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Schlossfestspiele
Samstag, 23. Juni 2018 18° 4

Schlossfestspiele

Regensburger Fans feiern Xavier Naidoo

Für Europa, gegen Krieg: Ein mehrheitsfähiger Xavier Naidoo begeistert im rappelvollen Schlosshof mit frühen und neuen Songs.
Von Michael Scheiner, MZ

Xavier Naidoo sang einen Mix aus alten Hits und seinen neuen Songs.
Xavier Naidoo sang einen Mix aus alten Hits und seinen neuen Songs. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Als er den Song geschrieben habe, sinniert Xavier Naidoo mit einer Mischung aus Stolz und Verwunderung, habe er sich niemals vorgestellt, „dass ich ihn mal vor richtigen Fürsten singe“. Mit den Fürsten, schiebt er mit Blick zur ersten Reihe im fürstlichen Schlosshof rasch hinterher, „in meinem Lied sind allerdings die Politiker in Europa gemeint“. An denen hat der Sänger und Texter von „Europa“ so seine Zweifel. Naidoos flammendes Bekenntnis für das große politische Projekt eines geeinten Kontinents gehört sicher nicht zu den stärksten Liedern des „Superstars des deutschen Souls“, wie der Sänger aus Mannheim gern betitelt wird. „Europa (…), du trägst vom Dunkel ins Licht“ ist aber an diesem ekstatisch gefeierten Abend im Hof des Thurn-und-Taxis-Schlosses die politischste Äußerung des Künstlers. Eine Bekundung, wie sie auch anderen großen Pop- und Schlagermusikern außerhalb des „Eurovision Song Contests“ manchmal gut anstehen würde.

Auch der Stadtchef ging auf Distanz

Der kurpfälzische Künstler mit ins Hessische gehendem Zungenschlag hat seit dem Beginn seiner steilen Karriere Kontroversen ausgelöst. Anfangs wegen seiner stark christlich-katholischen Haltung noch als „musikalischer Messias“ oder nachgeborener „Jesus-Musiker“ belächelt und verspottet, steht er seit einigen Jahren verstärkt wegen politischer Statements in der Kritik. Auftritte bei umstrittenen Montagsmahnwachen und Demos sogenannter „Reichsbürger“ haben Naidoo nicht nur offensive Kritik vieler linker Gruppierungen und Antifa-Aktivisten eingebracht. Auch der Mannheimer Oberbürgermeister ging auf Distanz zu seinem prominenten Bürger und stieg aus einem geplanten gemeinsamen Konversionsprojekt aus.

Festlich herausgeputzte Fans

Naidoos Fans und Anhänger lassen sich von solchen Kontroversen um zweifelhafte Äußerungen und Haltungen ihres Idols weder abschrecken, noch – zumindest vordergründig – irgendwie beeindrucken. Sofern sie überhaupt davon Kenntnis nehmen. Das zeigte sich auch bei seinem lange erwarteten Auftritt in Regensburg. Es war das am schnellsten ausverkaufte Konzert der diesjährigen Schlossfestspiele. Vermutlich hätte es noch viel mehr als die 3200 Besucher bekommen, für die es Plätze im Schlosshof gab. Picobello festlich und topchic herausgeputzt, bereiteten sie ihrem Idol von Anfang bis zum Ende nach zwei Zugaben einen gefeierten Auftritt.

Rappelvoll war der Hof von Schloss St. Emmeram bei  Konzert von Xavier Naidoo am Samstagabend.
Rappelvoll war der Hof von Schloss St. Emmeram bei Konzert von Xavier Naidoo am Samstagabend. Foto: altrofoto.de

Der Star fühlte sich in Jeans, Turnschuhen und blauem Blouson „ein bisschen underdressed, wenn ich sehe, wie ihr alle angezogen seid“. Mitten hinein in leicht unheimliche Vogelschreie und heftiges Windrauschen, die den noch leeren Bühnenraum klanglich füllten, spurtete Naidoo ans Mikro und setzte mit der auch heute noch starken Antikriegshymne „War“ ein unüberhörbares Zeichen. Edwin Starr hatte mit der kraftvollen Soulnummer, die den Protest gegen den Vietnamkrieg artikulierte, 1970 einen Nummer-1-Hit.

„Packt mal eure Handys ein“

Vom Krieg zur Freiheit war es dann gemäß dem Tour-Motto „Frei Sein“ nur einen Akkord weit: zu „Frei“ des Rockmusikers Daniel Wirtz. Im Tourprogramm ist dieser nachdenklich stimmende Appell – „Sei frei, solange es geht! / Bleib frei, solange du lebst!“ –, sich jederzeit und auch für andere seiner Freiheit bewusst zu sein, einer von mehreren „Tauschsongs“. So nennt Naidoo Lieder von Christine Stürmer und des selbst ernannten österreichischen Volks-Rock’n’Rollers Andreas Gabalier, die er bei der TV-Sendung „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ gecovert hat.

Bevor er allerdings nach der Pause die gefühlige Gabalier-Ballade „Amoi seg’ ma uns wieder“ zusammen mit Gitarrist Alex Auer als akustische Version singen konnte, brauchte es Geduld. Offensichtlich war ein Teil des Publikums nicht auf die dreimalige Fanfare zum Pausenende vorbereitet und zog vor der Bühne an den bereits wartenden Musikern vorbei. Immer wieder stockte der Publikumsstrom und Handys wurden gezückt, um zu filmen, zu fotografieren und schnell ein Selfie zu machen.

„Empfindlich wie eine Frau“

„Jetzt packt mal eure Handys ein“, mahnte der sonnenbebrillte Star irgendwann leicht genervt, „bei so etwas bin ich empfindlich wie eine Frau!“ Spontan improvisierte er einige Zeilen des Evergreen „Stand by me“ und meinte zu seinem Gitarristen: „Wir haben noch nie ein Konzert mit einer Pause gemacht – da kann man endlich mal schwätzen!“ Das akustische Lied blieb die Unplugged-Ausnahme, ansonsten ging es erwartbar laut und voll elektrisch zu im Schlosshof.

Xavier Naidoo sang einen Mix aus alten Hits und seinen neuen Songs.
Xavier Naidoo sang einen Mix aus alten Hits und seinen neuen Songs. Foto: altrofoto.de

Mit einer Mischung aus frühen Songs, wie Sabrina Setlurs Plädoyer „Freisein“, „Alles kann besser werden“, der pathetischen Schnulze „Dieser Weg“ bis zum aktuellen Mannheim-Song „Rosenblätter“ der Söhne Mannheims bot der Sänger mit der souligen Stimme seinen begeisterten Fans ein abwechslungsreiches Programm. Geschickt vermied er in den zweieinhalb Stunden vermintes Gelände, wie es im Song „Raus aus dem Reichstag“ mit antisemitischen Formulierungen von „Baron Totschild“ und „Schmock“ zum Ausdruck kommt. Aber auch neben dem streitbaren Song ist Naidoo mit Songs wie „Bei meiner Seele“ oder „Bitte hör nicht auf zu träumen“ – wo Besucherinnen lauthals mitsangen – ein engagierter und gleichzeitig widersprüchlicher Künstler.

Preis der Schlossfestspiele

  • Neue Auszeichnung:

    Xavier Naido hat am Samstag vom Veranstalter Reinhard Söll den „Sold-Out-Award der Thurn und Taxis Schlossfestspiele“ erhalten.

  • Wer sie bekommt:

    Der Preise wurde erstmals vergeben und zeichnet künftig diejenigen Künstler aus, deren Auftritte als erste ausverkauft sind.

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