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Schlossfestspiele

Eine große Party im Schlosshof

Was Kool & the Gang entfachen, begeistert von der ersten Sekunde an. Und umspannt 50 Jahre Musikgeschichte.
Von Peter Geiger

Der fliegende Wechsel ist fester Programmbestandteil bei Kool an the Gang: Wer gerade noch an der Rhythmusgitarre Funkystuff beisteuerte, greift im nächsten Augenblick zum hingehaltenen zweiten Bass und slappt drauflos. Dabei stehen Urmitglieder auf der Bühne – und Nachwuchskräfte.  Foto: Uwe Moosburger/ altrofoto.de
Der fliegende Wechsel ist fester Programmbestandteil bei Kool an the Gang: Wer gerade noch an der Rhythmusgitarre Funkystuff beisteuerte, greift im nächsten Augenblick zum hingehaltenen zweiten Bass und slappt drauflos. Dabei stehen Urmitglieder auf der Bühne – und Nachwuchskräfte. Foto: Uwe Moosburger/ altrofoto.de

Regensburg.s gibt Konzerte, da entpuppt sich der Notizblock für den Rezensenten plötzlich als Hindernis. Und sein Kugelschreiber, der mutiert zum Mikroersatz. Insofern also ist alles, was es hier zu lesen gibt, mehr ertanzt und ersungen als erdacht. Und vor allem: tief in der Seele gefühlt.

Große Gefahren lauern freilich, wenn eine Band die Bühne betritt, die seit 50 Jahren existiert. Und deren Erfolge weit zurückliegen, weil sie sich in den ersten beiden Dekaden abspielten. Da droht ein synthetisches Potpourri, performt von winkenden Greisen unter Zuhilfenahme der digitalen Jukebox. Bei Kool & the Gang im fürstlichen Schlosshof aber ist von der ersten Sekunde an eines glasklar: Hier wird nicht gekleckert. Nein, hier wird fett geklotzt! Allein das Line-Up beweist die Ernsthaftigkeit des Unternehmens: Da sind durchwegs zwei Sänger auf der Bühne, die begleitet werden von einer drei- bis vierköpfigen Bläsercrew. Überhaupt, der fliegende Wechsel ist fester Programmbestandteil: Wer gerade noch an der Rhythmusgitarre Funky-stuff beisteuerte, greift im nächsten Augenblick zum hingehaltenen zweiten Bass und slappt drauflos.

Bilder vom achten Abend sehen Sie in unserer Bilderstrecke:

Kool & the Gang bei den Schlossfestspielen

Der Keyboarder steuert bei Bedarf Percussionistisches bei und auch die anderen greifen zur Cowbell oder vervollständigen Choreo wie Background-Chor. Es geht fast zu wie im Operationssaal: Roadies bringen wie eifrige Stationsschwestern ständig neue Instrumente herbei, um den Chefärzten die fein portionierenden Schnitte durch das gesamte Repertoire der Band zu ermöglichen. Und die schnüren Medleys oder spielen extended Versions.

Das ist so vielgestaltig, dass niemand auf den selbstverständlich ausverkauften und steil nach oben führenden Publikumsrängen auf der Strecke bleibt. Sei’s der leicht angegraute Freak, der direkt vom Jazzweekend herüberwechselte, weil er bei Kool & the Gang nicht nur die klugen, ausgefuchsten Arrangements schätzt, sondern auch die enormen solistischen Qualitäten.

Konzerte

Festspiel-Wünsche für 2020

Pink, David Garrett oder Sarah Connor würden die Gäste gerne sehen. Was aber sagt Reinhard Söll zu diesen Anliegen?

Oder: Seien’s die hip gekleideten Party-People in ihren enggeschnittenen Kleidern und tapetenbunten Sakkos, die sich an Refrains wie „Ooh, la la la (Let’s go Dancing)“, „Joanna“ oder „Ladies Night“ ergötzen. Der größte Hit der Band – nach kurzweiligen eineinhalb Stunden bildet er auch den alles versiegelnden Schlussstein – bringt das Selbstverständnis dieser ganz im Family-Geist agierenden Gang am präzisesten auf den Punkt: Jeder, aber wirklich jeder im weiten Erdenrund soll sich als Feierwutbürger bereithalten. Soll sich darauf besinnen, woran er oder sie Spaß habe – weil es schließlich und letztendlich immer darum geht, gemeinsam zu feiern!

„We gonna celebrate / And have a good time!“ – 1979 ausgangs der Disco-Ära war das. In Spurenelementen ist da noch ein Echo der Bürgerrechtsbewegung nachweisbar: der utopische Traum von besseren Zeiten und der Überwindung jeder Art von gesellschaftlicher Spaltung auf dem Wege des gemeinsamen Tanzes. Was, bei Lichte betrachtet, genau das Gegenteil jener Agenda bedeutet, mit der ein gewisser Donald Trump im Augenblick seine Wiederwahl anstrebt, als US-Präsident.

Wir haben bei Schlossfestspiele-TV mit den Künstlern gesprochen:

Schlossfestspiele-TV: Die neunte Folge 2019

Zwischen all dem, was eh alle kennen, verstecken sich besondere Edelsteine: das supersmoothe Instrumental „Summer Madness“ etwa vom 1974er Album „Light of Worlds“ – oder die urbanen Hymnen „Jungle Jazz“ und „Spirit of the Boogie“ vom gleichnamigen Follow-up von 1975. Das ist der Stoff, der damals nur verrauscht und über Mittelwelle in Deutschland hörbar war, weil das den Radiostationen einfach viel zu progressiv war. Heute freilich ist das anerkanntes Substrat: Generationen von Hip-Hoppern griffen darauf zurück, um auf diesem Humus ihre fremdartigen Pflanzen und Früchte hochzuziehen.

Härchen in der Suppe

Und noch eine Sache ist erfreulich: Die Synthesizer, sie kommen hier nicht als Lückenbüßer zum Einsatz, weil etwa Originalinstrumente ersetzt werden müssten. Nein, wenn hier an den offensichtlich aus den 90ern stammenden Yamaha-Geräten improvisiert wird, dann erfüllt das seine eigenen ästhetischen Zwecke.

Am Schluss, nach dieser Einserbilanz, soll da wirklich noch nach Härchen gesucht werden, in der Suppe? In den oberen Regionen, so war zu hören, ließ der Sound zu wünschen übrig. Das Schlagzeug klang blechern, nicht satt und trocken, wie sich’s eigentlich gehört. Aber – wer seinem Herzen folgte, suchte ohnehin den Weg nach unten. Das war ebenfalls charakteristisch: Von Anfang an war Bewegung in der Masse, am Platz wie auch in der Formation. Resümee: Kool & the Gang ließen mit ihrem geschickt orchestrierten Programm den Emotionen freien Lauf! Um das zu erinnern, braucht’s keine Notizen und keinen Kugelschreiber!

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