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Zwischen Kunst und Handwerk

Thomas Neuner lernt bei der Glockengießerei Anton Gugg in Straubing, wie man einem Kunstwerk seine bronzene Form verleiht.
Von Angelika Sauerer, MZ

Thomas Neuner (18) ist Lehrling in der Kunst- und Glockengießerei Anton Gugg in Straubing – und fasziniert von seinem Beruf an der Schnittstelle zwischen Kunst und Handwerk. Foto: Sabine Franzl
Thomas Neuner (18) ist Lehrling in der Kunst- und Glockengießerei Anton Gugg in Straubing – und fasziniert von seinem Beruf an der Schnittstelle zwischen Kunst und Handwerk. Foto: Sabine Franzl

Straubing.Im Moment des Gießens legt sich Ruhe über den 15-Mann-Betrieb im Straubinger Gewerbegebiet. Der Ziseleur stoppt das Schleifen. Die hart klingenden Schläge auf Metall verstummen. Der Mann am Dampfdruckreiniger dreht sein fauchendes Gerät ab. Langsam schließt sich auch das große Werkstor, schirmt den Wind und den Straßenlärm ab. Im Halbdunkel gleißt die 1200 Grad Celsius heiße Bronze in ihrem im Boden versenkten und rundum befeuerten Trog. Es kann losgehen.

Als Thomas Neuner (bald 19) vor ein paar Jahren während eines Praktikums beim Linzer Stahlkonzern Voestalpine zum ersten Mal einen Gießvorgang erlebte, ließ ihn das nicht mehr los: Das kochend heiße Metall, dessen Geruch schwer in der Luft liegt. Die Präzision der Handgriffe. Die Hitze und vielleicht auch die ständig präsente Gefahr, die nur mit Umsicht und Konzentration gebannt werden kann.

Thomas Neuner bringt an einem Wachsmodell das Angusssystem aus Wachsstangen an. Feinarbeiten und Retuschieren liegen dem Straubinger besonders. Foto: Sabine Franzl
Thomas Neuner bringt an einem Wachsmodell das Angusssystem aus Wachsstangen an. Feinarbeiten und Retuschieren liegen dem Straubinger besonders. Foto: Sabine Franzl

Thomas ist in Straubing aufgewachsen, hat drei Geschwister und besuchte die Ulrich-Schmidl-Mittelschule. Nach der Mittleren Reife begann er die Lehre bei der Glocken-, Metall- und Kunstgießerei Gugg, die in neunter Generation von Hannes Gugg geführt wird. Bald ist Thomas Neuner mit der Ausbildung fertig. Er will auf der BOS sein Abitur und danach ein Ingenieurstudium absolvieren. Hannes Gugg lässt ihn nur ungern ziehen. „Ein guter Mann“, sagt der Chef anerkennend.

Heiße Bronze – wie zäher Pudding in einem Riesenlöffel

Thomas Neuner zieht eine langärmlige Arbeitsjacke übers T-Shirt mit dem Gugg-Emblem, legt eine bodenlange Schürze an, klappt das Visier seines Helms herunter, streift Handschuhe über. Mit einer langstieligen Kelle schöpft er einen Löffel weißglühender Bronze aus dem Bottich, geht zügig ohne zu kleckern zu den bereitstehenden Schamottekästen. Rupert Duschl, erfahrener Geselle mit 36 Dienstjahren, wischt mit einer langen Spachtel Verunreinigungen von der Oberfläche der Bronze.

Nur nicht kleckern: Thomas Neuner (r.) und Rupert Duschl beim Gießen Foto: Sabine Franzl
Nur nicht kleckern: Thomas Neuner (r.) und Rupert Duschl beim Gießen Foto: Sabine Franzl

Gekonnt trifft Thomas mit einem zwei Finger dicken Strahl den kleinen Trichter und stoppt im richtigen Moment. Man muss sich das in etwa so vorstellen, als schütte man zähen Pudding mit einem Riesenlöffel in ein winziges Schälchen. Luft anhalten, ausatmen, geschafft. Die anderen Kästen übernimmt Rupert Duschl.

Die wächsernen Herzen des Bronzegusses

Die zwei sind ein gutes Team. Beide ein bisschen wortkarg, Antenne-Bayern-Hörer, penible Bastler. Meistens stehen sie in der Wachswerkstatt still nebeneinander an der Werkbank, den Wachsgeruch in der Nase, über sich das vergilbte Poster eines Pin-up-Girls und vor sich die flackernde Flamme des Bunsenbrenners. Hinter ihnen reichen die Regale voller Gussformen bis an die Decke.

Schicht für Schicht pinselt Thomas Neuner Wachs in die Form. Foto: Sabine Franzl
Schicht für Schicht pinselt Thomas Neuner Wachs in die Form. Foto: Sabine Franzl

Sonnenstrahlen tanzen zwischen wirbelnden Blättern durch die Fensterfront über ihnen, während sie Schicht um Schicht – insgesamt elfmal – heißes Wachs in Silikonformen pinseln, geduldig Nahtstellen retuschieren, ein ausgeklügeltes System von Zu- und Abläufen aus dünnen, biegsamen Kerzenstäben ankleben sowie einen kleinen Trichter anbringen. Die so hergestellten Wachsformen bilden quasi das Herz des Bronzegusses im Wachsausschmelzverfahren. Sie sehen auch irgendwie so aus: organisch und lebendig, als könnten sie jederzeit zu pumpen anfangen.

