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Schlossfestspiele
Freitag, 17. August 2018 30° 1

Oper

„Tosca“ – zwischen Grauen und Genuss

Die Schlossfestspiele erlebten mit der Aufführung der Oper „Tosca“ einen glänzenden und mitreißenden Start.
Von Gerhard Dietel

Bei „Tosca“ befinden sich die Protagonisten in einem tödlichen Beziehungsdreieck. Foto: altrofoto.de
Bei „Tosca“ befinden sich die Protagonisten in einem tödlichen Beziehungsdreieck. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Ein paar Regentropfen fallen noch während des Hinwegs, doch dann hat der Himmel ein Einsehen. Die drohenden dunklen Wolken verziehen sich, es klart auf und recht milde Temperaturen bescheren ideale äußere Voraussetzungen für einen gelungenen Eröffnungsabend der „Thurn und Taxis Schlossfestspiele“. Dass dieser Abend auch inhaltlich zum Genuss wird, dafür sorgen die aus Brünn angereisten Kräfte der dortigen Janacek-Oper. Gelinde Skepsis gegen Tournee-Theater-Veranstaltungen darf man hier getrost fallen lassen. Die tschechischen Gäste bescheren dem Festspielpublikum eine sehr respektable, an den musikalischen und dramatischen Höhepunkten mitreißende Aufführung von Puccinis Oper „Tosca“.

Üppige Kostüme, reduziertes Bühnenbild

„Tosca“ als Genuss? Was Puccinis süffige Musik anbetrifft, ein unbedingtes Ja. Auch wenn der Instrumentalpart aus dem Off über Lautsprecher ertönt, so ist dennoch zu spüren, wie engagiert das Orchester der Janacek Oper des Nationaltheaters Brünn unter Leitung von Ondrej Olos musiziert, mal sinnlich-melodiös und betörend schön, mal leichtgewichtig burlesk, oft aber auch unheilschwanger und dramatisch aufgeputscht. Doch kann man auch die Handlung genießen? Eine Geschichte aus jener Zeit, als in Italien Napoleon und die bisher Herrschenden um die Macht stritten, eine Geschichte mit Folter, mit Mord und Hinrichtung auf offener Bühne? „Ein ekelhafter Text, blutig nicht bloß im Stoff, auch in der Handlung… Zehn verstreute Schönheiten…, geopfert dem Moloch der Kinodramatik“: so lautete das entsetzte Urteil des Puccini-Zeitgenossen und Opern-Experten Oscar Bie über „Tosca“ dermaleinst.

In unserer Bilderstrecke sammeln wir die Eindrücke des zweiten Schlossfestspiele-Abends:

Schlossfestspiele: Impressionen von Tag 2

Das Paradox, dass an diesem Festspielabend das Grausame sinnlich betörend einherkommt, bleibt unauflösbar, und die Brünner Inszenierung arbeitet sich denn auch nicht daran ab. Das Bühnenbild Pavel Svobodas muss sich auf stilisierte Andeutungen der ganz realen Stätten in Rom beschränken, an denen „Tosca“ spielt. Umso üppiger versucht dies Alexandra Grusková mit ihren Kostümen ausgleichen, die gelegentlich eher zur Übertreibung neigen, zumal wo der Klerus farbenprächtig seinen Herrschaftsanspruch demonstriert. Dramaturgisch eingesetzt wird auch das Licht: bei den abendlichen und zugleich seelischen Verfinsterungen des zweiten Aktes oder dem Blau der sich allmählich aufhellenden Morgendämmerung beim Finale auf der (nur zu ahnenden) Engelsburg. Ein paar zusätzliche Filmeinblendungen von Naturmotiven in die Handlung wirken, zudem sehr sporadisch eingesetzt, dagegen eher entbehrlich.

Mehr über die Eröffnung der Schlossfestspiele lesen Sie hier!

Eine wunderbare Maida Hundeling

Regietheater im engeren Sinn ist es nicht, was Jiri Herman auf dieser Basis bietet, doch er reichert die Aufführung mit einigen teils rätselhaften Zutaten an, wohl auch zum Blickfang auf der großflächigen Spielstätte. Eine stumme Wiedergängerin von Maria Callas, welche einst die Tosca-Rolle hinreißend verkörperte, erlebt der Betrachter, eine ebenfalls langsam dahinwandelnde und gelegentlich mitmusizierende Novizin sowie einen schwarzbeflügelten Todesengel. Letzteren mit eindeutigem Symbolcharakter: werden doch die drei Hauptfiguren alle das Ende der Opernhandlung nicht erleben.

Die Bühne im Schlosshof St. Emmeram: Bei der Oper „Tosca“ setzten die Macher auf üppige Kostüme. Das Bühnenbild kam reduzierter daher. Foto: altrofoto.de
Die Bühne im Schlosshof St. Emmeram: Bei der Oper „Tosca“ setzten die Macher auf üppige Kostüme. Das Bühnenbild kam reduzierter daher. Foto: altrofoto.de

Gesungen wird an diesem Abend bis in die Nebenrollen hinein auf hohem Niveau, aber das Augen- und Ohrenmerk fällt natürlich auf das tödliche Beziehungsdreieck der Protagonisten. Dem freigeistig gesinnten Maler Mario Cavaradossi gibt der italienische Sänger Luciano Mastro Gestalt: ein Tenor mit kernigem Fundament, aus dem heraus immer wieder kraftvolle Höhen erstrahlen. Wunderbar auch Maida Hundeling in der Rolle seiner Geliebten, der Sängerin Floria Tosca, mit einer fülligen, eher dunkel grundierten Sopranstimme. In sängerischer und darstellerischer Hinsicht wirkt sie an diesem Festspielabend als am wandlungsfähigsten: teils lyrisch geführt, teils mit resoluten Tönen aufwartend, und ihre Partie auch bis zum existenziellen Aufschrei einer gequälten Seele ausreizend. Der Polizeichef Scarpia Jirí Sulzenkos wirkt im Vergleich dazu ein wenig steif: den Machtmenschen, der Cavaradossi von seinen Schergen quälen lässt, um sich Tosca gefügig zu machen, nimmt man ihm nicht recht ab. Merkwürdig gepresst wirkt seine Stimme zu Beginn, doch singt er sich während des zweiten Akts zunehmend frei.

Die Darsteller schafften es, ihr Publikum mitzureißen. Foto: altrofoto.de
Die Darsteller schafften es, ihr Publikum mitzureißen. Foto: altrofoto.de

Eine Geschichte ist zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Das heißt im Falle von „Tosca“ dann, wenn sich die Scheinhinrichtung Cavaradossis gegenüber der Erwartung als echte entpuppt, und wenn der als Mörderin Scarpias entlarvten Titelheldin nur noch die Flucht in den Selbstmord bleibt. Dem Orchester obliegt der Schlusskommentar: grell, wie höhnisch, intoniert es nochmals das Thema von Cavaradossis letzter, wehmütig angestimmter Arie „Es leuchteten die Sterne“ wie um zu sagen: Nun sind sie endgültig erloschen.

Auch unser Video-Team ist wieder vor Ort. Sehen Sie hier die erste Folge Schlossfestspiele-TV:

Sehen Sie die erste Folge Schlossfestspiele-TV! Video: MZ

Aktuelle Informationen zu den Schlossfestspielen

Sehen Sie hier Bilder vom Auftakt der Schlossfestspiele und von der „Tosca“-Premiere:

Die Regensburger Schlossfestspiele sind eröffnet

Wir berichten im Liveticker aus dem Schloss:

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