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Schlossfestspiele
Sonntag, 19. August 2018 32° 2

Musical

Aufstieg und Scheitern der Evita Perón

Bettina Mönch verleiht Andrew Lloyd Webbers Titelgestalt bei den Regensburger Schlossfestspielen Strahlkraft.
Von Susanne Wiedamann

Ankunft in Buenos Aires: Noch nicht blond startet Eva (Bettina Mönch, Mitte) in ein neues Leben. Foto: altrofoto.de
Ankunft in Buenos Aires: Noch nicht blond startet Eva (Bettina Mönch, Mitte) in ein neues Leben. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Es hat ein wenig Animation durch die Fürstin gebraucht, damit Gil Mehmerts Inszenierung von Andrew Lloyd Webbers Musical „Evita“ am Sonntag bei den Regensburger Schlossfestspielen mit Standing Ovations gewürdigt wurde. Erst als sich Gloria von Thurn und Taxis vom Stuhl erhob, folgten die bis dato eher brav als euphorisch applaudierenden Zuschauer in den Rängen ihrem Beispiel. Wirklich unzufrieden war wohl kaum einer im Publikum. Aber als richtige Sternstunde wurde die Aufführung nicht gefeiert – trotz Gesangssolistin und Hauptdarstellerin Bettina Mönch, die der Titelgestalt ein beachtliches Format, Tiefe und Strahlkraft verlieh.

Doch vergessen wir die wenigen Passagen, in denen man sich nicht sicher sein konnte, ob Lloyd Webbers oft dissonant angelegte Übergänge von einem Song zum nächsten wirklich so klingen sollten, in denen wie im Requiem der Chor merkwürdig unbestimmt blieb, oder sich der ansonsten großartige Merlin Fargel als Che weder von der Lautstärke noch von der Textverständlichkeit her durchsetzen konnte. Kommen wir lieber zum Positiven.

Bilder vom dritten Tag der Schlossfestspiele sehen Sie in unserer Galerie:

Tag drei Schlossfestspiele

Und davon hat diese Bonner Inszenierung reichlich. Da sind zunächst die Gesangssolisten. Bettina Mönch singt und spielt die Evita in jeder Szene auf hohem Niveau und sorgt mit ihrer wandlungsfähigen und höhensicheren Stimme nicht nur in den bekanntesten Songs wie „Don’t cry for me, Argentina“ für beglückende Momente. Auch Merlin Fargel als Student Che, der in dieser Retrospektive als Erzähler und kritisch hinterfragender Kommentator der Eva Maria Duarte de Perón auftritt, beeindruckt stimmlich wie als Darsteller.

Den Koffer wieder in der Hand

Mark Weigel als Juan Perón darf zwar erst in den letzten Szenen sein Potenzial so richtig ausspielen, aber dann lässt der Tenor hören, was er kann. Gewinnend auch Johannes Mertes als Tangospieler und Nachtclubsänger Magaldi. Und auch Sarah Katharina Wilken bezaubert in „Du nimmst den Koffer wieder in die Hand“ mit glockenhellem Sopran als Geliebte des Perón, die von Evita zum Teufel gejagt wird. Das ganze Ensemble macht seine Sache gut.

Wie identifiziert sich die Hauptdarstellerin mit ihrer Rolle? Bei Schlossfestspiele-TV hat Philipp Froschhammer mit ihr gesprochen:

Schlossfestspiele-TV: Die dritte Folge

Auch der Chor des Theaters Bonn sowie dessen Kinder- und Jugendchor überzeugen von Intonation, Dynamik und Ausdruck her in den allermeisten Szenen. Wirklich stark sind sie im darstellerischen Bereich, wenn sie das Ensemble in den Massenszenen verstärken, als Trauergemeinschaft oder als jubelndes oder forderndes Volk. Jürgen Grimm führt Sänger und Band als musikalischer Leiter sicher durch Lloyd Webbers oft schwierige Komposition. Unter den Musikern der zuverlässig agierenden Combo sind auch stadtbekannte Namen: Neben dem Regensburger Gitarristen Rüdiger Eisenhauer spielt zum Beispiel Trompeter Sebastian Strempel mit, der als Mitglied des Landes-Jugendjazzorchesters Bayern in seinen jungen Jahren regelmäßig in Regensburg auftrat. Und auch Posaunist Hans Heiner Bettinger, der seit zwei Jahren in Neutraubling ansässig ist, ist mit von der Partie .

Regiekonzept überzeugt

Mehr als überzeugend ist das Regiekonzept. Beatrice von Bomhard hat eine Bühne gebaut, in deren Mitte ein riesiges dunkles Marmorpodest mit Treppen das Fundament für jegliche Szenen bietet. Mit minimalen Veränderungen wird der Bühnenraum vom Kinosaal zur Leichenhalle, zum Bahnhof, zur großen politischen Bühne, zum intimen Schlafzimmer und zur Kulisse für pulsierende Straßenszenen aller Art. Hier entwickelt sich Evita Schritt für Schritt mit traumwandlerischer Sicherheit vom dörflichen Mädchen über die leichte Dame, die jede Beziehung für ihren Vorteil nutzt, die Radiokommentatorin und Schauspielerin zur umstrittenen First Lady des Landes und Ikone des argentinischen Volkes.

Hier sehen Sie jeden Abend ab 20 Uhr eine neue Folge Schlossfestspiele-TV.

Geschickt erzählen Regisseur Gil Mehmert und Sandra Wissmann (szenische Adaption) vom Aufstieg und Scheitern der Evita Perón. Temporeich, manchmal fast schon gehetzt, erklingen die großen Hits aus LLoyd Webbers Musical im Hof des Schlosses. Die Stationen der Eva Perón werden stringent zusammengefasst. Die Inszenierung entwickelt Zugkraft – bis hin zum Tod der Präsidentengattin, die für die Argentinier so viel mehr war als die klassische Frau im Hintergrund.

Unbemerkter Selbstbetrug

Auch das weiß Mehmert gekonnt in Szene zu setzen: Wie sich Evita die Rolle als treibende Kraft im Lande einverleibt. Wie sie taktierend ihren Mann ins höchste Amt des Staates befördert und ihn doch dabei kraftlos aussehen lässt. Wie er seine Macht ausbaut, Gegner brutal beseitigt und zum Schluss auch vor der Demontage Evas nicht zurückschreckt. Und wie Evita sich selbst betrügt, sich als Gönnerin und Verteidigerin der Armen darstellt, obwohl das Land vor die Hunde geht. Die Mär von der „Santa Evita“ glaubt sie sich selbst und sorgt noch todkrank für einen groß inszenierten Abgang.

Viele gute Ideen sind in die Inszenierung eingeflossen. Die großen Ansprachen an das Volk halten Perón und Evita mit dem Rücken zum Publikum. Der Zuschauer bleibt Beobachter und wird nicht in eine Rolle gedrängt. Auch Anspielungen an die Gegenwart bleiben außen vor. Insgesamt mit wenigen Einschränkungen schönes, unaufgeregtes Musicaltheater. Gute Unterhaltung.

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