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Schreiben im Zeichen der Krise

Die Buchmesse Leipzig zeigt Solidarität mit der Ukraine. Drei Dutzend Autoren aus Osteuropa sind zu Gast; noch nie bezogen sie so klar Stellung.
Von Nada Weigelt, dpa

Andrej Kurkow mit seinem Buch „Der Gärtner von Otschakow“: Kurkow ist einer von zahlreichen Autoren aus der Ukraine, die zur Buchmesse kommen. Foto: Jens Kalaene dpa

Leipzig.Die Krise in der Ukraine überschattet auch die Leipziger Buchmesse. Bis zuletzt war unklar, ob der bekannte ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan („Hymne der demokratischen Jugend“) wie erhofft zu dem Lesefest kommen kann – er war vor zwei Wochen bei Protesten in Charkiw von prorussischen Demonstranten brutal zusammengeschlagen und schwer verletzt worden.

„Die Situation kann von einem Tag zum anderen kippen. Wir müssen uns deshalb auf alles einstellen“, sagt Kurator Martin Pollack in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Der österreichische Autor und Übersetzer, 2011 in Leipzig mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet, gestaltet zum dritten Mal das Programm „tranzyt“ bei der Buchmesse – über die Literatur in Polen, Weißrussland und der Ukraine. „Diesmal hat uns die Aktualität eingeholt. Ich wünschte, es wäre nicht so passiert.“

Junge spannende Szene

Die Gäste aus der Ukraine stehen deshalb besonders im Fokus: Der preisgekrönte Poet und Autor Juri Andruchowytsch („Perversion“), der zu den Wortführern vom Maidan gehört, Schriftstellerkollegen wie Oleksandr Kabanov, Oksana Forostyna, Tanja Maljartschuk, Natalka Sniadanko oder Andrej Kurkow, der auf Russisch schreibt. Insgesamt werden mehr als drei Dutzend Autoren aus Osteuropa erwartet, oft liegen ihre Werke auch auf Deutsch vor.

„In der Ukraine gibt es eine junge, spannende Literaturszene, auch wenn sich der Buchmarkt erst langsam von der Planwirtschaft erholt“, sagt Kurator Pollack. Private Verlage litten bis heute unter einem schlechten Verteilernetz, zudem sei die Konkurrenz durch billige Bücher aus dem benachbarten Russland groß. „Aber in den letzten Jahren ist eine vielversprechende Entwicklung zu beobachten. Es lohnt sich, für das Verständnis des Landes genauer hinzuschauen.“

Erschwerte Bedingungen

Für die ukrainische Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Nelia Vakhovska aus Kiew, eine Mitherausgeberin des Magazins „proStory“, ist die Literatur ihrer Heimat eine „stinknormale europäische Literatur, die unter erschwerten Bedingungen entsteht.“ Die zeitgenössischen Autoren hätten schon immer ein positives Bild von Europa vermittelt, aber zunächst als „Aufklärer nach innen“, die der Ukraine die europäischen Werte als leuchtendes Vorbild vermittelt hätten.

„Heute sind die internen Aufklärer zu Aufklärern nach draußen geworden“, so Vakhovska zur dpa. „Die Ränder haben dem vermeintlichen Zentrum gesagt: Wenn es weiterhin für das Zentrum demokratischer Werte, Menschenrechte usw. gehalten werden möchte, dann muss es sich auch entsprechend verhalten und handeln - und nicht nur kolonial-gemütliche Berichte erstellen lassen.“ Noch nie in der ukrainischen Geschichte hätten die Autoren so klar Stellung bezogen.

Das moralische Pathos kehrt zurück

Auch Chrystyna Nazarkewytsch (50), Germanistik-Dozentin an der Universität Lviv (Lemberg), hält die aktuellen politischen Ereignisse für eine tiefe Zäsur. „Es hat noch nie so viele politische Texte gegeben wie heute. Die Maidan-Lyrik auf den Facebook-Seiten ist zum Teil sehr tief, sehr ergreifend“, sagt sie. Auch bei der Prosa erwarte sie eine Flut von Texten, die das Geschehen literarisch verarbeiten.

Für viele Autoren in der Ukraine ist das keineswegs selbstverständlich. Nach den Jahrzehnten des verordneten „sozialistischen Realismus“ in der Sowjetunion sei die Literatur seit den 90er Jahren eher zynisch und total apolitisch gewesen, sagt Nazarkewytsch. „Jetzt kehrt das moralische Pathos zurück. Nach all dem Erlebten kann man manches nur noch schreiend und mit zurückgehaltenen Tränen erzählen.“

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