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Sie kam wie die Jungfrau zu den Kindern

Anita Häusler ist SOS-Kinderdorfmutter. Die Oberpfälzerin sagt, das ist kein Beruf, sondern eine Lebensentscheidung.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • SOS-Kinderdorfmutter Anita Häusler bringt die Kinder ins Bett, jedes einzeln, mit ganz fest Drücken und Gute-Nacht-Kuss. Foto: Sabine Franzl
  • Die Küche ist das Herz des Hauses und Anita Häusler das Herz der Familie. Foto: Sabine Franzl
  • Eigentlich braucht Finja kaum Hilfe bei den Aufgaben. Aber die Nähe tut trotzdem gut. Foto: Sabine Franzl
  • Herumtollen bei jedem Wetter Foto: Sabine Franzl
  • Lesestunde: An diesem Abend gibt es die Geschichte vom traurigen Elefanten Benno und wie er wieder fröhlich wurde. Foto: Sabine Franzl
  • Kerzenlicht vertreibt Trübsinn. Foto: Sabine Franzl

Immenreuth.Morgens um sechs klingelt der Wecker, aber die Mutter schläft nicht mehr, sie ist schon wachgestrampelt von ihrem ersten Gast. Finja (7) kommt fast immer irgendwann in der Nacht. Nachschauen, ob diese Mama noch da ist. Dann kuschelt sie sich an sie und alles ist gut. Für den Augenblick.

Anita Häusler sagt: „So sind sie, meine Kinder.“ Finja, ihre beiden leiblichen Schwestern Saskia (5) und Sarina (9) sowie das Geschwisterpaar Marta (9) und Erik (11). Sie kommen aus einer unheilen Welt, in der Mamas und Papas manchmal einfach so verschwinden. Für Stunden, über Nacht, für Tage, Wochen, für immer. Man muss selber schauen, wo man bleibt, lernen die Kinder früh. Alles essen, was zu kriegen ist. Alle liebhaben, die ein bisschen nett sind. Und dabei keinem trauen, um nicht enttäuscht zu werden. Finja und Saskia sagen „Mama“ zu Anita Häusler (55), Sarina und Marta häufig auch, aber Erik, der einzige Junge im Haus, nie. „Wie die Jungfrau zum Kind“ sei sie zu den Kindern gekommen. Die Kinderdorfmutter lächelt schelmisch, das kann sie gut, von da kommen die feinen Fältchen um die Augen.

Wer aus der heilen Welt kommt, weiß, was den Kindern fehlt

In Kaltenbrunn, das liegt zwischen Freihung und Grafenwöhr, ist sie aufgewachsen. Da gab es fast so viele Kinder wie in einem Kinderdorf. Drei Geschwister, drei Cousins und Pflegekinder lebten in der Familie. Eine sehr heile Welt und eine glückliche Kindheit – Anita Häusler weiß genau, was ihren jetzigen Kindern fehlt. Sie machte eine Ausbildung als Erzieherin, heiratete in einen Bauernhof ein, zog zwei Buben auf, die mittlerweile erwachsen sind, sang im Kirchenchor und arbeitete mehr als 30 Jahre in einem Kindergarten in Grafenwöhr. Nach dem frühen Tod ihres Mannes wechselte sie ins SOS-Kinderdorf Oberpfalz in Immenreuth bei Kemnath. Sie begann als angestellte Erzieherin zunächst in der Wohngruppe „Regenbogenhaus“, dann in einer der zehn Familien.

Langsam wuchs sie in die Mutterrolle hinein. Und als ihre Vorgängerin krank wurde, übernahm sie deren Posten. Das war vor gut einem Jahr. Sie bezog das sonnige Eckzimmer mit Bad im ersten Stock am Ende des Flurs, von dem die Kinderzimmer rechts und links abzweigen. Wenn sie „daheim“ sagt, meinte sie nun an den meisten Tagen im Jahr ihr Haus im Kinderdorf. Sie hatte seither nie mehr das Gefühl, in die Arbeit zu gehen.

Dabei arbeitet sie eigentlich rund um die Uhr. Sie macht Frühstück, bringt die Kinder in die Schule und in den Kindergarten, fährt zum Einkaufen, kocht. Heute gibt es Huhn, Gemüse, Kartoffelbrei und Salat. Große Schüsseln stehen auf dem Tisch, denn „unsere Kinder sind gute Esser“. Danach Abwasch und Hausaufgaben. Nach Plätzchen und Tee geht’s hinaus zum Spielen, Marta und Sarina werden zum Voltigieren gebracht. Die Mutter räumt auf, wäscht die Wäsche, bereitet das Abendessen vor, schlichtet Streit, trocknet Tränen, duscht Schmutzfinken, liest Geschichten vor, kuschelt auf der Couch – der ganz normale Tagesablauf in einer Familie. Und doch ist etwas anders: Es gibt, zumindest in dieser Gruppe, keinen „Papa“, dafür aber zwei weitere Erzieherinnen, die dazuhelfen und da sind, wenn Anita Häusler freie Tage oder Urlaub hat.

Und es gibt keine Ausnahmen von Regeln. Die Ruhezeit nach dem Mittagessen muss zum Beispiel eingehalten werden. Plätzchen liegen zwar für jeden genug auf dem Teller, aber sie sind abgezählt. Die Kleinen gehen nach dem Sandmännchen ins Bett, die zwei Großen dürfen noch Jakari gucken. „Unsere Kinder brauchen mehr Halt und mehr Struktur. Daher muss man die Grenzen anders stecken, enger, als ich es vermutlich bei meinen eigenen Jungs gemacht habe“, erklärt Anita Häusler.

Man merkt ihr an, dass ihr das nicht immer leicht fällt. Enge Grenzen gleicht sie mit Warmherzigkeit aus. Das ist ihre Art, doppelten Halt zu geben. Wie sie Finja fest und zart zugleich an sich drückt. Wie sie Saskias nassen Haarschopf bürstet, bestimmt, aber mit Vorsicht. Wie sie belustigt und mit schräg gelegtem Kopf Sarinas Erzählungen von der Schule lauscht. Wie sie mit Witz eine wilde Rangelei unterbindet und mit unglaublicher Nachsicht rußgeschwärzte Dreckspatzen säubert. Oder wie sie sich ruhig und selbstverständlich zu Erik an den Tisch setzt, der später als die anderen von der Schule kommt und daher an diesem Tag alleine isst. Sie weiß, dass gerade er viel Harmonie braucht.

Mindestens fünf, sechs Stationen mit wechselnden Bezugspersonen, gescheiterten Rückführungen, Heimaufenthalten haben Kinder erlebt, bis sie in einer SOS-Kinderdorffamilie neu anfangen können. Das ist in Anita Häuslers Haus nicht anders. Nur wer kaum mehr Chancen auf sein eigentliches Daheim hat, wird hier aufgenommen, denn die Kinderdorffamilie soll ein langfristiges Zuhause sein. Trotzdem schwebt je nach Fall und Gerichtsbeschluss immer wieder Unsicherheit über den Familienmitgliedern. Denn in festgelegten Abständen muss im Einzelfall geprüft werden, ob eine Rückkehr in die Ursprungsfamilie möglich ist. Der Kinderdorfmutter wird’s dann immer ganz anders. „Ich hätte nicht gedacht, wie sehr mich der Gedanke belastet, eins der Kinder wieder in ein unsicheres Umfeld entlassen zu müssen“, sagt Anita Häusler.

