MyMz

Nahaufnahme

Was macht Eric Frenzel ohne Schnee?

Der Olympiasieger aus Flossenbürg ist auch im Sommer in der Spur und auf dem Sprung. Manchmal überholt er sich selber.
Von Angelika Sauerer, MZ

Oberstdorf.Stufe 23 auf der großen Schattenberg-Schanze in Oberstdorf. Es ist kühl und windig, aber es geht: Eric Frenzel wird springen. Er steckt die Keile hinten in seine Stiefel, wegen der Vorlage. Zieht die Hosenbeine über die Schäfte und die Stege unter die Sohlen, schlüpft in die Ärmel des Overalls, der in sattem Pink leuchtet. Der Farbstoff verändert die Flugeigenschaften und muss zum Sprungcharakter des Sportlers passen. „Hätt’ ich mir nicht freiwillig ausgesucht...“, sagt der weltbeste Kombinierer lächelnd, schließt die Reißverschlüsse an Brust und Handgelenken und windet sich ins Startnummernleibchen. Helmkontrolle, Brille runter. Der Blick auf Oberstdorf, hinüber in die Täler, aus denen dampfende Wolken quellen, und hinunter in die grasgrüne Arena verschwindet hinter seinen spiegelnden Gläsern. Der Olympiasieger von Sotschi in der Nordischen Kombination wechselt innerlich in eine Art Parallelwelt, in der alle Bewegungen vorprogrammiert sind. Frenzel weiß, was er tut und dass er es draufhat, Skispringen ist kein Himmelfahrtskommando. Courage braucht man trotzdem.

Die Kraft der Ruhe, der Rausch des Fliegens

„Der Mut ist größer als die Angst. Deshalb springen wir“, sagt der 25-Jährige. Er stammt aus Geyer (Sachsen) und hat seine ersten Sprünge als Fünfjähriger unter den Fittichen seines Vaters Uwe beim SSV Geyer gemacht. Inzwischen startet er für den WSC Erzgebirge Oberwiesenthal und wohnt mit Freundin Laura und Sohn Philipp (7) im oberpfälzischen Flossenbürg. Reiz, Nervenkitzel, Adrenalin. Das ist die eine Seite seines Sports. Ausdauer die andere: Langlauf. Zwei Drittel seiner Trainingszeit verbringt Frenzel damit, seine Kondition auszubauen. Jetzt im Sommer skatet er auf Rollen über den geteerten Parcours des Leistungszentrums, bergauf, bergab durch die sattgrüne Landschaft, neugierig beäugt von grasenden Kühen und hinterm Zaun vorbeiwandernden Urlaubern. Während er beim Springen das Denken ausknipst, um den in seinem Körper gespeicherten Ablauf nicht zu stören, hängt er beim Laufen den Gedanken nach. Die Königsdisziplin des Nordischen Wintersports, die schon seit den ersten Winterspielen 1924 olympisch ist, funktioniert nämlich ein bisschen wie Yin und Yang – die beständige Kraft der Ruhe wechselt sich ab mit der berauschenden Energie des Fliegens. Das Prinzip dieses Gleichgewichts zieht sich durch Eric Frenzels Sport und durch sein Leben, einem Leben in der Spur und auf dem Sprung.

Meistens ist es ja die Überholspur. Seit seinem internationalen Debüt im A-Kader des Nationalteams 2007 sammelt Eric Frenzel Medaillen und Titel. Die Krönung war die Goldmedaille bei den diesjährigen Olympischen Winterspielen in der Einzeldisziplin (ein Sprung, 10 km Langlauf). Mit dem Team holte Frenzel auch noch Silber, außerdem dominierte er in den letzten beiden Wintern den Weltcup. Es ging für den drahtigen Sachsen stetig voran. Fast gleichzeitig mit dem Beginn seiner Karriere wurde er Vater – ein Sprung in ziemlich kaltes Wasser, aber abgefedert durch die Hilfe der Eltern und Schwiegereltern in spe, neben denen das junge Paar wohnt. Zwischen Laura und Eric hat es im Sportinternat in Oberwiesenthal gefunkt. Als Philipp auf die Welt kam, war Eric 18, Laura 15. Was andere gebremst hätte, gab ihm Auftrieb. „Das ist schon viel Verantwortung. Aber ich bin mit der Situation gewachsen.“ Seine Familie gibt ihm Sicherheit, sagt er.

