Bis morgen.

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