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Rezension

„Carmen“: Lasziv und verführerisch

Die Staatsoper Prag eröffnete mit Bizets bekannter Oper die Regensburger Schlossfestspiele. Zuvor gab es eine Schweigeminute.
Von Andreas Meixner, MZ

Bizets Oper um die unangepasste Außenseiterin Carmen, um Eifersucht und tödliche Leidenschaft, eröffnete das Festival am Freitag.
Bizets Oper um die unangepasste Außenseiterin Carmen, um Eifersucht und tödliche Leidenschaft, eröffnete das Festival am Freitag. Foto: Archiv/dpa

Regensburg.Reinhard Söll hatte am Freitagabend nicht nur Glück mit dem Wetter, sondern bewies zum Auftakt der Schlossfestspiele auch Gespür für den Moment. Er rief zu einem kurzen Gedenken an die Opfer des Terroranschlags in Nizza auf und erinnerte daran, dass sich die Welt außerhalb des festlichen Schlosshofes unbarmherzig weiterdreht.

Und er sollte recht behalten. Die Ereignisse in der Türkei verbreiteten sich während des Abends rasend schnell unter den Festivalgästen. Dabei waren alle gekommen, um eine opulente Aufführung von Bizets Carmen zu genießen. Ein Welterfolg bis heute, obwohl die Oper bei ihrer Premiere im März 1875 wegen der realistischen Milieudarstellung und der Dramatik zunächst auf Ablehnung stieß. Erst wenige Monate später begann in Wien der internationale Durchbruch, den Bizet selber jedoch nicht mehr erleben sollte. Er starb an seiner Herzschwäche am 3. Juni 1875.

Carmen als magnetischer Anziehungspunkt

Bizets Oper um die unangepasste Außenseiterin Carmen, um Eifersucht und tödliche Leidenschaft, eröffnete das Festival am Freitag.
Bizets Oper um die unangepasste Außenseiterin Carmen, um Eifersucht und tödliche Leidenschaft, eröffnete das Festival am Freitag. Foto: Archiv/dpa

In der Inszenierung von Zdenek Troska war niemand Geringerer als die Staatsoper Prag zu Gast in Regensburg. Als Kulisse des Dramas diente ein antikes Arenafragment, das mit wenigen Mitteln zum Platz vor der Zigarettenfabrik, einer Schmugglerschenke oder zum Ende im 4. Akt zur Stierkampfarena mutierte. Opulent auch deshalb, weil an ausladenden, farbenfrohen Kostümen nicht gespart wurde. Überhaupt war es eine klassische Aufführung im besten Sinne, mit klarer Charakterzeichnung der Hauptpersonen und einer Szenerie des prallen Lebens zum Anfang des 19. Jahrhunderts.

Machtvoll und hochroutiniert singt der Opernchor, der sich auch darstellerisch überzeugend in Szene setzt. Eine frivole Gesellschaft in voller Blüte, verziert von kleinen, dezenten Tanzminiaturen des Balletts. Dass die Tänzer nicht vollends überzeugten, lag sicher auch an den beengten Raumverhältnissen auf der Freiluftbühne. Die Choreographie wirkte zusammengestaucht und nicht voll entfaltet. Jedenfalls flirten die Frauen, was das Zeug hält und es knistert kräftig auf der Bühne. Allen voran Carmen, die in der Darstellung von Veronika Hajnova selbstbewusst, lasziv und hochgradig verführerisch daherkommt. Kleine Gesten, kurze kecke Körperbewegungen reichen da völlig aus, um den Männern gehörig den Kopf zu verdrehen. Gepaart mit ihrem dunkel gefärbten Mezzosopran war sie über alle Akte hinweg magnetischer Anziehungspunkt. Auf den ersten Blick kühl, distanziert und berechnend und dann doch nur eine zerbrechliche Seele voller ungestillter Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Fast scheint es, der Tod ist die unausweichliche Erlösung.

Alle Bilder vom Premierenabend im Schloss: hier

Glanzvoller Auftakt im Schloss

Luciano Mastro als Don José musste in seine Rolle des Verschmähten hineinwachsen, erst spät gewinnt die Partie Profil trotz einer ausgezeichneten, sängerischen Leistung. Escamilio ist ein arroganter Schönling, der sich in der Rolle des gefeierten Stierjägers suhlt, überhöht zum Ende in einer strahlend weißen Torrerokluft. Der Bariton Martin Barta macht das gut, wie auch alle anderen Charaktere bestens besetzt sind. Michaela Kapustova und Jana Sibera bleiben als Zigeunerinnen mit Esprit und Spielfreude ebenso in guter Erinnerung wie die beiden verschlagenen Schmuggler, gesungen von Vaclav Sibera und Martin Matousek. Reizend der Auftritt der Gassenjungen, die den Abgang der Wachen schlitzohrig nachäffen und aus voller Brust singen. Ein wenig erinnerte das an „die Kinder des Monsieur Mathieu“.

Erwartungen an eine Open-Air-Aufführung wurden übertroffen

Selten hatte man den Eindruck, dass es die technische Verstärkung gebraucht hätte. Natürlich war das notwendig, dennoch geschah das sehr dezent und auf das Notwendigste beschränkt. Ebenso hielten sich die akustischen Defizite bei der Live-Übertragung des hervorragend aufspielenden Orchesters aus dem Schloss in Grenzen. Der Sound war satt, nur selten wirkte er metallisch und klirrend. Beeindruckend in der Balance vor allem die Holz- und Blechbläser, die selbst in den großen Tuttistellen Noblesse verströmten. Ebenso war das Zusammenspiel der Streicher nach guter tschechischer Sitte aus einem Guss. Die Koordination zwischen dem Dirigenten Tomas Brauner und der Bühne über einen großen Bildschirm funktionierte bis auf wenige kleine Momente anstandslos. Kleinere Tempiverschleppungen passieren auch auf der normalen Opernbühne. So beklatschte Fürstin Gloria von Thurn & Taxis und das Premierenpublikum eine künstlerische Leistung, die bei weitem die Erwartungen an eine Open-Air-Aufführung übertraf. Der Auftakt der Schlossfestspiele ist bestens gelungen.

Eindrücke vom ersten Abend bei den Schlossfestspielen in Regensburg erhalten Sie in unseren Videos.

Schlossfestspiele-TV: Tag 1

"Carmen" bei den Schlossfestspielen: So war Tag 1

Alle Nachrichten zu den Schlossfestspielen 2016 finden Sie hier.

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