Beim Sprung von der Schanze ist es der Trainer. Er beobachtet den Wind, legt den Anlauf fest, gibt das Zeichen zum Absprung. Keiner springt allein. Unten auf der Plattform neben dem Sprungtisch der Großschanze steht jetzt Kai Bracht, 36, Trainer im Nationalkader der Nordischen Kombinierer und ehemaliger Skispringer. Normalerweise würde Eric in Oberwiesenthal trainieren und unten stünde einer seiner Heimtrainer, Jens Einsiedel oder Frank Erlbeck. Aber die Schanze wird gerade saniert, daher der Ausflug nach Oberstdorf. Frenzel steigt auf die breiten, neongelben Sprungskier, rastet mit einem Ruck nach vorne die Schuhspitzen in der vorderen Bindung ein und befestigt mit einem Klack-Klack die metallenen Abstandhalter an den Fersen. Seine rechte Hand vollzieht eine Sprungbewegung, noch auf der Treppe geht Frenzel zur Probe in die Anlaufhocke, die Arme sind angelegt und die beiden behandschuhten Handflächen weisen wie zwei gefiederte Höhenruder nach oben. Dann rutscht er seitlich auf die Metallstange in die Mitte des Anlaufs und stellt die gewachsten Skier in die bewässerten und mit Keramiknoppen versehenen Aluschienen, in denen im Winter eine Eisschicht gefriert. Eine letzte Kontrolle der Reißverschlüsse, des Helmgurts, der Bindung. Es kann losgehen.

Selten zufrieden und trotzdem gelassen

Mentale Stärke. Bereit, Grenzen zu überschreiten. Zielstrebig, immer fokussiert. Wille, Ehrgeiz, Fleiß. Dazu körperlich leicht, aber (schnell-)kräftig und ausdauernd... Kai Bracht muss nicht lange nachdenken, um die Stärken des Ausnahmeathleten zu beschreiben. Und vielleicht ist das sein wichtigster Satz: „Eric ist selten zufrieden und trotzdem immer gelassen. Er ist einfach ein guter Kerl.“ Das Programm, das er momentan absolviert, ist immens: Wochenende zu Hause bei der Familie, Montag sehr früh Fahrt nach Mittweida, dort studiert der Sportsoldat seit Herbst 2013 Wirtschaftsingenieurwesen. Nachmittags Training im rund 90 Kilometer entfernten Oberwiesenthal. Für den Rest der Woche wechseln sich Trainingseinheiten und Studium ab. Dazwischen Lehrgänge mit dem Nationalteam, wo Frenzel unter anderem von seinem früheren Idol Ronny Ackermann trainiert wird. Vor den Oberstdorfer Trainingssprüngen war die Mannschaft zum Beispiel zusammen in Österreich. Denn nach der Saison ist vor der Saison. Man darf sich nicht auf seinem Erfolg ausruhen, meint Frenzel, muss an sich arbeiten, auch wenn andere meinen, die Dinge laufen doch. „Ich kenne meine Baustellen.“

Nichts läuft von allein, außer vielleicht die gut geschmierten Räder unter dem kleinen Rollbrett, auf dem Eric nach dem Aufwärmen und vor dem Springen Anlauf und Absprung übt. Neben dem Schanzenturm fällt die Zufahrt leicht ab – ein idealer Ort fürs Imitationstraining. Frenzel stellt die Füße in Spurbreite aufs Brett, geht in die Hocke und rollt los. Nach ein paar Metern schnellt er sich nach oben, spannt den Körper in der Flugstellung an und fast gleichzeitig fängt ihn Kai Bracht mit einem Griff an den Hüften ab. Frenzels Bewegung wirkt unglaublich kraftvoll und überraschend federleicht in einem. Der Schwung gleicht einem Tanz, meint der Springer, einem Tanz, bei dem die Schanze die erste Geige spielt. „Jede Schanze hat ihre Eigenart. Radius, Länge des Anlaufs, steil oder flach. Du musst den richtigen Rhythmus finden. Die Bewegung muss rund sein, wie bei einem Tänzer. Die kleine Schanze ist eher eine Fliegerschanze. Bei einer großen kann man aggressiver springen“, erklärt er.

Sechs, sieben Trainingssprünge sind in einer Einheit möglich, mehr machen Körper und Geist nicht mit. Deshalb das Imitationstraining auf dem Rollbrett. Beim Anlauf wird Frenzel gleich mit mehr als 93 Stundenkilometern nach unten rasen und mit 130 Stundenkilometern über den Hügel Richtung Konstruktionspunkt fliegen. Da bleibt kaum Zeit für bewusstes Steuern. „Wenn Eric mit seinem Körper bereits in der Luft ist, beschäftigt sich das Gehirn noch mit dem Absprung. Es hinkt hinterher“, erklärt Kai Bracht. Deshalb trainiert Eric Frenzel, wenn man es genau nimmt, nichts anderes, als sich selbst zu überholen.

Bewässerte Schienen und Matten ersetzen im Sommer den Schnee

Kai Bracht gibt unten auf dem Trainerposten das Zeichen. Einatmen, ausatmen, losfahren – ganz unspektakulär. Das Geräusch der Skier in den Führungen könnte von einem Schienenfahrzeug stammen. Eine, zwei Sekunden später der Absprung. Der kleine Punkt in knalligem Magenta verschwindet in der Tiefe und ist kaum mehr zu erkennen, als er auf den bewässerten Kunststoffmatten landet und auf dem nassen Gras abbremst. Ein guter Sprung, wie sich später bei der Analyse am Laptop zeigt. Eric Frenzel ist – mal wieder – ziemlich souverän über seinen Schatten gesprungen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht