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Dienstag, 21. August 2018 29° 3

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Mit der Wolle verwoben

Jürgen Roth aus Tirschenreuth ist einer der letzten Wollhändler Deutschlands. Er ist Jäger und Sammler – nicht nur von Wolle.
Von Angelika Sauerer, MZ

Tirschenreuth.Es ist der Stoff, aus dem die Oma Socken strickt, Chanel Kostüme näht und Joseph Beuys Kunstwerke fertigte: ein Material, an dem sich die Menschheit seit Jahrtausenden wärmt. Der Wollhändler zieht ein Büschel aus einem großen, brusthohen Sack, streift die feinen Härchen zwischen den Fingern glatt, spannt sie leicht und hält den kleinen Strang ans Ohr des Schäfers. „Gesunde Wolle singt“, sagt Jürgen Roth und zupft daran wie an einer Gitarrensaite. Und tatsächlich fabriziert die Wolle von Rainer Blümelhubers niederbayerischen Merinoschafen einen leisen, aber hörbaren Ton, und in diesem eigentlich nebensächlichen Detail schwingt die ganze Freude eines der letzten deutschen Wollhändler an seinem Produkt mit. Wahrscheinlich gibt es in ganz Bayern und Thüringen – das sind die Gebiete, in denen der 70-jährige Tirschenreuther zum Einkauf von Wolle unterwegs ist – niemanden, der mehr über das Haarkleid von Schafen weiß als er. Das Leben von Jürgen Roth ist quasi mit der Wolle verwoben.

Auch Rainer Blümelhuber hört erstaunt zum ersten Mal die Wolle singen, und das will was heißen, schließlich ist er Besitzer einer Herde mit rund 700 Mutterschafen, kann eigenhändig über 150 Tiere pro Tag scheren und ist damit mehrfacher Deutscher Meister. Sack um Sack wuchtet der drahtige Bauer aus Moosham bei Eggenfelden vom Boden der Scheune herunter, Jürgen Roths Helfer hieven sie auf eine transportable, digitale Waage und verladen sie danach in einen Lastwagen. Sabine Spitzl, die Tochter des Wollhändlers, notiert das Gewicht: Rund 100 Kilo wiegt ein Sack, darin die Wolle von etwa 28 Schafen. Jürgen Roth prüft die Qualität und vermerkt sie, lässig die Zigarette zwischen den Lippen balancierend, mit einem dicken Filzer auf den Säcken: die „1“ für Merino und die „13“ für Mischwolle vom Schwarzkopf- oder Bergschaf. Nebenbei tauscht er sich mit Herrn Blümelhuber senior über Hütehunde und Schafe aus, scherzt mit dem Enkel, überlegt, wie lange er die Familie bereits kennt: 20 oder doch schon 25 Jahre? Jedenfalls lange. Kontinuität ist das eine seiner Erfolgsrezepte.

Früher gab es 120 Händler, jetzt nur mehr fünf

In den 70er Jahren, als Jürgen Roth ins Geschäft seines Vaters einstieg, gab es noch um die 120 selbstständige Wollhandelsfirmen in Deutschland. Jürgen lernte in den wichtigsten Zentren der Branche das Metier: in Bremen, dem zentralen Umschlagsplatz in Deutschland, und im englischen Bradford. In Belgien arbeitete er ein Jahr lang in einer Wollwäscherei und lernte dabei auch Französisch. Mit Roth junior streckte der kleine Wollhandelsbetrieb aus der nördlichen Oberpfalz die Fühler in die ganze Welt aus: nach Neuseeland, Australien, Südamerika, Asien. Dann begann der Niedergang der Textilindustrie in Deutschland und Europa. Die Kunden brachen weg, der Wollhandel schrumpfte auf ein Minimum, aber Jürgen Roth blieb. Er hatte frühzeitig Kontakte in den Osten geknüpft. Die Abnehmer seiner Wolle fertigen in Polen und Tschechien Wolldecken und Teppiche, in Österreich Loden, in Italien Wollstoffe. Er hatte einfach den richtigen Riecher.

Apropos Riecher. Mit beiden Händen fasst Jürgen Roth in einen Sack und taucht seine Nase in die wollige Wolke, die unverkennbar nach Schaf ausdünstet. „Riecht gut“, meint er. Auf der Autofahrt – „Ich fahr flott, Achtung“ – zur nächsten Herde sagt er, dass er die Schäfer schon versteht, wenn sie nicht von den Schafen lassen können. Ein paar Schäflein behalten die immer noch bei sich, auch wenn manche die Schafzucht aufgeben, weil es immer schwieriger wird, günstige Weideflächen zu finden, Fleisch und die Wolle angemessen zu vermarkten. Im Grunde genommen geht es ihm ja genau so: Er mag Schafe einfach.