Die Eltern sind das Wichtigste, aber Halt gibt das Kinderdorf

Über Finjas Bett, ein wenig verloren an der großen Wand, ein kleines Foto, darauf eine junge Frau und ein Baby. „Das bin ich und meine Mama“, sagt das Mädchen. Auch in den anderen Kinderzimmern gibt es Fotos der Eltern in verzierten Rahmen. Manchmal besuchen die Mütter und Väter ihre Kinder. Aber es ist nicht immer sicher, ob sie die Termine auch schaffen. „Deine Mama denkt an dich. Sie hat dich ganz fest lieb“, sagt Anita Häusler oft. „Die leiblichen Eltern sind für die Kinder die wichtigsten Personen“, das ist in jeder Sekunde klar. Trotzdem spürt sie, dass die Kinder mittlerweile auch den emotionalen Halt annehmen können, den sie ihnen anbietet.

Draußen ist es dunkel geworden und drinnen auch ein bisschen. Dunkelheit, „das ist wie traurig sein“, sagt Sarina. „Wann bist du traurig?“, fragt Anita Häusler ihre Kinder, die sich zur Adventsrunde um den Tisch versammelt haben. „Wenn ich meine Mama vermisse.“ Sie zünden Kerzen an, für jedes Kind eine, und mit jedem Licht hellt sich die Stimmung auf. Anita Häusler liest ein Bilderbuch vor. Es geht um den kleinen rosa Elefanten Benno, dessen bester Freund fortzieht. Er fehlt ihm so sehr, dass Benno nicht mehr weiter weiß. Da rät ihm die weise Eule drei Dinge: Weine, egal was die anderen sagen. Rede über deinen Kummer. Gib deinem Freund einen Platz in deinem Herzen. Es ist ganz still im warmen Wohnzimmer. Saskia klettert auf den Schoß von Anita Häusler und schnieft.

Weihnachten sei nicht leicht für ihre Fünf, sagt die Kinderdorfmutter. „Da träumen sich die Kinder in eine ‚Heile-Welt-Mama-Phantasie‘ hinein.“ Und wissen zugleich, dass es ein Traum bleibt. Ihre Welt ist jetzt hier, sie ist vielleicht nicht heil, aber auch nicht mehr ganz kaputt. Auch Anita Häusler hat eine Welt hinter sich gelassen. Sie besitzt aber noch ihr Haus aus dem früheren Leben. Irgendwann wird sie wieder ganz dorthin zurückkehren, wo sie jetzt nur freie Tage verbringt. An Weihnachten ist sie im Kinderdorf, wie in den anderen Ferien auch. Urlaub für sich nimmt sie nur während der Schulzeit. Vielleicht kommen über die Feiertage ihre Eltern zu Besuch, die Kinder nennen sie Oma und Opa. Auch einer ihrer Söhne wird vorbeischauen. Familie und Freunde geben Rückhalt. „Wer selbst kein intaktes Umfeld hat, kann keines für andere schaffen“, sagt sie. Kinderdorfmutter ist kein Beruf, sondern eine Lebensentscheidung. „Ich habe gleich gespürt, dass es mein Weg ist.“

Der Bürgermeister ist ein Kinderdorf-Kind

Welchen Weg die Kinder mal gehen? Die Perspektive sei gut, meint Anita Häusler, ein Beispiel: „Der Bürgermeister von Immenreuth ist ein Kinderdorf-Kind.“ Das Oberpfälzer SOS-Kinderdorf ist eins von 15 in Deutschland. 1963 spendete eine Fabrikantenfamilie den Grund. Dort baute die von Hermann Gmeiner 1949 gegründete Hilfsorganisation Häuser für zehn Familien, zwei Wohngruppen und die Verwaltung. Dazwischen viel Grün, Spiel- und Sportplätze und dahinter gleich der Wald, in den sich nicht alle hineintrauen, weil’s da dunkel ist.

Nach dem Abendessen und Duschen wird es langsam still im Haus. Die Mutter bringt die Kinder ins Bett, jedes einzeln, mit ganz fest Drücken und Gute-Nacht-Kuss. Unten in der Küche stehen die Müslischalen und Tassen schon auf dem Tisch bereit, die Brotzeiten fertig hergerichtet im Kühlschrank. Der nächste Tag kann kommen. Anita Häusler geht bald ins Bett. Sie weiß ja nie, was die Nacht bringt.

Die Namen der Kinder sind geändert.

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