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Lilo und die Energie der Hüte

Unter einem Hut kann man sich zeigen oder verbergen. Und man geht damit viel aufrechter, findet Lilo Kincaid aus Regensburg.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • „Wer einen Kopfputz trägt, muss sich ins Gesicht schauen können“, sagt Lilo Kincaid. Das hat weniger mit Schönheit als mit innerer Stärke zu tun. „Du musst wissen, wer du bist.“ Foto: Sabine Franzl
  • Lilo Kincaids Wendemützen wärmen nicht nur, sie können auch Stimmungen spiegeln. Hier näht sie gerade die beiden Lagen zusammen. Foto: Sabine Franzl
  • Lilo Kincaid ist Immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Stoffen. Foto: Sabine Franzl
  • Hutbänder legen sich unter Lilos Fingern in weiche Schleifen. Foto: Sabine Franzl
  • Ein Hut ist wie ein Rahmen fürs Gesicht. Ein Stirnband irgendwie auch. Foto: Sabine Franzl
  • Unter einem Hut kann man verschwinden oder auffallen – je nachdem, wie man ihn aufsetzt. Lilo Kincaid zeigt, wie’s geht. Foto: Sabine Franzl

Regensburg.Das mit den Hüten ist ein großes Thema, viel größer, als man vielleicht auf den ersten Blick vermutet. Die Kopfbedeckung schützt vor Sonne, Regen, Kälte – das ist praktisch, aber noch lang nicht alles. Lilo Kincaid pflückt eine ihrer Hutmützen vom Ständer, wendet die gedeckten Farben nach außen, zieht die Mütze über ihren dunklen Bubikopf und den Schirm tief in die Stirn. „Siehst du, so kannst du verschwinden.“ Dann dreht sie das bunte Muster nach außen, den Schirm zur Seite und kokettiert mit dem Spiegelbild: eindeutig was für freche Tage. Es ist kein Zufall, dass die 47-jährige Regensburgerin unter anderem genau solche Hüte erfindet. Die hat sie sich auf den Kopf und die Persönlichkeit geschneidert.

Handwerk ist die Basis, auf der die Kreativität blüht

Gegensätze sind Lilos Triebfeder und die Hüte ihr Lebensthema. Da ist einerseits das Handwerk. Lilo lernte ein Jahr lang bei Laborn-Modelle wie man Cocktailkleider näht und zum Beispiel sieben Meter lange Säume von Hand staffiert – „das hilft mir heute noch“. Danach absolvierte sie von 1988 bis 1991 die Ausbildung zur Modistin bei Irmtraud Schmidt in der Tändlergasse und blieb als Gesellin dort. 2002 machte sie sich selbstständig, erst in München, dann wieder in Regensburg. Im Januar hat sie ihren schmucken neuen Laden in der Stadtamhofer Hauptstraße bezogen: ein „Glücksfall“.

„Putzmacherin“ nannte man ihren Beruf früher, und das sagt eigentlich viel mehr aus als Hutmacher. Das Gegengewicht zum Handwerk bildet die Kreativität. „Ich beziehe mich in meiner Arbeit zwar immer auf klassische Formen und Traditionen. Aber ich mache etwas Eigenes draus.“ Hutbänder legen sich unter ihren Fingern in weiche Schleifen, wo andere sie fest und steif fixieren würden, „planieren“ nennt Lilo das. Ihre Rosetten dagegen entfalten ein blühendes Eigenleben. Und die Kniffe im Filzkorpus, die üblicherweise symmetrisch verlaufen, setzt sie gern leicht schräg unter die Hutkrone – eine Eigenart, die erst auf den zweiten oder dritten Blick auffällt und dann aber haften bleibt als kleine, feine Extravaganz.