Der Vater hat ihn schon als Kind in sein Metier verstrickt

Eine Sympathie, die über die Jahrzehnte gewachsen ist, denn groß gefragt wurde er nicht, ob ihm der Wollhandel gefällt. Sein Vater hat schon vor dem Krieg in Reichenbach im Vogtland mit einem Partner begonnen, unter anderem die Tuchfabrik Mehler in Tirschenreuth mit Wolle zu beliefern. Nach dem Krieg siedelte Herbert Roth nach Bayern um, bekam Starthilfe von Mehler und machte sich schließlich 1947 mit dem Wollhandel selbstständig. Von frühester Kindheit an begleitete Jürgen den Vater. Er wurde quasi ins Metier verstrickt.

Es ist ein Geschäft, das – so wie Jürgen Roth es noch betreibt – den ganz großen Bogen spannt zwischen Welthandel einerseits und lokalen Sammelstellen für kleine Lieferanten andererseits. Sein erster Blick gilt jeden Morgen den Börsennachrichten und der Frage: Zu welchem Preis wird die Wolle heute gehandelt? Das ist die Grundlage, auf der Roth mit Schafzüchtern und Textilfabrikanten verhandelt und mit Spinnereien und Webereien, mit Herstellern von Teppichen und Steppdecken, mit Lohnwäschereien, die seine Wolle reinigen und kämmen. Ein warmer Winter wirkt sich ebenso negativ aufs Geschäft aus wie erkaltete Handelsbeziehungen zu Russland. Das macht die Sache unberechenbar. Und spannend.

Fast wie die Suche nach Franz Reichert und seiner Herde, die irgendwo bei Niederalteich grasen soll. Unerschrocken steuert Roth seinen geländegängigen Wagen enge Feldwege entlang, setzt rückwärts hundert Meter weit haarscharf am Rande einer Böschung zurück, dreht auf engstem Raum um und sichtet endlich den Schäfer gegenüber am Ufer eines Flutgrabens. Die Tiere sind noch nicht geschert. Franz Reichert fängt ein Merinoschaf ein und Jürgen Roth teilt das Fell am Rücken. Außen wirkt es schmutzig grau, innen zart und wollweiß. Die wie mit einer winzigen Brennschere plissierten, sieben bis acht Zentimeter langen, leicht elastischen Härchen fühlen sich zart und weich an. Roth ist zufrieden. Deutsche Merinowolle bewegt sich im Feinheitsbereich von 28 bis 30 Micron, erklärt er. Neuseeländische Schafe liefern zwar feinere und weißere Qualitäten, aber deren Preis schwankt stärker. Die Wolle des robusten Schwarzkopfschafs wirkt im Vergleich zum Merino grob und kraus. Glatt, starr, fast strohig erscheint daneben die Wolle des Bergschafs. „Daraus kann man eigentlich nur Füllungen herstellen“, sagt Jürgen Roth. Merinos und Schwarzköpfe schert man einmal im Jahr, Bergschafe zweimal, sonst verfilzt ihre Wolle und wird unbrauchbar.

Der Weg der Wolle vom Schaf zur Textilfabrik

Die nächste Anlaufstelle an diesem Tag ist Seebach bei Deggendorf. Dort hat Jürgen Roth für die Zeit des Wolleinkaufs ein überdachtes Lager angemietet und eine Presse aufgestellt. Seit 35 Jahren macht er jährlich im Juni bis Mitte Juli hier Station, wohnt unter der Woche im benachbarten Wirtshaus und klappert tagsüber die größeren Schafhalter in ganz Bayern ab. Für kleine Anlieferungen werden Wollsammelstellen eingerichtet. 13 Säcke mit gepresster Wolle liegen schon in Reih und Glied, jeder davon mit einem Gewicht von 300 Kilo. Am Ende werden sich einige Hundert bis zur Decke der offenen Halle stapeln. Sie gehen von dort in eine der Lohnwäschereien, mit denen Roth zusammenarbeitet, werden je nach Qualität und Kundenwunsch gekämmt oder auch nicht und dann meist direkt an den Käufer ausgeliefert. Nach dem Waschen, wobei der Schmutz entfernt und das Wollfett zum Großteil entzogen wird, wiegt die Wolle nur mehr knapp halb so viel. Roth erhält eine Probe, die er in Tirschenreuth in seinen Musterkörben verwahrt. Ein Exposé hält haargenau die Qualität fest: die Art, die Anzahl der schwarzen Fasern, die Farbe, die Feinheit usw.. Etwa ein Drittel seines Geschäfts macht der Handel mit hiesiger, deutscher Wolle aus. Da hat er einen Namen. „Wenn es um deutsche Wolle geht, denkt die Industrie gleich an uns“, sagt Jürgen Roth.

Auf der Fahrt zum nächsten Schäfer hört er Bayern 1 und würde, wäre er allein im Auto wie sonst, genüsslich eine Zigarette rauchen. Er macht einen Abstecher auf einen Bauernhof, wo er erntefrisches Gemüse einkauft. Er hält an einem Feld, an dem es die allerbesten Erdbeeren weit und breit gibt. „Wissen Sie“, sagt er, „ich bin ein Jäger und Sammler.“ Das ist sein zweites Erfolgsrezept – im Wollhandel und auch sonst im Leben.

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