Auf einem alten Elektroherd köchelt das Wachs vor sich hin. Foto: Sabine Franzl
Auf einem alten Elektroherd köchelt das Wachs vor sich hin. Foto: Sabine Franzl

Diese „Herzen“ schlagen genau an der Schnittstelle zwischen Kunst und Handwerk: Künstler bringen ihr Modell, Thomas Neuner und seine Kollegen stellen ein originalgetreues Wachsmodell her, das sie mit einem hitzebeständigen Kern versehen oder für massive Formen hohl lassen und in einen mit flüssiger Schamotte gefüllten Kasten versenken. Sobald die Schamotte getrocknet ist, erklärt Thomas Neuner, wird die Verschalung entfernt.

Das fertige Wachsmodell taucht in den Schamottekasten ein. Foto: Sabine Franzl
Das fertige Wachsmodell taucht in den Schamottekasten ein. Foto: Sabine Franzl

Die Kästen werden in Öfen verfrachtet, die in etwa so groß wie Abstellkammern sind. Langsam fahren die Kunstgießer die Temperatur dort auf etwa 600 Grad Celsius hoch. Im Verlauf von sechs bis sieben Tagen brennt das Wachs im Innern der Quader vollständig aus – daher müsste die Technik genau genommen eigentlich Wachsausbrennverfahren heißen. Durch ein Guckloch in den Ofen beobachten die Arbeiter die kleinen Flämmchen an den Auslassstellen in der Schamotte. Sind sie erloschen, ist der Brennvorgang beendet. „Im Innern bleibt ein Hohlraum zurück, der genau dem Wachsmodell entspricht“, sagt Thomas Neuner.

„Mich begeistert, wie man ein im Normalzustand sperriges Material so beeinflussen kann, dass es derart vielseitige Formen annehmen kann.“

Thomas Neuner, Kunstgießerlehrling

In den Trichter wird nach dem Erkalten der Schamotte die Bronze gegossen. Die Zuleitungen sind so angelegt, dass sich die eingebettete Form von unten her füllt. So bilden sich keine Blasen. Die Ableitungen sorgen dafür, dass die Luft beim Gießen nach oben entweichen kann. Thomas Neuner erklärt die Details seiner Arbeit, während er konzentriert Wachs in einer großen Schneckenform aufträgt.

Straubing, 30.04.2015: Thomas Neuner, Kunstgießerlehrling, erklärt Details seiner Arbeit. Sie erfordert Fingerspitzengefühl ebenso wie Kraft, Geduld, Genauigkeit und räumliches Vorstellungsvermögen. Film: Sabine Franzl

Beim Metall ist er in seinem Element. Es erfordert Fingerspitzengefühl ebenso wie Kraft, Geduld und Präzision, räumliches Vorstellungsvermögen. Und ein Faible für Kunst. Auch das bringt der in seiner Freizeit begeisterte Kanufahrer mit: Thomas’ Tante Lioba Leibl ist Bildhauerin. Sie hat – wie viele Künstler nicht nur aus der Region, sondern aus ganz Deutschland – bereits bei Gugg Werke gießen lassen. „Mich begeistert, wie man ein im Normalzustand sperriges Material so beeinflussen kann, dass es derart vielseitige Formen annehmen kann“, sagt Thomas Neuner.

Im Sandgussverfahren können Bronzen hergestellt werden, die nicht hinterschnitten sind, zum Beispiel Reliefs oder auch Glocken. Das Modell wird in Sand abgeformt und – wie hier auf dem Bild – gegossen. Foto: Sabine Franzl
Im Sandgussverfahren können Bronzen hergestellt werden, die nicht hinterschnitten sind, zum Beispiel Reliefs oder auch Glocken. Das Modell wird in Sand abgeformt und – wie hier auf dem Bild – gegossen. Foto: Sabine Franzl

Und noch etwas fasziniert nicht nur ihn: Bronzeguss ist eine Jahrtausende alte Technik, die in der Familie Gugg seit Jahrhunderten praktiziert wird. 1550 wurde der früher am Straubinger Pulverturm ansässige Betrieb von Anton Gugg gegründet. Er stammte aus einer Glockengießerdynastie im österreicherischen Braunau. 1982 zog die Gießerei ins Gewerbegebiet, heuer übernahm Hannes Gugg von seinem Vater Hans das Ruder. Glocken – früher das Kerngeschäft – stehen längst nicht mehr im Mittelpunkt der Produktion. Inzwischen sind es die Kunstwerke, die entweder im Wachsausschmelzverfahren Form annehmen oder im einfacheren Sandguss, der sich für flache Modelle – wie etwa Reliefs – oder für solche, die nicht hinterschnitten sind – wie etwa Glocken – eignet. „Gugg ist jedem Straubinger ein Begriff“, sagt der Lehrling, nicht ohne Stolz, selbst auch dazuzugehören.

Seltsame Gebilde, diese verkabelten Aliens

Alles im Kasten: Eine fertige Bronzeplastik wird transportfähig. Foto: Sabine Franzl
Alles im Kasten: Eine fertige Bronzeplastik wird transportfähig. Foto: Sabine Franzl

Nach etwa zwei Stunden sind die Gussstücke so weit abgekühlt, dass sie aus der Schamotte gelöst werden können. Vorsichtig hämmert Thomas Neuner auf das brüchige Material. Bröckelnd und staubend löst es sich von der Bronze. Seltsame Gebilde, diese verkabelten Aliens. Nach dem Dampfstrahlen werden die Leitungen gekappt, Einzelteile miteinander verschweißt, die Oberflächen geglättet, poliert und patiniert. Und dann stehen sie da, wie aus einem Guss.

Zu unserer Reihe „Nahaufnahmen“ geht es hier.

Weitere Texte aus dem Wochenend-Magazin „nr. sieben“ finden Sie hier.

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