In all ihren Modellen flirtet das Zauberhafte mit dem Bodenständigen. Und so ist ja auch ihr Wesen. Lilo kam in den USA auf die Welt, als Tochter einer Bambergerin und eines irischstämmigen GIs. Beide Lebenslinien muss sie unter einen Hut bringen, zum einen diese grundsätzliche Lockerheit, diese Lust auf Neues, ohne Ängstlichkeit, den „Freak“ in ihr, wie sie sagt. Und zum anderen ihr Sicherheitsbedürfnis, das sie in Regensburg Wurzeln schlagen ließ. Als sie drei Jahre alt ist, kehren Mutter und Kind nach Deutschland zurück. Lilo wächst am Regensburger Stadtrand auf. „Ich war als typisches Vorstadtkind viel draußen.“ Dann aber versinkt sie wieder stundenlang in ihren Büchern.

In der Pubertät beginnt die Hutleidenschaft. Es sind die 80er, Boy George singt „Karma Chameleon“, trägt Schminke im Gesicht und die Melone in den Nacken geschoben. Lilo, die eigentlich Michelle heißt, näht sich geschlitzte Kleider aus Bettlaken und Vorhangstoffen, so eng, dass sie kaum die Treppe in der Disco „Scala“ bewältigt. Und auf dem Kopf trägt sie den Hut wie der Sänger von Culture Club.

„Mit einem Hut bewegst du dich anders“, sagt sie. Man geht aufrechter, körperbewusster, es ist, als ob einen der Kopfputz strafft. Lilo Kincaid kann diese Verwandlung täglich beobachten, wenn Kundinnen in ihrem Laden Modelle probieren. Dabei sind es ohnehin eher die selbstbewussten Frauen, die zu ihr kommen. „Wer einen Hut trägt, muss sich ins Gesicht schauen können“, sagt Lilo Kincaid. Das hat weniger mit Schönheit als mit innerer Stärke zu tun. Ein Damenhut ist wie ein Rahmen, den man um sein Gesicht – und wenn man so will: um sein Ich – legt. „Du musst wissen, wer du bist, um den richtigen für dich zu finden“, sagt die Hutmacherin. Freiheitsliebende Typen zum Beispiel brauchen eine Kopfbedeckung, die sich öffnet, erklärt sie, „die dem Gesicht viel Raum gibt“. Wer gut behütet sein will, wählt ein anderes, ein geschlosseneres Modell. Aber wer einmal auf den Hut gekommen ist, bleibt dabei.

Lilos Hüte sind Unikate mit Eigenleben

Zu vielen Kundinnen pflegt Lilo Kincaid denn auch ein beinahe inniges Verhältnis. Sie kennen die Sammelleidenschaft der Modistin, bringen ihr Nippes aus den 60ern, eine alte Nähmaschine, einen Schwung bemalter Hutständer aus einer Geschäftsauflösung, Borten, Stoffe... Zusammen mit den Dingen, die sie selbst aus allen möglichen Quellen auftut – von geblümten Wachstuchtischdecken aus San Francisco, aus denen sie Regenhüte fertigt, bis hin zu den pastellfarbenen Strickbündchen, die zu Hutbändern mutieren, ist das ihr großer Schatz: quasi der Hut, aus dem sie Ideen zaubert. „Ich bin glückselig über diesen Bestand“, sagt sie. „Die Spielereien sind meine Energiezufuhr.“ Und sie geben jedem ihrer Unikate eine eigene Geschichte. Lilo blättert in ihrem schwarzen Notizbuch. Manchmal dauert es Jahre, bis sie eine der Skizzen darin umsetzt. Und dann geht es auch wieder ganz schnell, wie bei dem filigranen Fascinator – so heißt ein Kopfputz zum in die Haare stecken – den sie auf Bestellung angefertigt hat: eine Mücke für die Insektenforscherin.

Lilo Kincaid geht jetzt nach hinten in den Lagerraum zu ihrer Overlockmaschine. Sie meint, das ist heute die richtige Arbeit für ihre Stimmung. Eingekettelte Stoffblüten, Hutbänder, Borten sind ihr Markenzeichen. Sie schaut sich um und lacht. „Eigentlich müsste ich hier aufräumen.“ Egal. Dann beginnt die Maschine zu surren.

Portrait Lilo Kincaid

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