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Schlossfestspiele
Sonntag, 24. Juni 2018 20° 3

Musik

Grandiose Momente mit Domingo

Samtener Schmelz, betörender Charme, pure theatrale Energie: Der Star gastierte bei den Schlossfestspielen in Regensburg.
Von Juan Martin Koch, MZ

  • Berührend: Placido Domingo bei den Schlossfestspielen in Regensburg Foto: altrofoto.de
  • Placido Domingo auf der Bühne im Schloss Foto: altrofoto.de

Regensburg.„Transkontinentaler Herrscher des Opernlebens“: Diesen Titel hat der Musikkritiker und „Stimmenpapst“ Jürgen Kesting dem spanischen Sänger Plácido Domingo zu dessen 70. Geburtstag verliehen. Das war vor vier Jahren und bezog sich auf Domingos Allgegenwart als Tenor (später Bariton), Dirigent, Nachwuchsförderer und Operndirektor. Für viele ist er – zumal nach dem Tod Luciano Pavarottis – der Inbegriff des Opernsängers.

In die Bewunderung für seine Vokalkunst, sein konkurrenzlos weites Repertoire (über 130 Rollen) und sein Charisma hat sich spätestens seit den Auftritten der „Drei Tenöre“ aber auch Skepsis gemischt. Kesting hat das in seinem Standardwerk „Die großen Sänger“ sehr anschaulich auf den Punkt gebracht, als er Domingo als „Epochenfigur der Widersprüche des Betriebes“ bezeichnete und diese Widersprüche in zwei Begriffspaaren zusammenfasste: „Können und ästhetische Unbedenklichkeit, Energie und Getriebenheit“. Wenn man wollte, konnte man genau diese Widersprüche bei seinem Auftritt im Rahmen der Thurn und Taxis Schlossfestspiele exemplarisch studieren.

Pure theatrale Energie

Placido Domingo im Schloss

Seinen ersten und gleich auch besten Auftritt hatte Domingo zu Beginn mit einem Ausschnitt aus Umberto Giordanos „Andrea Chénier“. Früher wäre das selbstverständlich das „Improvviso“, die berühmte Tenorarie des Titelhelden gewesen – eine von Domingos Paraderollen. Heute, wo er im ernsten Fach nur noch Bariton singt, ist es das „Nemico della patria“ des Gegenspielers Gerard, und es ist faszinierend, wie darin alles versammelt ist, was den Jahrhundertsänger Domingo ausmacht.

Der trotzige Ausbruch zu Anfang war pure theatrale Energie, die er von da an in einem Bühnengang mit mehreren Mikrophonwechseln dramaturgisch kanalisierte. Dem zweiten, nach innen gerichteten Abschnitt („Un di“) gab er vom ersten Ton an eine neue, wehmütige Farbe, was sofort diesen einzigartigen Domingo-Effekt auslöste: Denn unter einer gewissen Patina ist der samtene Schmelz seiner Stimme intakt und Domingo versteht es meisterhaft, damit zu gestalten, dynamisch auszubalancieren und einzig aus der Stimme heraus Ausdruck herzustellen. Im Schlussabschnitt („La coscienza nei cuor“) wendet sich dieser Ausdruck wieder nach außen und gipfelt in einem triumphalen Fis („un sol bacio“), das dem gelernten Tenor natürlich keinerlei Schwierigkeiten bereitet.

Großartig: seine Charme-Offensive

Placido Domingo (Mitte) gastierte bei den Schlossfestspielen in Regensburg, unter anderem mit Micaëla Oeste (rechts) und den Augsburger Philharmonikern unter Dirigent Israel Gursky
Placido Domingo (Mitte) gastierte bei den Schlossfestspielen in Regensburg, unter anderem mit Micaëla Oeste (rechts) und den Augsburger Philharmonikern unter Dirigent Israel Gursky Foto: altrofoto.de

Mit weiteren Baritonpartien stellte Domingo dann seine Qualitäten im Zusammenwirken mit den beiden Sopranistinnen des Abends unter Beweis. In „Pura siccome un angelo“ aus Verdis „La Traviata“ war er ein Vater Germont von einschmeichelndem, aber zielgerichteten Einfühlungsvermögen. Großartig seine Charme-Offensive („Bella voi siete e giovane“), überragend seine Fähigkeit, sich über dem starren Begleitrhythmus mit minimalen Rubati scheinbar frei zu bewegen.

Micaëla Oeste konnte da als Violetta nicht ganz mithalten. Wie schon in der Arie aus Gounods „Roméo et Juliette“ („Je veux vivre“) wusste sie zwar mit schlanker, sicherer Höhe und geläufigen Koloraturen zu gefallen, ein erfülltes, eine Identifikation mit der Rolle vermittelndes Singen war aber kaum zu erleben. Hinzu kamen Probleme mit der Mikrophonbehandlung – immer wieder „ploppten“ die Konsonanten.

Betörend: das Duett „Tonight“

Placido Domingo mit Micaëla Oeste bei Thurn und Taxis
Placido Domingo mit Micaëla Oeste bei Thurn und Taxis Foto: altrofoto.de

Eine ebenbürtige Partnerin war dagegen Angel Blue. Nach der noch sehr konzertant und vielleicht eine Spur zu kontrolliert gesungenen Arie aus Verdis „Ernani“ entfaltete sie in dem Duett „Mira, di acerbe lagrime“ aus dem „Trovatore“ auch das dramatische Potenzial ihrer dunkel timbrierten, reichen, im Vibrato aber ausgezeichnet dosierten Stimme. Zusammen mit Domingos zupackendem Graf Luna ergab das eine mitreißende Miniaturoper.

Ohne Pause – die Mikrophone machten den aufkommenden Wind gefährlicher als er war – ging es weiter mit dem leichteren Programmblock, den Domingo mit einem ganz lässig aus dem Ärmel geschüttelten „Some enchanted evening“ eröffnete. Hier tastete er sich langsam in die Tenorlage vor, die er anschließend im „Tonight“-Duett aus Bernsteins „West Side Story“ mit einem betörend falsettierten As erklomm. In wunderbarer Partnerschaft mit Angel Blue war dies der zweite grandiose Moment des Abends.

Geschmacklicher Totalschaden

 Israel Gursky dirigierte die Augsburger Philharmoniker beim Konzert mit Placido Domingo.
Israel Gursky dirigierte die Augsburger Philharmoniker beim Konzert mit Placido Domingo.Foto: altrofoto.de

Wie man auf die Idee verfallen kann, diesem Moment ausgerechnet mit Franz von Suppés „Leichter Kavallerie“ auf den Leib zu rücken, bleibt das Rätsel der Programmverantwortlichen. Ein Stilbruch? Geschmacklicher Totalschaden trifft es eher. Die Augsburger Philharmoniker machten ihre Sache unter der Leitung von Israel Gursky allerdings gut und sekundierten den Solisten auch im Operettenteil sehr aufmerksam: Mit Lehár schwiegen die Lippen und Domingo war selbst dort noch vollendeter Gentleman, als er beim Walzer Micaëla Oeste aufs Kleid stieg.

In den „Klängen der Heimat“ aus der „Fledermaus“ verstand man von Angel Blue außer „Feuer“ und „Lebenslust“ kein Wort, aber das reichte ja auch. Mit „Amor, vida de mi vida“ trumpfte Domingo in dem ihm ureigenen Terrain, der Zarzuela, noch einmal groß auf: auch eine Terz tiefer als früher eine Wucht.

Das Publikum tobte

Den Zugabenreigen eröffnete dann eine fragwürdige Latin-Pop-Version von „Besame mucho“ (Kestings „ästhetische Unbedenklichkeit“), ehe nach weiteren Zarzuela- bzw. Operetteneinlagen der Damen die drei gemeinsam das tobende Publikum mit Ernesto De Curtis neapolitanischem Klassiker „Non ti scordar di me“ in die Nacht entließen.

Domingo – ein Getriebener des Klassikbetriebs? Möglicherweise, aber er scheint noch eine Menge Spaß dabei zu haben. Wir auch.

Die Schlossfestspiele sind eröffnet
Die Schlossfestspiele in Regensburg sind eröffnet

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